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Hund, Katze und Co. – Tiere als Co-Therapeuten

Die meisten von uns haben vielleicht eher eine vage Vorstellung davon, was sich hinter dem Begriff der „tiergestützten Therapie“ verbirgt, aber bestimmt schon einmal von der Delfintherapie gehört. Dass auch Hunde, Katzen, Meerschweinchen oder Esel eine förderliche Wirkung haben, ist dagegen kaum bekannt. - Der Psychologe Dr. Rainer Wohlfarth erklärt die Zusammenhänge.

Noch im alten Jahr haben wir über Sebastian mit Hund Lucky und Constanze mit ihren Straußen berichtet. Hier nun die Expertensicht auf "Tiere als Co-Therapeuten".

Als Co-Therapeuten haben sich Tiere längst etabliert. Sie können Menschen helfen, Angststörungen oder Depressionen zu überwinden und soziale Fähigkeiten verbessern. Tiere inspirieren auch das Nervensystem und können Menschen mit Bewegungsstörungen zu mehr Bewegungsfreiheit verhelfen. Die meisten von uns haben vielleicht also eine vage Vorstellung davon, was sich hinter dem Begriff der „tiergestützten Therapie“ verbirgt und bestimmt schon einmal von der Delfintherapie gehört. Dass auch Hunde, Katzen, Meerschweinchen oder Esel eine förderliche Wirkung haben, ist dagegen kaum bekannt.

Tiergestützte Therapie ist keine eigenständige Therapieform, sondern sie ergänzt die klassischen Behandlungsmethoden. Durch das Tier werden das Vertrauen, die Sicherheit, das Mitteilungs- und Geselligkeitsbedürfnis des Menschen sowie ihre Motivation und Kooperation gefördert. Tiere können bildlich gesprochen Türen öffnen und ein Umfeld schaffen, in dem Therapeuten gut arbeiten können. Damit ist aber auch gesagt: Tiere heilen nicht – sie helfen zu heilen. Das Tier unterstützt den Therapeuten bei seiner üblichen Behandlung. Tiere werden deshalb bei unterschiedlichsten Therapien eingesetzt:

  • Krankengymnastik,
  • Ergotherapie,
  • Sprachtherapie oder
  • Psychotherapie.

Das Geheimnis der Wirkung von Tieren

Was oft ein wenig wie Wundermedizin anmutet, hat physiologische und psychologische Hintergründe, die Wissenschaftler nach und nach entschlüsseln. Dass Menschen emotionale Beziehungen zu Tieren aufnehmen, ist auf die Evolution zurückzuführen: Weil die menschliche Entwicklungsgeschichte über viele Jahrtausende parallel mit Tieren verlief, teilen wir nicht nur physiologische und kognitive Mechanismen mit Hund und Katz, sondern auch Hirnstrukturen für soziales Verhalten. Außerdem sind Menschen auf Grund ihres langen Jäger-und-Sammler-Daseins „biophil“. Mit diesem Begriff bezeichnete der US-amerikanische Biologe Edward Osborne Wilson bereits in den achtziger Jahren die Neigung des Homo sapiens, mit Tieren zusammenzuleben und ein beinahe instinktives Interesse an der Natur zu zeigen.

Aus der Neurobiologie wissen wir heute, dass unser Gehirn nur neue Leistungen vollbringen kann, wenn durch neue Erfahrungen gezielt neuronale Netzwerke angeregt werden. Sie können sich dann und nur dann umknüpfen und neue Netzwerkverbindungen im Gehirn entstehen lassen. Es geht dabei um „Verdichtungserlebnisse“, also die gleichzeitige Anregung mehrerer Hirnareale. Hier sind Tiere unsere besten Helfer. Sie bieten „Überraschendes“ an. Mit Tieren entstehen Situationen mit unfertigen Lösungen. Es kommt zu Empfindungen in unterschiedlicher Art und Weise, die eine umfassende sensomotorische Aktivierung ermöglichen.

