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Wohin mit meiner Wut?

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Ein gewöhnlicher Freitag

05.02.2011, 13:36, Kommentare (3)

Ein gewöhnlicher Freitag - hätte es werden können.

Meine Mama hat vor 4 Wochen die Diagnose Krebs bekommen. Chemo´s hat sie bereits intus mit den üblichen NW´s. Ich dachte mir - o.k. gegen Krebs kann man kämpfen. Gegen MS ist das eher kontraproduktiv.

Gestern nun hat sie mir gesagt, daß es sich um Lymphdrüsen handelt - i.d.R. unheilbar. Lebenserwartung ca. 1 Jahr.

Ich bin für gewöhnlich ein Typ den nichts, überhaupt nichts aus der Bahn wirft. Ich habe irgendwie die letzten 40 Jahre "überstanden", mit meiner MS habe ich mich soweit arrangiert. Ich habe immer für jeden ein offenes Ohr, habe immer gute Ratschläge und meistens kann ich auch helfen und motivieren den Kopf nicht in den Sand zu stecken. FÜR GEWÖHNLICH !

Und gestern Abend, so gegen 18 Uhr als ich alleine daheim war hat es mich übermannt - ein Gefühl. Und ich konnte/kann dieses Gefühl nicht einordnen. Klar, jeder von uns kennt das wenn er nicht weiß in welcher "Verfassung" er gerade ist.            In solchen Fällen schaue ich in mein CD - Regal und schaue was ich hören möchte. Ich hatte echt Lust auf etwas desktruktives - The Prodigy oder so. Da ich aber nicht in einem großzügigen EFH wohne sondern in einer Wohnung wollte ich meinen Nachbarn nicht auf die Nerven gehen und hab mich ins Auto gesetzt.

Irgendwie kam ich mir wie D-Fens ( Michael Douglas in Falling Down) - ich hatte Angst vor mir selbst. Ich bin so wütend. Und ich weiß/wußte nicht wohin mit meiner Wut. Ich richte meine Aggressionen für gewöhnlich nicht gegen meine Mitmenschen - außer jemand parkt auf einem Behindertenparkplatz ohne Berechtigung. Dann werde ich in aller Regel verbal aktiv (hört sich schön an).

Ich bin dann also ins Auto und habe mir u.a Slayer, The Prodigy, Deftones, Rage against the machine, Depeche Mode angehört. Wenn man das so nennen kann. Ich hatte kein Ziel, wollte einfach keine Wut mehr haben. Wut, auf wen denn? Auf Dich? Auf Deine Mutter? Auf, äh Gott? Auf die Welt? Sack und Asche auf wen denn? Ich habe nach wie vor keine Antwort. Ich hasse solche Emotionen - wenn man diese nicht eindeutig "kanalisieren" kann. Man kommt sich so hilflos vor. Ich kann mich selbst nicht einordnen. Ich "eskaliere", laufe innerlich gegen mich selbst Amok.

Ich will weg, aber wohin? Geht nicht, bin ja ein  pflichtbewußter angepasster Normalo. Aber, verdammte Schei..e, Normalos haben keine 62-Jährige Mama die vielleicht in einem Jahr auf einer Wolke herumschwebt und dazu auch noch MS. Was ist los mit mir? Ich denke mir: Du blöder überheblicher undankbarer, eingebildeter blöder Hund - anderen Menschen geht es schlechter als Dir. Bring Dich mal wieder unter Kontrolle. Ich fahre zu einem Krankenhaus - das hat mich früher wenn´s mir mal wieder zu wohl war, wieder auf den Boden zurückgeholt hat. Doch das bringt auch nichts. Ich weiß immer noch nicht wohin mit meiner Wut, meinem Zorn. Ich weiß nicht wohin mit mir.

Ich fasse einen Entschluss. Es gibt einen für mich einen wichtigen Ort. An diesem Ort verbrachte ich meine gücklichsten Minuten. Aber auch meine bittersten. Man muß nur einen Schritt zuviel machen - dann hat man keine Probleme mehr.

An diesem Punkt möchte ich mich einerseits entschuldigen ob meiner schonungslosen Offenheit. Ich hatte aber diese Gedanken. Und ich finde nichts schlimmes dabei. Denkt an das Wasser - man sieht die Oberfläche, sieht die Wellen und wenn man seinen Kopf hebt sieht man vielleicht die Sonne, Vögel, Schmetterlinge......            Ich bin aber auch einer, welcher sich auch unter der Oberfläche aufhält. Nur so lernt man sich kennen.

Ich bin also zu diesem Ort gefahren, Machine Head lief (in einer Live - Version von ´96). Dazu muß ich sagen, daß ich MH live ´95 gesehen habe. Der Sänger kam auf die Bühne und hatte ein T-Shirt mit einem MG drauf an und darunter stand Terror. Und irgenwie war auch das Konzert so - ich dachte er will den Veranstaltungsort in Schutt und Asche legen.

Als ich dann an dem Ort angekommen bin, ging ich an die Stelle und stand einfach nur da. Minutenlang. Ich habe versucht meine Gedanken auszuschalten und wieder "zu mir" zu kommen.

Dann wußte ich was zu tun war - Meine Mama braucht mich jetzt und ich bin stark genug. Die Welt dreht sich weiter.

Ich komme wieder zu mir, habe mich entschlossen meine Gedanken aufzuschreiben (solche tollen Ratschläge gebe ich manch anderen), ich glaube das hilft mir. Wer weiß.

 


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Kommentare (3)


13.06.2012, 21:37, Elke

Ich wünsch Deiner Mutter noch viele gemeinsame Momente mit Dir!


08.02.2011, 18:58, edss

Der Lebenswille ist klasse!


07.02.2011, 17:48, edss

Ein ungewöhnlicher Tag. Guter Text! Es gibt Auswege. Du wirst gebraucht.


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