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Stehende Ovationen für das Deutsche NeuroOrchester in der Liederhalle

Für Sternstunden der Musik wie der Gemeinnützigkeit sorgte das Deutsche NeuroOrchester mit seinem Benefizkonzert in der Stuttgarter Liederhalle.

Die stehenden Ovationen nach der ersten Zugabe – dem Andante con moto aus Felix Mendelsohn Bartholdys "Italienischer" – hatten sich die 55 Musiker des Deutschen NeuroOrchesters redlich verdient: Einfach Unglaubliches leisteten die Neurologen, Neurowissenschaftler und MS-Betroffenen auf der Bühne der Liederhalle. Zwei Konzerte, Bachs rekonstruiertes Doppelkonzert für Violine, Oboe und Orchester in d-Moll (BWV 1060) sowie Mendelssohn Bartholdys Sinfonie Nr. 4 in A-Dur (op. 90), standen abends auf dem Programm. Und das nach einem anstrengenden Tag auf dem zeitgleich stattfindenden DGN-Kongress in Stuttgart. 

Für 250.000 Menschen mit MS und für die Forschungsförderung spiele das Orchester heute, bergüßte Prof. Dr. med. Judith Haas, Vorsitzende des DMSG Bundesverbands die Gäste in der Liederhalle. "Wenn Neurologen, Neurowissenschaftler und an MS Erkrankte gemeinsam ihre Leidenschaft für Musik... leben, dann entstehen Sternstunden," prognostizierte Dr. rer. nat. Astrid Proksch schon vor dem Konzert. Und die Geschäftsführerin des  Bereichs "Gehirn erfoschen" der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung sollte Recht behalten: Ein so virtuoses wie strahlendes Konzert folgte. Sicher kommen die Erlöse des Benefizkonzertes auch der personalisierten Therapie zugute, dem Fokus des diesjährigen DGN-Kongresses, wie dessen Präsident Prof. Dr. med. Ulf Ziemann aus Tübingen betonte.

Musizieren und dabei Gutes tun

So traurig es ist, dass man Multiple Sklerose bis heute nicht heilen kann, so erhaben, optimistisch und empathisch zugleich ist es doch, wenn Vertreter, hauptsächlich aus dem neurologischen Fach, sich zusammentun, um mit ihrem Hobby, der Musik, Spenden für die unanbhängige MS-Forschung zu sammeln. Die Literatur dazu ist passend heiter gewählt: Gerade die wichtigen, sozusagen ein- und ausstimmenden Ecksätze sowohl von Bachs Konzert wie von Mendelssohn Bartholdys Sinfonie verbreiten nichts als Freude und Zuversicht. Doch freilich hat die Zusammenstellung der Literatur auch musikgeschichtliche Gründe, wie Dirigent Prof. Dr. med. Stefan N. Willich erklärt, denn "Mendelssohn hat eigentlich Bach damals [rund 100 Jahre später] wiederentdeckt," so der Kardiologe und Gründer des World Doctors Orchestra, der nicht nur Medizin sondern auch Musik studiert hat, unter anderem in Stuttgart.

Leicht und doch mit Fülle erschallt der erste Satz von Johann Sebastian Bachs Doppelkonzert für Violine, Oboe und Orchester in d-moll und rekonstriuert nach BWV 1060. Was zu Lebzeiten Bachs – auch er musste sich offensichtlich der Mode der Zeit beugen – nur als Konzert für zwei Cembali aufgeführt wurde, ertönt 300 Jahre nach der eigentlichen "Erfindung" jugendlich und frisch, lässt im zweiten Satz (Largo ovvero Adagio) auch Raum für eine fast klagende Oboe (Solistin: Dr. rer. medic Ilona Rubi-Fessen) und gipfelt, nach munterer Talfahrt, vielleicht in einem Schlitten, so scheint es, im dritten Satz mit seinen irrwitzig schnellen Läufen und Fugen in ein Duett von Oboe und Violine. An der Geige kein geringerer als Prof. Dr. med. Klaus V. Toyka, ehemaliger Leiter der Neurologischen Klinik Würzburg und heute ebendort Seniorprofessor für Experimentelle Forschung.

Begeisterung auf der Bühne wie davor

Felix Mendelssohn Bartholdys "lustigstes Stück", so der Komponist einmal über seine vierte Sinfonie, hat er selbst nie gehört. Viele Passagen des "Allegro vivace" wie des schlussbildenden "Saltarello: Presto" wirken pompös im besten Sinne, eine Vertonung der Gewissheit, der Überzeugung, der Freude, des Mutes und des Übermutes. Ein einziges An- und Abschwellen, versiertes Spiel auch mit den Tempi. Ruhige Passagen dienen nur dem Luftholen nach noch mehr Lebensfreude. Nach zwei langsamer schreitenden Mittelsätzen in völlig verschiedener Manier, greift der vierte Satz wieder das höfisch-heitere Gemüt des ersten auf, ein einziges strahlendes Fest. Fast nicht zu glauben, dass der Komponist sein eigenes Werk nie gehört hat: Die "Italienische" wurde erst 15 Jahre nach seinem Tod in Deutschland erstaufgeführt.

Nach drei Vorhängen gab das NeuroOrchester noch einmal den zweiten Satz von Mendelssohn Bartholdy: Andante con moto. Mit stehenden Ovationen "erkämpfte" sich das Publikum eine weitere Zugabe und wurde prompt mit einer Wiederholung des schwungvollen vierten Satzes belohnt. "Einfach toll!", zeigte sich NeuroOrchester-Gründerin und erste Geige Dr. med. Muriel Stoppe nach dem Konzert begeistert über das Publikum. Auch wenn der rund 2.000 Plätze fassende Beethovensaal in der Liederhalle nicht gefüllt war: Dass dieses Publikum ganz besonders mitging, habe man auf der Bühne deutlich gespürt.

Das diesjährige Benefizkonzert fand als Kooperation der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG), Bundesverband e.V., der AMSEL – Aktion Multiple Sklerose Erkrankter, Landesverband der DMSG in Baden-Württemberg e.V., der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung sowie der Konzertagentur SKS Erwin Russ GmbH statt. Der Erlös geht in die unabhängige Multiple-Sklerose-Forschung.

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AMSEL dankt den Musikern des NeuroOrchesters für ihre Spielfreude und den Gästen in der Liederhalle für ihr Kommen und ihre zusätzlichen Spenden im Anschluss an das Konzert. Dank geht außerdem an die Gemeinnützige Hertie-Stiftung und die SKS Erwin Russ.

Redaktion: AMSEL e.V., 27.09.2019