Tiere geben direkte Rückmeldung des Verhaltens, sie machen Beziehungsangebote, sind authentisch, wertschätzend und wenden sich uns zu. All das brauchen wir, damit unser Gehirn neue emotionale und mentale Leistungen erbringen kann. Und Tiere können uns helfen, dies zu entwickeln. Ein Geheimnis der Wirkung von Tieren auf den Menschen liegt auch darin, dass Tiere nicht werten. Sie akzeptieren Menschen mit all ihren Schwächen und Stärken. Tiere sind ohne Worte präsent. Wenn uns beispielsweise ein Esel freudig mit einem IA begrüßt, ruft er keine Höflichkeitsfloskel. Sobald man versucht, einen Esel am Strick hinter sich herzerren zu wollen, bleibt er stehen. Solange, bis man achtsam bei sich ist und der Esel die Führung annimmt.

Tiere entspannen und aktivieren

Der Umgang mit Tieren wirkt entspannend und aktivierend zugleich, es entsteht sozusagen eine Art entspannte Konzentration. Körperkontakt, Wärme, Herzschlag, Atmung, Geruch, Laute und das Aussehen eines Tieres aktivieren die Wahrnehmung mit allen Sinnen. Mit Tieren können wir schmusen und kuscheln, wir können sie streicheln und zu ihnen zärtlich sein. Dies gibt uns ein warmes Gefühl.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, das Körperkontakt benötigt. Untersuchungen belegen, dass das Streicheln eines Tieres Ruhe und Entspannung bewirkt. Man wird nicht nur entspannt, sondern auch die Stimmung wird besser. Durch den positiven Mensch-Tier-Kontakt – vor allem Körperkontakt – wird Oxytocin, das sogenannte Kuschelhormon, ausgeschüttet, was Wohlbefinden und Entspannung bewirkt und das Vertrauen zu anderen steigert. Daher können Tiere – vor allem Hunde – Menschen bei Stress oft besser emotional unterstützen als andere Menschen.

Tiere vermitteln

Mit einem an Depression erkrankten Menschen Kontakt aufzunehmen, ist manchmal nicht so einfach – selbst für einen Psychotherapeuten. Ein Hund, der die Person mit seinen schwarzen Knopfaugen ansieht und signalisiert „streichle mich“, kann unter Umständen die Lage deutlich entspannen. Tiere sind Kontaktbrücken. Sie können helfen, zwischenmenschliche Beziehungen zwischen Patient und Therapeut schneller und dauerhafter zu gestalten. Hunde – und insbesondere ruhige und freundliche Exemplare – sind für Menschen hochattraktiv. Sie machen in der Regel schnell Beziehungs- und Kommunikationsangebote, indem sie etwa die Pfote geben, Blickkontakt aufnehmen oder sich zum Streicheln anbieten.

Studien zeigen: Menschen mit Tieren werden als freundlicher, weniger angsteinflößend sowie entspannter wahrgenommen. Psychologen haben sich diesen besonderen Effekt von Tieren als soziale Katalysatoren zunutze gemacht. Über das Thema Tier, über Streicheln und Spielen mit ihm, kann ein Zugang zum Patienten geschaffen werden. Das Tier nimmt die Funktion des Eisbrechers ein. Die anfänglich zurückhaltende, angsterfüllte oder auch feindselige Haltung des Patienten gegenüber seinem Therapeuten kann durch die Anwesenheit eines Tieres gemildert werden. Der Hilfesuchende erfährt durch das Tier gefühlsmäßige Unterstützung. Er fasst Vertrauen zum Tier und damit auch zu sich selbst. Der Kontakt zu anderen Menschen, hier zunächst und vor allem zum Therapeuten, wird dadurch wesentlich erleichtert.

Tiere motivieren

Oft haben Menschen, die eine Therapie machen, keine Lust auf stupides Üben. Für Meerschweinchen Karotten zu würfeln und Äpfel zu schälen, kann viel motivierender sein. Tiere motivieren uns in drei Bereichen: Wir können uns stolz fühlen, weil das gemeinsame Meistern einer herausfordernden Aufgabe gelungen ist. Wir können uns als stark erleben, da es gelungen ist, dem Tier etwas beizubringen. Und schließlich motiviert uns, wenn wir ein Gefühl sozialer Harmonie mit dem Tier genießen, wenn wir fühlen, dass wir von dem Tier akzeptiert, gemocht oder geliebt werden. Daher sind Menschen eher motiviert, eine Therapie zu machen, bei der Tiere einbezogen werden.

