Liebes Forum,

ich habe ein Bauchgefühl, benötige aber dringend einen Rat von “Wissenden”.

Kurz zu meiner Geschichte. Ich hatte mit 20 (2000) meinen, rückwirkend betrachtet, ersten Schub, der sich nach wenigen Tagen vollständig zurückbildete (das war so ein Ziehen nach rechts, als wenn ich vom Stuhl fallen würde).
Mit 24 (2004) trat das wieder auf. Nach vielen Untersuchungen und Ärzten landete ich dann bei einer Neurologin, die ein MRT anordnete und dabei fand man eine Läsion. Es folge ein Aufenthalt im KH. Es blieb bei der einen Läsion, die man mit Kortisonhochdosis und nachfolgenden Tabletten behandelte.
In den vielen vielen Jahren hatte ich kaum Schübe, so richtig eigentlich zwei. Wovon einer seit 2008 da ist (in HWS) und ich seit 2012 Lyrica nehme.
In 2022 hatte ich eine Signalanhebung und man beschloss mit Ponvory Ponesimod zu behandeln. Ich hatte einige gut erträgliche Nebenwirkungen und es schlich sich gut ein. Leider musste ich im Zuge dessen Blutdruckmedikamente nehmen, aber das war für mich ok.
Jedoch zeigte das letzte Jahr, dass die gewünschte Wirkung der Lymphozytensenkung nicht mehr erzielt wurde und so wurde mir angeraten auf Briumvi umzusteigen. Das lehnte ich jedoch nach einigem Durchdenken ab, weil mir das zu invasiv ist. Ich schlug selbst Kesimpta als Alternative vor.

Ich habe nun die vierte Dosis hinter mir und ich fühle mich extrem schlecht. Ich fühle mich extrem leistungsgemindert, habe sehr hohen Puls, extreme Verschlechterung meiner schon vorhandenen Symptome, Hitzewallungen, Hautausschlag, Übelkeit, Bauchschmerzen. Ich habe das Gefühl mein Körper explodiert innerlich. Ich bin stark abgeschlagen, fertig. Mein Körper fühlt sich an, als würde ich schwere Säcke tragen. Das ist definitiv Kesimpta zuzuordnen.

Ich bin alleinerziehend mit zwei Kindern. Ich arbeite Vollzeit. Das Ganze ist für mich total untragbar.

Mein Vater war schwer chronisch krank. Ich bin damit aufgewachsen. Bin wirklich sehr offen und gehe mit meiner Erkrankung pragmatisch um.

ABER! Die Ärzte meinen, man müsse präventiv arbeiten. Das wäre der neue Ansatz. Das verstehe ich voll und ganz. Nur, was soll das denn für ein Leben sein? Mein Bauchgefühl sagt mir, dass das Ganze falsch ist. Ich würde auf Ponesimod zurückgehen. Ich meine ist doch besser als nichts oder?

Ich habe seit 26 Jahren MS. Ich bin null eingeschränkt, außer bissl Fatigue, stärkerer Symptomen bei Stress und ab und zu Schmerzen in den Beinen. Mein Nfl ist 4,9, die MRTs sind stabil und die kürzlich erhobenen Werte zu den Nervenableitungen waren absolut top. Auch die Ganganalyse bescheinigt mir sehr gute, einem gesunden Menschen gleichenden, Werte.

Warum in aller Welt, soll ich mir ein solches hartes Zeug verabreichen?

Habe ich einen Denkfehler? Bin ich zu sehr Laie und verstehe was hier nicht?

Was sagt Ihr dazu?

Ich danke Euch von ganzem Herzen.

VG

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@Loehmi80 Ich bin ganz deiner Meinung!

Wir sind anscheinend gleich alt, mit vergleichbar langer MS Karriere. Dir scheint es zwar um einiges besser zu gehen (was mich für dich freut), aber auch ich will nicht undankbar sein. Habe an Therapien zeitlebens nie etwas “Härteres” als Interferon konsumiert und bin dafür eigentlich ganz zufrieden mit meinem Zustand (= Rollator outdoor). Das NW Profil der diversen Mittelchen hat mich immer abgeschreckt.

