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Kinderwunsch und Multiple Sklerose

Im Expertenchat mit Dr. Holger Roick ging es unter anderem um die Frage, wann man von einer familiären Häufung der MS spricht.

Moderator Patricia Fleischmann: Guten Abend, liebe Chatter, gleich gehts los hier im Expertenchat über Multuple Sklerose und Kinderwunsch. Dr. Holger Roick antwortet ab 19 Uhr. Fragen können Sie gern jetzt schon stellen.

Melina: Gibt es bei MS erkrankten eine höhere wahrscheinlich an nicht zu Ende gebrachten Schwangerschaften ?

Dr. Holger Roick: Guten Abend an alle, ich freue mich, mich heute Abend mit ihnen auszutauschen zu dürfen. Hallo Melina: es gibt bei MS keine erhöhten Risiken in Hinblick auf Fehlgeburt, Miss-Fehlbildung o. Frühgeburt.

Dr. med. Holger Roick

  • Facharztausbildung für Neurologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
  • 1996-2006 Oberarzt der Neurologischen Klinik des Schwarzwald-Baar-Klinikums Villingen-Schwenningen GmbH.
  • Zusatzbezeichnung "Spezielle Neurologische Intensivmedizin"
  • Spezialisierung auf den Gebieten extrapyramidal-motorischer, neuro-vaskulärer und neuro-immunologischer Erkrankungen (insbesondere Multiple Sklerose)
  • Seit Juli 2006 niedergelassener Neurologe in der E/M/S/A-Gemeinschaftspraxis.

Allgemein - Melina: Erfahrungen mit Schwangerschaft und ms ?


Yvonne: Muss ich während der Schwangerschaft meine Therapie unterbrechen?

Dr. Holger Roick: Hallo Yvonne, in der Regel wird die Immuntherapie mit Feststellung der Schwangerschaft abgesetzt. Da manche Medikamente (zB Subagio o. Gilenya) ein erhöhtes Risiko f. Fehlbildungen haben, werden diese in Rücksprache mit der/dem betreuenden Neurologin/Neurologen vorher geplant abgesetzt.

Melina: Und gibt es eine wahrscheinlich das das Kind irgendwann auch an ms erkrankt ?

Dr. Holger Roick: Statistisch zwischen 3-5%


Allgemein - Melina: Danke


Petra: Guten Abend! Haben Sie Erfahrungen mit Schwangerschaften unter Alemtuzumab? Sinkt während der Schwangerschaft neben der Schubrate auch die Gefahr für Autoimmunerkrankungen als Nebenwirkung dieses Medikaments? Vielen Dank im Voraus!

Dr. Holger Roick: Guten Abend Petra: hierzu habe ich leider keine Erfahrungen und kenne auch keine diesbezüglichen Daten

Patricia: Hallo! Ich bin zur Zeit in der 6. SSW und hatte vor 7 Wochen meine letzte Tysabri-Infusion. Muss ich etwas beachten oder kann ich mich einfach über die Schwangerschaft freuen? Mein Neuro hat nicht viel Erfahrung damit.

Dr. Holger Roick: Hallo Patricia: Herzlichen Glückwunsch. Freuen Sie sich über Ihre Schwangerschaft. Wegen der letzten Tysabri Infusion gibt es nichts weiter zu beachten. Es kann während der Schwangerschaft durchaus zu Schüben kommen. Kortisonstoßtherapien (mit Methylprednisolon) sind ab der 13. SSW ohne Risiken für das Kind möglich.

Jule: Hallo Herr Dr. Roick, unter Tecfidera darf man ja nicht schwanger werden. Setze ich also die Tabletten ab, sobald ich schwanger werden möchte? Theoretisch kann es sehr lange dauern....

Dr. Holger Roick: Hallo Jule. Vorher absetzen und keine Therapie machen ist problematisch, da Sie ja nicht wissen, wann Sie schwanger werden. ei Tecfidera empfehle ich das Medikament bis zur Schwangerschaft weiter einzunehmen.

Beate: Hallo, ich würde gerne fragen, ob Immunglobuline in der Schwangerschaft und direkt nach der Geburt hilfreich sind um Schübe in der Stillzeit zu verhindern? Ich habe zwei Kinder und leider zu kurz vor der Geburt des zweiten von der Möglichkeit erfahren. Leider musste ich bei beiden Kindern früher mit dem Stillen aufhören weil eine Kortisontherapie notwendig wurde und ich nicht wollte, dass meine Kinder davon etwas abbekommen. Vor der ersten Schwangerschaft habe ich Rebif gespritzt und mit dem Wissen dann sofort abgesetzt. Das ging problemlos. Beim zweiten Kind musste ich vier Wochen vor dem Planen der Schwangerschaft das Tecfidera absetzen, wodurch die Spanne ohne Medis sehr lang wurde. Meine Kinder sind gesund und munter.

Dr. Holger Roick: Hallo Beate. Immunglobuline sind während und nach der Schwangerschaft eine Option zur Verminderung des Schubrisikos. Leider sind Immunglobuline nicht zur Behandlung der MS zugelassen und die Krankenkassen übernehmen in der Regel die Kosten nicht.

