Jetzt kommt ein langer informativer Beitrag. Sorry, aber ich halte den Inhalt für sehr wichtig.

Ich war ziemlich überrascht, als ich gestern von einem Antrag an die FDA gehört habe, Ocrevus als Medikament bei PPMS vom Markt zu nehmen. Dabei geht es nur um die Wirksamkeit bzgl. PPMS. Außer Frage steht die Wirksamkeit bei schubförmiger MS.

Initiator der Petition ist Peter Doshi, ein ziemlich renommierter Pharmazeut, der sich seit Jahrzehnten mit den Zulassungs-Prozessen von Medikamenten beschäftigt. Er ist Professor an der Universität von Maryland und Senior Editor des British Medical Journal (BMJ). Außerdem ist er Träger verschiedener Preise und wurde auch schon einmal von der New York Times als „eine der einflussreichsten Stimmen in der medizinischen Forschung“ bezeichnet.

Was bringt so jemanden dazu, sich mit der FDA, der Fa. Roche und Anderen anzulegen und ggfs. sein Renommé aufs Spiel zu setzen ? Das hat mich mehr als hellhörig gemacht.

Informationen findet man unter https://www.bmj.com/content/393/bmj.s666 in einem Artikel des BMJ. Und wenn man das liest, stockt einem der Atem. Da packt jemand Hintergrund- und Insider-Informationen aus, dass es schon sehr erstaunlich ist.

Zunächst kritisiert Doshi, dass Ocrevus bei PPMS – wenn überhaupt – nur bei Frauen wirkt, dort allerdings zum Preis eines erhöhten Brustkrebs-Risikos. Außerdem behauptet er, die Wirkung lasse, wenn überhaupt vorhanden, nach dem ersten Jahr in der Regel deutlich nach. Unterstützt in seiner Kritik wird er dabei von Joachim Burman, Leiter der MS-Klinik in Uppsala und Präsident der Schwedischen Neurologischen Gesellschaft, der nicht an dem Antrag beteiligt ist. Insbesondere aber beschreibt er erschreckende Details aus dem Zulassungsprozess der FDA.

Die Überprüfung der FDA-Zulassung von Ocrevus durch das BMJ wurde von einer Patienten-Vertreterin angestoßen. Dabei kam u.a. heraus, dass der für die FDA-Zulassung zuständige Prüfer, John Marler, seinerzeit 2017 viele der Bedenken in einer scharfen Stellungnahme zusammenfasste und sich gegen eine Zulassung für PPMS aussprach. „Der Antrag liefert keine substanziellen Nachweise für Sicherheit und Wirksamkeit“, schrieb er unter Verweis auf die gesetzlichen Anforderungen der FDA. Billy Dunn, der FDA-Beamte, der die Zulassung von Ocrevus unterzeichnete, räumte ein, dass die von den Wissenschaftlern der FDA festgestellten Herstellungsprobleme „normalerweise eine Zulassung ausschließen würden“, erklärte jedoch, dass die Probleme in der Zeit nach der Markteinführung behoben werden könnten usw. Im Gegensatz zu den ihm unterstellten Gutachtern argumentierte Dunn, der damals der oberste FDA-Beamte für Neurologie war, dass zwei positive Studien bei schubförmiger MS als „bestätigender Beweis“ für die Wirksamkeit bei PPMS dienen könnten.

Der letzte Absatz ist fast komplett wörtlich aus der deutschen Übersetzung des BMJ-Artikels zitiert. In dem gesamten Artikel findet sich noch eine Reihe weiterer Kritikpunkte.

Ich finde das Ganze hochinteressant, weil ja auch der Zulassungsprozess in Deutschland „recht holprig“ war. Das IQWIG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) prüft alle neuen Medikamente und spricht dann eine Empfehlung aus, mit dem sich der G-BA (Gemeinsamer Bundesausschuss, bestehend aus Vertretern der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, der Deutschen Krankenhausgesellschaft und des GKV-Spitzenverbands) dann für die Zulassung befassen muss. Dabei sprach IQWIG (zum zweiten Mal überhaupt bei einem Medikament) von einem negativen Zusatznutzen von Ocrevus gegenüber „best supportive care“ (BSC; also MS-medikamentenfreier Lebensweise) aus:

Somit ergibt sich für Patientinnen und Patienten mit früher PPMS ein Hinweis auf einen geringeren Nutzen von Ocrelizumab + BSC gegenüber der zweckmäßigen Vergleichstherapie BSC.“

Ocrevus wurde dann 2018 vom G-BA mit Einschränkungen für PPMS in Deutschland zugelassen.