Ich würde die aktuelle Therapie an deiner Stelle abbrechen und zu der alten zurückkehren.

Alles Gute dir!

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In der letzten Zeit scheint es in den Neurologiepraxen “Mode” zu sein, nicht zu kleckern, sondern zu klotzen. Was ich umgangssprachlich formuliert habe, meint im Kern das Prinzip “Hit hard and early”, wo gleich zu Beginn der Erkrankung mit harten Medikamenten gearbeitet wird, in der Hoffnung, die Erkrankung so rechtzeitig “auszubremsen”.

Ob diese Rechnung wirklich so aufgeht, werden erst Langzeitdaten zeigen.

Niemand muss dieser “Mode” folgen. Dein bisheriger Verlauf zeigt, es ist auch ohne harte Medikamente nichts “angebrannt” und du scheinst nichts falsch gemacht zu haben. Die B-Zell-Depletion läuft unter dem Titel “Eskalationstherapie”, und die ist bei einem milden Verlauf nicht unbedingt angebracht. Meiner Meinung nach kannst du bei deinem Bauchgefühl bleiben und damit bei einer milderen Therapie.

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Herzlichen Glückwunsch zu 26 Jahren mildem Verlauf mit wenig Einschränkungen!

Raten kann/will ich dir nichts, da jede MS anders verläuft und jeder Körper anders auf die Medikamente reagieren kann.

Bei den Ärzten liegt Hit hard and early im Trend um die Entzündungsaktivität möglichst gleich am Anfang zu stoppen. Die Angaben zu Wirkung und Nebenwirkungen der Medikamente beruhen auf Statistiken, die auf den Einzelnen so nicht zutreffen müssen.
Ein Punkt bei den neuen Medikamenten ist für mich dabei, dass es keine Langzeiterfahrungen gibt, wie lange man sie nehmen und was danach passieren soll.
Du musst ja noch Jahrzehnte mit deiner MS leben.

Entscheiden, ob und was du nimmst, musst Du, du lebst dann auch mit den Folgen.

Eine Option wäre für mich, das MS Medikament abzusetzen um zu sehen, was (vorübergehend) ganz ohne passiert, evtl. mit regelmäßiger Kontrolle durch MRTs.
Symptome, die zusammen mit einem neuen Medikament auftreten, können trotzdem eine andere Ursache haben, wie ich in anderem Zusammenhang erlebt habe.
Bei Hitzewallungen würde ich zuerst an Wechseljahre denken.
Das Risiko dabei ist ein Schub, bei mir nach 6 Monaten. Dadurch ist mir aber einiges klarer geworden zum weiteren Vorgehen.

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Ich finde auch man kann komplett auf “Hit Hard and Early” verzichten…

Hör auf Deinen Körper und Dein Bauchgefühl!

Ich hab jetzt seit 32 Jahren MS und nehme gar nichts, selbst ich habe momentan eine Remission seit meinem letzten Schub von EDSS 4-5 auf EDSS ~3…

Wenn Du andere fachliche Beratung brauchst, würde ich auch raten, mir eine Meinung von ein oder 2 anderen Neurologen einzuholen.

Wenn Du mit der vorigen Medikation gut (besser) gefahren bist, sehe ich keinen Grund weiter Medikamente mit harten Nebenwirkungen zu nehmen - es geht in meinen Augen um gefühlte Lebensqualität :wink:

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In der heutigen Zeit leichter gesagt als getan, man kann ja schon froh sein überhaupt einen Neuro zu finden…

@Loehmi80 ich denke nicht, daß du unseren Rat brauchst, denn entscheidend ist alleine deine Bauchgefühl und ich denke du hast dich auch schon entschieden und das wichtigste ist in meinen Augen auch, das du selbst voll und ganz hinter deiner Therapie stehst und das ist aktuell nicht der Fall und dann macht es auch wenig Sinn daran weiter festzuhalten.

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Vielen lieben Dank. Ihr helft mir wirklich sehr.

Ich hatte auch schon überlegt den Rat eines weiteren Neurologen einzuholen. Aber wie und wo, schnell und ohne große Bürokratie. Diese/r benötigt ja auch alle nötigen Unterlagen.