Es muss nicht immer der direkte Kontakt zum Tier sein, auch das Tun für ein Tier kann therapeutisch wirksam sein. So erleben Menschen, die Tiere versorgen, dass sie durch ihr Tun etwas bewirken. In der Fachsprache sagt man, sie erfahren Selbstwirksamkeit. So sind Patienten in der Logopädie eher bereit, den einen oder anderen Satz mehr zu sprechen, während sie parallel das flauschige Fell eines Kaninchens streicheln können. Oder sie wiederholen durch das Bürsten von Hundefell in der Krankengymnastik bestimmte Bewegungen immer wieder und trainieren so unbewusst. Zudem wachsen Selbstvertrauen und Selbstwert.

Theorie und Praxis

Leider hinkt die Erforschung der tiergestützten Therapie der Anwendung in der Praxis noch hinterher. Für Multiple Sklerose gibt es – soweit bekannt – keine expliziten Studien. Auch gibt es insgesamt nicht viele gute Studien zum Heilungspotenzial von Tieren. Das Manko: Die Untersuchungsergebnisse sind nicht ohne weiteres auf andere Situationen übertragbar. Oft sind die Teilnehmerzahlen recht klein, oder es fehlt eine Kontrollgruppe. Den wenigsten Studien liegt ein sauberes Forschungsdesign zugrunde. Trotz dieser Einschränkungen weisen fast alle Studien daraufhin, dass Tiere die Behandlung unterschiedlichster Erkrankungen wesentlich unterstützen können.

Anbieter tiergestützter Therapien sollten immer das Wohl von Mensch und Tier gleichermaßen im Blick behalten. Dazu müssen die Therapeuten neben ihrer pädagogischen oder therapeutischen Ausbildung fundierte Fachkenntnisse in tiergestützter Therapie haben. Und auch die Tiere müssen buchstäblich in ihre Rolle als Therapie(begleit)tier hineinwachsen. Tiere können nur dann gute Co-Therapeuten sein, wenn wir ihre Sprache gut verstehen, achtsam mit ihnen umgehen und ihre individuellen Bedürfnisse kennen. Es muss eine hohe Beziehungsstabilität zwischen Tier und Bezugsperson bestehen. Nur entspannte und zufriedene Tiere, die gut auf den Umgang mit Menschen vorbereitet wurden, üben eine positive Wirkung aus.

Eine Erfolgsgarantie gibt es allerdings genauso wenig wie bei anderen Heilmitteln. Das gilt ausdrücklich auch für eine Delfintherapie. Eine solche Behandlung ist vergleichsweise teuer und es fehlen wissenschaftliche Nachweise für ihre langfristige Wirksamkeit. Zudem ist Delfintherapie tierethisch fragwürdig, da sie meist mit gefangenen Tieren durchgeführt wird. Und bei angeblich freilebenden Tieren zeigen sich durch den Kontakt mit Menschen vermehrt Stresssymptome und auch Krankheiten werden übertragen.

Grundsätzlich gehört eine tiergestützte Therapie nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung. Wer sich für eine tiergestützte Therapie interessiert, sollte bei seiner Krankenversicherung nachfragen, ob und inwieweit sie eine tiergestützte Therapie bezuschusst. Leider zeigt die Erfahrung, dass ein Zuschuss nur selten gewährt wird. Daher müssen oft Stiftungen, Spenden oder die Patienten selbst die tierische Förderung finanzieren.

Dr. Rainer Wohlfarth Diplom-Psychologe

  • Tiergestützte Therapie mit Hund und Esel und Leiter der Bereiche Aus- und Weiterbildung sowie tiergestützte (Psycho-)Therapie bei Ani.Motion – Institut für tiergestützte Therapie, Sasbachwalden
  • parallel tätig als Psychologischer Psychotherapeut an der Max Grundig Klinik, Bühl
  • Präsident der Europäischen Gesellschaft für tiergestützte Therapie

Redaktion: AMSEL e.V., 17.12.2018