Jule: Hallo Herr Dr. Roick, unter Tecfidera darf man ja nicht schwanger werden. Setze ich also die Tabletten ab, sobald ich schwanger werden möchte? Theoretisch kann es sehr lange dauern....

Dr. Holger Roick: Hallo Jule. Wie bereits oben gesagt, sollten Sie Tecfidera bis zur Schwangerschaft weiter einnehmen. Bei positivem Schwangerschaftstest hören Sie sofort mit der Einnahme auf.

Imsa: Hallo, wie sieht es bei MS und künstlicher Befruchtung aus? Treten hier vermehrt Schübe auf? Bei mir ist soweit alles in Ordnung aber mein Mann ist leider zeugungsunfähig. Ich selbst habe MS seit 5 Jahren und habe ca. 1 mal pro Jahr einen relativ leichten Schub.

Dr. Holger Roick: Hallo Imsa. Das ist eine offene Frage: es gibt Hinweise, das die Hormonbehandlung im Rahmen der in vitro Fertilisation das Risiko von Schüben erhöhen kann; insgesamt ist die Gefahr aber eher gering.

Yvonne: Wie verhält sich die ms Erfahrungsgemäß während der Schwangerschaft ist es nicht schlecht die Therapie zu unterbrechen?

Dr. Holger Roick: Hallo Yvonne. Erfreulicherweise sinkt mit zunehmender Dauer der Schwangerschaft das Schubrisiko, so dass in der Regel - in Abhängigkeit von der Aktivität ihrer Erkrankung - nichts gegen ein Absetzen der Immuntherapie spricht

Patricia: Gibt es eine Empfehlung wie schnell man nach der Geburt wieder mit einer Therapie anfangen sollte? Unter Interferonen hatte ich 2 Schübe im Jahr und unter Tysabri war ich nun 2,5 Jahre schubfrei.

Dr. Holger Roick: Prinzipiell sollten Sie nach der Entbindung sobald wie möglich wieder mit ihrer Therapie beginnen. Problematisch ist dabei, dass sich die Einnahme der Medikamente und das Stillen in den meisten Fällen ausschliessen. Auf der anderen Seite scheint es so zu sein, dass ausschliessliches (!) Stillen ebenfalls einen günstigen Effekt auf die Aktivität der MS hat. Insgesamt ist die Entscheidung wann die Therapie wieder aufgenommen werden sollte nur in Zusammenarbeit mit Neurologin/Neurologen und Ihnen zu treffen, da ja auch die frühere Aktivität der MS und das Ausmaß evtl. bereits bestehender Behinderungen zu berücksichtigen sind.

Eva: Hallo, kann man mit MS ( Verdacht auf Epilepsie), ein Kind adoptieren? Ich habe eine Schwerbehindertenaus beantragt, aber noch nicht bekommen?

Dr. Holger Roick: Hallo Eva. Grundsätzlich wüsste ich nicht, warum Sie bei MS kein Kind adoptieren können sollen wenn die sonstigen Anforderungen erfüllt werden.

Tanja: Warum sinkt eigentlich mit zunehmender Schwangerschaft das Schubrisiko?

Dr. Holger Roick: Hallo Tanja. Eine gute Frage, die bislang wissenschaftlich nicht klar beantwortet ist. Nach den derzeitigen Vorstellungen handelt es sich möglicherweise um Auswirkungen der geänderten hormonellen Situation, des weiteren dürfte eine mit der Schwangerschaft einhergehende erhöhte Immuntoleranz eine Rolle spielen.

Patricia: Sie schrieben "in den meisten Fällen schließen Medikamente das Stillen aus". Gibt es inzwischen Medikamente die keine Beschränkung haben? Bisher habe ich davon noch nichts gelesen gehabt.

Dr. Holger Roick: Offiziell ist das Stillen bei allen Medikamenten nicht empfohlen. Glatirameracetat ist dabei aber nach der aktuellen Datenlage eher unproblematisch.

Tanja: Mir wurde gesagt, als ich mal im Kh nachfrage, dass wenn ich mal Stillen sollte und es zum Schub käme, kein Problem darstellen sollte und es nur auf das Timing ankäme...Teilen Sie diese Meinung?

Dr. Holger Roick: Eine Kortisonstoßtherapie ist auch während der Stillzeit möglich. Sie sollten dann aber zwischen der Kortisongabe und dem nächsten Stillen eine Pause von ca. 4 Stunden einhalten. Ggf. also am Abend vorher oder vor der Kortisongabe Milch auf Vorrat abpumpen.

Petra: Sie schrieben weiter Oben, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder von Eltern mit MS ebenfalls daran erkranken bei 3% liegt. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit bei Kindern, deren Eltern nicht an MS erkrankt sind, bzw. wie hoch ist die allgemeine Prävalenz?

Dr. Holger Roick: Die allg. Prävalenz in Deutschland liegt bei 110-150 Erkrankungen auf 100.000 Einwohnern (0.11-0.15%)

Petra: Danke, also ja doch deutlich höher bei MS. Spricht man denn bereits von einer familiären Häufung, wenn ein Familienmitglied der werdenden Eltern an MS erkrankt ist?