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Das ist ein Hammer!

Ist womöglich der Begriff Pharma-mafia doch nicht so verkehrt?

Da gab es doch vor einigen Jahren noch ein Medikament, hochgelobt von allen Doctores (incl. Mäurer) und dann wg. Todesfällen vom Markt genommen??

Da habe ich mich gerade frisch angemeldet, weil ich seit einem Jahr nur stiller Mitleser bin (und heute einen neuen Thread eröffnen werde), und dann lese ich hier direkt sowas.

Starkes Stück!

PPMS hier. Natürlich habe ich letztes Jahr mein Glück mit Ocrevus versucht. Einmal und nie wieder. Es ging mir nie schlechter.

Mittlerweile ist es ein Jahr her und so langsam geht es mir wieder besser.

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ich habe ppms und bekomme ocrevus seit 6/2018 ohne nebenwirkungen. aber es ist schlechter geworden. es hilft nicht wirklich. die uniklinik sagt halt ehrlich bei ppms wirkt es schlecht. aber wir haben nichts anderes bei ppms. bin seit anfang januar überfällig wegen krankheit und reha. bekomme jetzt ende april wieder ocrevus. hoffe es geht dann wieder etwas besser. seit der reha im februar märz kann ich fast nicht laufen.wenn die die zulassung von ocrevus zurückziehen gibts gar nichts mehr. alle neuen tests mit medikamenten gegen ppms waren erfolglos. da kommt auf absehbare zeit nichts.

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Bin gerade am zweifeln ob es vielleicht besser ist nichts zu nehmen.
Hatte am Mittwoch meine vierte Infusion, das erste Mal subkutan, und mir geht es nicht gut.
Die Male davor war es ok. Da sich mein Gangbild und andere Symptome aber schleichend verschlechtern und meine Lymphozyten immernoch da sind…

Warum? Soll ich mir das Zeug im Herbst wieder geben lassen?
Naja, jetzt ist es drin, und ich habe sechs Monate Zeit es mir zu überlegen :wink:

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Ich habe das grade auch überlegt und mich entschieden, es nochmal zu nehmen.

Ich habe zwar keinen Stopp der Progression was Gehfähigkeit angeht, aber eine deutliche Verbesserung der kognitiven Möglichkeiten und ich bin fitter und leistungsfähiger.

Mir geht es aber auch nur so drei Tage lang mau, dann wird es besser.

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Meine Neurologen sind bei mir gegen Ocrevus, sagten sogar, hilft nicht wirklich bei nicht entzündlichen Läsionen. Habe daher auch offiziell eine andere Diagnose, damit ich überhaupt etwas nehmen kann, wir warten auf Fenebrutinib

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Sicherlich ein interessanter Beitrag, was aber etwas nervt ist, dass hier wieder mal eine Zulassungsentscheidung von 2017 diskutiert wird, als ob in den letzten neun Jahren nichts passiert wäre.

Doshi und Marler stützten ihre Kritik damals allein auf ORATORIO — und ORATORIO war tatsächlich keine perfekte Studie. Das kann man so stehen lassen. Inzwischen gibt es aber ORATORIO-HAND, gerade auf der AAN 2026 präsentiert, mit genau der Population, die in ORATORIO gefehlt hat: Ältere und Schwererbetroffene. Die Ergebnisse sind deutlich positiv, sowohl beim Gesamtendpunkt als auch bei der Handfunktion — und besonders stark in der MRT-aktiven Subgruppe.

https://www.neurologylive.com/view/ocrelizumab-shows-superior-placebo-phase-3b-oratorio-hand-trial-primary-progressive-ms

Doshi ist ein seriöser Wissenschaftler, aber eine Petition, die sich ausschließlich auf eine acht Jahre alte Studie stützt und aktuelle Beobachtungssstudien ignoriert, ist keine kritische Wissenschaft — das ist selektives Lesen. Eigentlich lebt Wissenschaft davon, dass Urteile revidiert werden, wenn neue Daten vorliegen. Wer 2026 also noch mit dem Kenntnisstand von 2017 argumentiert, betreibt keine kritische Wissenschaft, sondern Nostalgie.