Noch dazu bin ich schon in einer MS Ambulanz mit vielen Ärzten. Wobei ich in letzter Zeit das Gefühl habe, dass sie in Sachen Studienerhebung ordentlich mitmischen. Was ich auch verstehe.

Es ist ganz schön unangenehm sich vor die Ärzte zu setzen und zu sagen, ich will das nicht. Das war schon beim Briumvi schwierig.

Aber das muss wohl sein.

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Ja das stimmt Sarah, ich habe mich eigentlich schon entschieden. Die Unsicherheit bleibt trotzdem. Ich bin ja kein Neurologe und würde nie so tun, als ob ich es besser wüsste.

Ich stand der ganzen Sache sehr offen gegenüber und habe ja Kesimpta selbst vorgeschlagen. Trotzdem habe ich mehrfach die Ärztin gefragt warum und wieso es denn nun überhaupt sein MUSS.

Deswegen brauche ich Rat.

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Ja das ist tatsächlich schwierig, jemanden zu finden…

Ich finde sehr schön wie Sarah das mit dem Bauchgefühl formuliert hat… ich glaub Du bist auf dem richtigen Weg wenn Du auf Dich selbst hörst - verantworten muss man seine Entscheidungen eh…

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Die Neurologen wissen es auch nicht, sie können auch nicht in die Zukunft sehen.

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Man muss sich auch fragen: Soll das Medikament schlimmer sein als das (gefühlte) Leiden? :thinking:

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Das kannste üben:

Stell dich vor den Spiegel und sag NEIN
Und nochmal NEIN
NEIN
NEIN
NEIN
NEIN
.
.
.
.
.

Und zur Bekräftigung:

MEIN Körper, MEINE Entscheidung

MEIN Körper, MEINE Entscheidung

MEIN Körper, MEINE Entscheidung

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Hey Shitman, danke für das zum Lachen bringen, Mega😂

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Nee @Loehmi80, das war nicht zum Lachen, das war bitterer Ernst.

Die Ärzte verordnen seit Jahren, die haben da Übung, für dich ist es das erste Mal.

Die Übung vor dem Spiegel stammt aus einem Verkaufsseminar.

Schau dir mal bewusst im Spiegel beim Sprechen zu. Achte auch mal auf die Haltung beim Sprechen.

Mit eingezogenem Kopf kommt ein NEIN schwach rüber.

Haltung kann man auch durchs Telefon hören

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Lieben Dank an Euch alle.

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Nachtrag:
Du musst dein NEIN nicht begründen

NEIN heißt NEIN!

“Jeder Einwand des Kunden ist ein Verkaufsansatz”

(Auch aus dem Seminar.)

Und dann hammse dich schon wieder am Wickel!

Ich war viele Jahre im Vertrieb.

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Das Nebenwirkungsprofil im Beipackzettel würde mich nicht unbedingt davon abhalten, ein Medikament zu nehmen, wenn es für meine Situation passend erscheint.
Bei tatsächlich auftretenden für mich nicht tragbaren Nebenwirkungen würde ich es absetzen und mich nach einer Alternative umsehen, die auch sein kann, (erst Mal) nichts zu nehmen.

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Mein Zugang zu Medikamenten ist ein nicht eben entspannter.

Je “systemischer” sie wirken, desto unentspannter bin ich. Depletierende Therapien sind dementsprechend mein persönlicher Alptraum.

Aber das soll jedes handhaben, wie es glaubt und möchte…

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Ja meiner auch nicht. Wie schon kurz beschrieben, war mein Vater chronisch krank. Das es ohne Medikamente nicht ging, war die eine Seite aber schlussendlich hatte sich Krebs gebildet, eine Leberzirrhose (Alkohol trank er nicht), Varizen in der Speiseröhre, Magengeschwüre und schlussendlich starb er an Multiorganversagen. Ich habe da einiges erlebt.

Deswegen bin ich ebenso zurückhaltend aber versuche natürlich den Nutzen auch zu sehen, insofern er da ist.

An dieser Stelle fiel es mir schwer.

Lieben Dank an Alle. Ihr habt mir sehr geholfen.

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Gern… :blush: :+1: