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Lebensqualität bei schubförmigem Verlauf hat sich verbessert

Hat sich die Behinderungsprogression dank Immunmodulatoren verlangsamt? – Dies legt eine große Kohortenstudie aus Schweden nahe.

Wie genau das einzelne Medikament bei einem einzelnen Multiple Sklerose-Patienten wirken wird, kann bis heute niemand voraussagen. In Studien wird immer nur das statistische Mittel berechnet. Damit kann man eine Tendenz prognostizieren, aber nicht den genauen Erfolg im Einzelfall. Seit Mitte der 1990er-Jahre sind die ersten Interferone bei MS zugelassen. Inzwischen hat sich die Zahl der Wirkstoffe auf rund 15 erhöht; darunter sind auch Mittel, die im Vergleich mit Interferonen oder Glatiramerazetat deutlich stärker wirksam sind (s. www.amsel.de/ms-behandeln ).

Je nach Anzahl der Schübe, individueller Behinderungsprogression, weiteren Erkrankungen oder Vorbelastungen und den künftigen Plänen (z.B. Kinderwunsch) wählt der Patient in aller Regel gemeinsam dem Neurologen einen Immunmodulator für seine schubförmige MS aus. Es gibt Ärzte – und Patienten –, die grundsätzlich mit einem schwächeren (meist auch nebenwirkungsärmeren) Wirkstoff starten und gegebenenfalls zu einem stärkeren Wirkstoff eskalieren. Und es gibt Ärzte wie Patienten, die von Anfang an nach der Devise "Time ist Brain" handeln und die Therapiestärke möglichst hoch ansetzen.

Das wird auch weiter eine höchst individuelle Entscheidung bleiben. Bestenfalls sind sich Neurologe und Patient über die Therapie einig. Die aktuell vorliegende Studie aus Schweden kann und will auch keine individuellen Prognosen abgeben. Jedoch hat sie in den zwei Dekaden bis 2016 eine durchschnittliche Verlaufsverbesserung bei schubförmig-remittierenden Multipler Sklerose-Patienten nachgewiesen – was für die verbesserten Therapiemöglichkeiten sprechen könnte.

EDSS-Werte markieren Wendepunkte im Leben eines MS-Erkrankten

Rund 8.000 Patientendaten von Patienten mit EDSS 2 oder mehr, die zwischen 1995 und 2010 diagnostiziert wurden, waren in die retrospektive Kohortenstudie eingeschlossen. Eruiert wurden die Zeitspannen bis zum Erreichen von EDSS 3, 4 und 6. Das Risiko dafür war um 3, 6 bzw. 7% jährlich verringert.

Zur Orientierung:

  • Mit EDSS 2 sind Menschen so gut wie uneingeschränkt gehfähig.
  • Bei EDSS 4 kann man nicht mehr uneingeschränkt gehen, aber immerhin noch mind. 500m ohne Pause oder Hilfe gehen.
  • Ab EDSS 6 braucht ein Patient zwischendurch oder für die komplette Strecke eine Krücke, um 100 Meter zurückzulegen.

Das sind wichtige Wendepunkte in der Biografie eines Menschen mit Multipler Sklerose. Frei sein, zu gehen, wohin man will, ohne Gehhilfen oder die Hilfe anderer (EDSS 2). Es bis zur U-Bahnhaltestelle ohne Hilfsmittel schaffen, aber dennoch einen Gehstock mitnehmen für die längeren Wege in der Stadt (EDSS 4). Sobald man außer Haus geht, die nötigen Hilfsmittel dabei haben. Es ohne Pause nicht mal mehr um den Block schaffen. Auf längere Spaziergänge, gar Wanderungen zu verzichten, es sei denn alle 100 Meter befindet sich eine Bank (EDSS 6).

Sie markieren die vorhandene Mobilität und Selbständigkeit sowie den zusätzlichen Zeitaufwand, den ein Erkrankter wuppen muss, um das Gleiche zu erreichen wie ein Gesunder (wer schon einmal an Krücken gehen musste, und sich dann vorstellt, dass nach jeweils 100 Metern Schluss ist, kann das in etwa nachempfinden). Vor diesem Hintergrund ist jedes Hinausschieben einer Behinderungsprogression für den Einzelnen und seine Angehörigen sehr wertvoll.

Therapie von progredienten Fällen nicht verbessert

In den untersuchten und mit den Vorjahren verglichenen zwei Jahrzehnten sind die meisten Interferone und auch die stärker wirksamen Immunmodulatoren zugelassen worden. Möglicherweise verbesserten also die verbesserten Therapiemöglichkeiten das Gesamtbild unter den schubförmig-remittierender Patienten. Wissenschaftlich betrachtet darf man aber auch andere Faktoren nicht ausschließen wie zum Beispiel bestimmte Lifestylefaktoren und andere (symptomatische) Therapien.

Dass der Grund für den weniger starken Behinderungsfortschritt tatsächlich bei den verbesserten Wirkstoffen liegt, ergibt sich aus einem anderen Umstand. Die Verbesserung zeigte sich nämlich nur in der Gruppe mit schubförmig-remittierendem MS-Verlauf, nicht jedoch bei den primär-progredienten Patienten, die von Anfang an einen schleichenden Verlauf haben.

Insgesamt scheint die schwedische Studie zu bestätigen, dass die enorme Anzahl an zugelassenen verlaufsmodifizierenden Wirkstoffen den schubförmigen Verlauf der MS verbessert. Für die rein progredienten Verläufe (primär progrediente und/ oder sekundär progrediente MS ohne aufgesetzte Schübe) gibt es mit Ocrelizumab und möglicherweise noch in diesem Jahr auch mit Siponimod Hoffnung, dass auch hier eine echte Verlaufsverbesserung zu erreichen ist. 

Quelle: JAMA, 18.03.2019.

 

Redaktion: AMSEL e.V., 01.04.2019