Und zum IQWiG: Ja, holpriger Zulassungsweg, aber das Ergebnis war eben keine Ablehnung, sondern eine eingeschränkte Zulassung — also genau die stratifizierte Bewertung, die in solchen Fällen sinnvoll ist. Und genau das sollte auch die Antwort auf Doshis Petition sein, nicht eine pauschale Marktrücknahme.

Und was das Brustkrebs-Signal angeht: Ziemlich fragwürdig, wenn eine Hypothese aus den ORATORIO Zahlen ein pharmakologisches Signal konstruiert wird, das sich in zehn Jahren Post-Marketing-Daten und klassenweiter Erfahrung nicht bestätigt hat. Nur mal zum Verweis:
https://www.neurology.org/doi/10.1212/WNL.0000000000012700

Und wie schon woanders diskutiert, auch über die gesamte anti-CD20-Klasse hinweg (inkl. Rituximab mit jahrzehntelanger Anwendungserfahrung in der Onkologie und Rheumatologie) gibt es bis heute kein konsistentes Signal.

Andersrum gefragt, was passiert in der Zwischenzeit, wenn die FDA auf Doshis Antrag hin Ocrevus für PPMS zurückzieht? Richtig: Menschen mit MRT-aktiver PPMS oder fortgeschrittener Behinderung verlieren die einzige zugelassene Therapieoption in einer Indikation, in der es jahrzehntelang nichts gab — auf Basis einer Studie, die inzwischen durch eine bessere ersetzt wurde. Sowas würde keine Patientensicherheit erzeugen sondern wieder mal zu übergriffiger Regulierung für Betroffene führen.

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Hallo Marc,

vielen Dank für deine sehr ausführliche und differenzierte Antwort !

In vielem teile ich deine Einschätzung. Ja, sehr vieles bezieht sich auf die ORATORIO-Studie und den Zulassungsprozess 2017/2018. Aber nicht alles. Ich wundere mich genauso, warum ein renommierter Mann wie Peter Doshi sich auf so etwas einlässt und nach so vielen Jahren jetzt nachkartet. Eigentlich gehe ich davon aus, dass ihm das, was er schreibt, größtenteils schon seit Jahren bekannt sein müsste.

Die ORATORIO-HAND-Studie ist mir auch bekannt.

Ich will und wollte mit meinem Beitrag auch kein Ocrevus-Bashing betreiben, sondern auf die dadurch für die Öffentlichkeit transparent gewordenen Probleme in Medikamenten-Zulassungsprozessen hinweisen. Und natürlich darauf, dass es keine Nebensache ist, wenn durch eine renommierte Person ein Antrag auf Widerruf der Zulassung des einzigen zugelassenen PPMS-Medikaments gestellt wird - und die FDA diesen Antrag nicht ignoriert oder aktiv zurückweist, sondern eine Überprüfung anstößt. Man weiß eben nicht, was (zunächst in den USA) dabei herauskommt - und welche Konsequenzen das mittelfristig ggfs. für die Zulassung in Deutschland hat.

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Ich denke, man sollte nicht die Zulassung allgemein überprüfen, sondern egal bei welcher Form von MS, ob die Voraussetzung für eine mögliche Wirkung, eine Entzündungsaktivität, vorhanden ist und im weiteren Verlauf die eingetretene Wirkung und aufgetretene Nebenwirkungen im Einzelfall.

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Hi ihr Lieben,

zu dem Thema habe ich vor ein paar Tagen eine sehr interessante Stellungnahme bei MS-Selfie gelesen:

Ich wünsche Euch ein schönes Wochenende

VG Hami

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Die einzige hilfe bis jetzt. Ich muss nachts nicht mehr zur toilette. Ist seit corona silvester wieder zurück. Bekomme ende april wieder ocrevus . Musste ich anfang januar verschieben weil krank dann reha. Hoffe das ich dann wieder durchschlafen kann.

