Der Verlauf der MS ist individuell sehr unterschiedlich und kann im Einzelfall nur schwer vorausgesagt werden. Die Bandbreite der Erkrankung kann von einem einzigen Schub ohne nennenswertes neurologisches Defizit bis hin zur raschen, progredient eintretenden und schweren Behinderung reichen. Die Unvorhersehbarkeit des Krankheitsverlaufs stellt eine besondere Belastung für MS-Kranke und Angehörige dar.
Die beiden wesentlichen Verlaufsformen sind der schubförmige - zu Beginn bei bis zu 90% der Erkrankten - und der progrediente - zu Beginn bei 5-15% - Verlauf.
Verlaufsformen der Multiple Sklerose
-
Schubförmiger Verlauf (RRMS)
Eine schubförmige MS (Relapsing Remitting Multiple Sclerosis) ist gekennzeichnet durch klare Schübe mit plötzlich auftretenden (neuen) Krankheitssymptomen, die mindestens 24 Stunden anhalten und sich ganz oder zumindest teilweise wieder zurückbilden. Zwischen den Schüben ist keine Krankheitsprogression zu verzeichnen.
-
Primär progredienter Verlauf (PPMS)
Die seltenere primär progrediente MS (Primary Progressive Multiple Sclerosis) ist gekennzeichnet durch eine kontinuierliche Verschlechterung von Anfang an. Symptome nehmen kontinuierlich zu, und es sind nur geringfügige Verbesserungen möglich.
-
Sekundär progredienter Verlauf (SPMS)
Die sekundär progrediente MS (Secondary Progressive Multiple Sclerosis) besteht aus einem zunächst schubförmigen Verlauf, dem eine Phase der fortschreitenden Verschlechterung mit oder ohne Schübe und geringfügigen Verbesserungen der Symptomatik folgt.
-
Klinisch isoliertes Syndrom (CIS)
Das Klinisch Isolierte Syndrom (Clinically Isolated Syndrome) kennzeichnet den ersten Schub, wenn die Diagnose (noch) nicht gestellt werden kann. Es äußert sich z. B. in Seh- oder Sensibilitätsstörungen, die schubförmig auftreten und mindestens 24 Stunden anhalten müssen.
Aktuell geht man davon aus, dass eine strikte Trennung der genannten Verlaufsformen nicht länger sinnvoll ist. Aus heutiger Sicht ist die MS eine Erkrankung ("one disease"), mit der frühen/milden, sich entwickelnden MS und dem fortgeschrittenen Krankheitsstadium als zwei Pole eines Krankheitskontinuums. Da die bisherige Zulassung von Medikamenten jedoch auf der Einteilung der MS in Verlaufsformen beruht, steht eine Neudefinition der Verlaufsformen bzw. Krankheitsstadien aus.
Nach den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie von Februar 2026 kann auch bei unspezifischen oder fehlenden klinischen Präsentationen und beim Radiologisch Isolierten Syndrom (RIS) in definierten Konstellationen bereits eine MS diagnostiziert werden.
Für die Verlaufsformen stehen verschiedene krankheitsmodifizierende Medikamente zur Verfügung, auch für die Behandlung von MS-Symptomen gibt es medikamentöse und nicht-medikamentöse Therapiemöglichkeiten.
Gibt es Prognosefaktoren für den Verlauf?
Auch wenn der Verlauf einer MS grundsätzlich nicht vorhersehbar ist, gibt es Faktoren, die auf einen eher günstigen oder einen eher ungünstigen Verlauf schließen lassen.
Für einen günstigen Verlauf spricht in der Regel, wenn
- zu Anfang nur ein Symptom auftritt, nicht mehrere,
- es sich dabei um ein sensibles Symptom wie Kribbeln und Taubheitsgefühl oder um kurz anhaltende Sehstörungen handelt,
- die Schübe von kurzer Dauer sind, sich gut zurückbilden und lange Zeiträume zwischen den Schüben liegen,
- zu Beginn keine Lähmungen oder Gleichgewichtsstörungen auftreten,
- die MS vor dem 35. Lebensjahr beginnt und
- nach fünf Jahren Dauer die Gehfähigkeit erhalten ist.
Für einen ungünstigen Verlauf spricht in der Regel, wenn
- zu Beginn gleich mehrere Symptome auftreten (z.B. Lähmung mit einer Sehstörung),
- Beschwerden auf eine Schädigung des Kleinhirns und Rückenmarks hinweisen (unsicherer Gang, starkes Zittern der Hände/Arme, Bewegungs- und Sprachstörungen, Lähmungen und Muskelspannung/Steifigkeit),
- Schübe lang andauern,
- Schübe sich schlecht zurückbilden,
- schon zu Beginn zahlreiche Entzündungen und Narben im MRT sichtbar sind.
Grundsätzlich gilt ein schubförmiger Verlauf als prognostisch günstig, ein progredienter Verlauf als prognostisch ungünstig.