Dr. Holger Roick: Im Vergleich ist das genetische Risiko für Kinder MS-erkrankter Eltern schon höher, aber die Wahrscheinlichkeit, die MS nicht (!) weiterzugeben ist um ein Vielfaches größer. Ich würde mich also nach meiner Lebensplanung richten und das Risiko einer potentiellen Weitergabe der MS ehrlich gesagt "ausblenden" ;-) Wenn ein (!) Familienmitglied der werdenden Eltern an einer MS erkrankt ist, würde ich noch nicht von einer "Häufung" sprechen - das genetische Risiko ist trotzdem erhöht.

Patricia: Man liest immer mal wieder was von Einfluss der Ernährung bei der Entstehung von MS. Was halten Sie davon? Kann man mit bestimmter Ernährung MS effektiv vorbeugen?

Dr. Holger Roick: Das weicht etwas vom Thema ab. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass sich eine gesunde Lebensweise - hierzu gehört eine angemessene Ernährung - günstigen Einfluss auf den Verlauf der MS hat. Eine Ernährung die der Entstehung von MS effektiv vorbeugen könnte ist mir (leider!) nicht bekannt.

Petra: Das klingt gut :) Vielen Dank!

Dr. Holger Roick: Gerne :)

Flo: Hallo Herr Dr. gibt es für eine Schwangerschaft irgendwelche beinflussungen wenn der Mann mit tysabri oder sonst einem Medikament behandelt wird? vielen Dank für Ihre Zeit Mit freundlichen Grüßen

Dr. Holger Roick: Hallo Flo. Die Behandlung des Vaters mit Tysabri hat keinen Einfluss auf die Schwangerschaft (oder Zeugungsfähigkeit ;-) )

Patricia: Ok danke, dann brauche ich mir nicht den Kopf zu zerbrechen ob ich schon in der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt durch Ernährung das Entstehungsrisiko senken kann. Gesunde Ernährung ist eh gesetzt :)

Dr. Holger Roick: Allgemein würde ich auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr, ausgeglichene Ernährung und regelmäßige sportliche Aktivität achten. Kein Nikotin (erhöhtes Risiko von Schüben und der Entwicklung eines Sekunde. progred. Verlaufes). Und nicht vergessen: positiv denken :)

lotte: Zum Thema Ernährung: Ich versuche, so gut wie möglich auf Weizenmehl und Schweinefleisch zu verzichten. Ist das ein guter Ansatz? Denn die "gesunde Ernährung" haut manchmal nicht so hin ... :-)

Dr. Holger Roick: Hallo Lotte. Wenn der Verzicht auf Weizenmehl und Schweinefleisch Ihnen gut tut, spricht nichts dagegen. Gesunde Ernährung heißt: wenig tierisches Fett, dafür pflanzliche Fette; Verminderung des Fleischkonsums, mehr Obst/Gemüse; 1-2x/Wo. eine Fischmahlzeit. Wichtig ist dabei das "Wohlbefinden". Und wenn die "gesunde Ernährung" manchmal (!) nicht funktioniert, so ist das auch kein Grund zur Sorge.

lotte: Ok danke! ;-) Man liest ja zum Thema Schwangerschaft immer viel zum Thema Ernährung.

Dr. Holger Roick: ja, da gibt es "1000 Meinungen" ...

lotte: Und noch eine Frage: ich arbeite 38 Std/Woche. Oft ist das sehr anstrengend, vor allem bei Hitze (Bürojob, keine Klimaanlage). Da Hitze und MS sowieso nicht immer gut zusammen passen, und dann evtl noch eine Schwangerschaft dazukommt: Dürfte ich mich krankschreiben lassen bis die ersten drei Monate "ausgestanden" sind?

Dr. Holger Roick: Wenn es in der Kombination zu einer Arbeitsunfähigkeit kommt oder wenn eine Gefahr für die Schwangerschaft besteht, kann man Sie krankschreiben. Vorsorgliches Krankschreiben für 3 Monate ist nicht möglich.

Petra: Wissen Sie, ob sich ab einem bestimmten GdB der Mutter, die Dauer der Elternzeit erhöht, oder ob es alternative Entlastungsmöglichkeiten gibt, wenn beide berufstätig sind, aber eigentlich beide für das erste Jahr anwesend sein müssten?

Dr. Holger Roick: muss ich leider passen :(

Petra: Trotzdem Danke. Dann schauen wir mal, wer dazu wohl beraten kann.

Dr. Holger Roick: evtl. die AMSEL oder der VdK (?)

Moderator Patricia Fleischmann: Hier erreichen Sie das AMSEL-Beratungsteam: http://www.amsel.de/beratung/

lotte: Vielen Dank!!!

Dr. Holger Roick: gerne :)

Moderator Patricia Fleischmann: Liebe Chatter, ganz herzlichen Dank für Ihre Fragen. Ein besonders großes DANKE geht an Dr. Holger Roick für sein Engagement heute in unserem MUltiple-Sklerose-Chat. Allen miteinander einen schönen restlichen Abend !

Redaktion: AMSEL e.V., 03.05.2016