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Ich drücke dir ganz fest die Daumen :crossed_fingers:

So bin ich auch drauf gekommen. Allerdings ist der Zugang zu den Q&A-Beiträgen von Gavin Giovannoni hinter einer Bezahlschranke. Einen Tag später kam der aktuelle kostenlose Newsletter bei mir an.

Die erwähnte ORATORIO-HAND-Studie, die auf der ACTRIMS 2026 präsentiert wurde und deren Ergebnisse in den nächsten Wochen sicherlich in einer Fach-Zeitschrift zu lesen sein werden, stand unter der Leitung von Gavin Giovannoni. Von daher hat er vermutlich in seinem Q&A-Beitrag deutliche Kritik an Peter Doshi und dessen Antrag geübt, da ja die ORATORIO-HAND-Studie, was die Hand-Motorik angeht, bei PPMS recht erfolgreich war.

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Wir wissen auch bald mehr zum Thema Erhaltung der Handfunktion wenn alles zur Studie mit Cladribine/Mavenclad für Advanced MS draußen ist in England - Chariot. Mir fällt auf in Deutschland gibt es kaum klinische Studien zur PPMS. So gut wie gar nichts.

LOL zu den Daten. Die Antibabypille hat ein WEITAUS größeres wirklich nachgewiesenes Risiko an Brustkrebs zu erkranken.

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Der renommierte Doshi geriet in den letzten Jahren durchaus auch in Kritik. Er scheint es mit validen Daten nicht immer ausreichend genau zu nehmen, sobald er von einer Sache persönlich überzeugt ist.

Weshalb gerade jetzt? Doshi dürfte darauf spekulieren, unter Gesundheitsminister Robert F. Kennedy und umstrukturierter FDA eher mit seinem Antrag durchzukommen, als es ihm davor möglich gewesen wäre. Selbst wenn seine Daten nicht ganz einwandfrei sein sollten. Kennedy hat die FDA im letzten Jahr massiv umgebaut und nahezu die gesamte Führungsebene ausgetauscht.

Doshi hatte 2022 versucht, die Corona-Impfungen vom Markt zu bekommen. Mit einer eigenen Studie wollte er ein negatives Nutzen-Risiko-Verhältnis attestiert haben. Ein solches halte ich bei den mRNA-Vakzinen auch selbst für möglich, es gibt dafür sprechende Indizien, allerdings muss so etwas ggf. mit validen Daten zweifelsfrei belegt werden. Doshis Daten waren aber ungenügend. Fachleute wiesen ihm methodische Fehler nach (auch hohes Renomme macht eben nicht unfehlbar) und die FDA lehnte damals ab, die Corona-Impfungen vom Markt zu nehmen. Unter Kennedy wurden allerdings sämtliche staatlichen Forschungsgelder für die mRNA-Plattform nahezu sofort gestrichen. Das hat auch Doshi mitbekommen. Er wittert nun seine Chance für sein persönliches Ocrevus-Anliegen.

Man kann nur hoffen, dass der Antrag nicht durchkommt, damit Menschen mit PPMS nicht ihre einzige und unter bestimmten Voraussetzungen evident wirksame Therapieoption verlieren. Bei der alten FDA hätte wohl kaum Grund zur Sorge bestanden, doch die neue FDA ist unberechenbar. Wird spannend.

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Aktuell laufende Studie bei PPMS

Fenebrutinib vs Ocrelizumab Phase III

Vergleich eines neuen BTK-Inhibitors mit Standardtherapie
ca. 985 Teilnehmer weltweit

Tolebrutinib die Perseus Studie
aber erhebliche Sicherheitsrisiken.
Noch nicht zugelassen.

ebenfalls BTK-Inhibitor
große Phase-III-Studie mit ca 990 Teilnehmer.

Der Focus:
B-Zellen und Microglia (neue Wirkmechanismen im Gehirn).

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Also so wie Du die Corona Impfungen verteufelt hast, sollte dass vom Markt nehmen doch genau in Deinem Interesse sein?!??

Aber danke für Deine informierte & qualifizierte Meinung!

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Beginn der Rekrutierung war vor ca. 5 Jahren. Da müssten doch inzwischen Ergebnisse vorliegen.
Ich habe nicht gefunden oder überlesen, wie lange die Studie laufen soll.