AMSEL - Aktion Multiple Skleroser Erkrankter - Landesverband der DMSG (AMSEL, Landesverband e.V.)


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Was ich von Informationen zu Krankheiten halte ...

13.06.2015, 14:33, Kommentare (5)

oder Voodoo in der modernen Medizin

 

Einige Zeit nach meiner Diagnose überreichte man mir einen Stapel Broschüren zum Thema MS. Ich nahm sie mit, packte sie dann aber zuallerunterst in mein Regal. Eines Abends fand ich, ich sollte den Mut aufbringen, mich den Realitäten zu stellen.

Ich nahm ein kleines, weiß-blau eingebundenes Buch in die Hand und las die Einleitung. Niemand könne den Verlauf dieser Erkrankung vorhersagen, stand dort. In manchen Fällen würde die Krankheit nach einigen Jahren auch einfach verschwinden, ohne dass man sich erklären könne, wieso.

Den Verlauf nehme ich, dachte ich mir, klappte das Buch wieder zu und warf es, zusammen mit dem Stapel an anderen Broschüren, in den Papierkorb.

 

Noch heute weiß ich fast nichts über MS, nur das, was wohlmeinende Menschen mir im Laufe der Jahre meinten erklären zu müssen. Mit dieser Methode bin ich sehr gut gefahren. Es ist tatsächlich so, was ich nicht weiß, macht mich auch nicht heiß. Ich habe es abgelehnt, mir über diese Dinge Gedanken zu machen. Also habe ich sie auch nicht in mein Leben gezogen.

Noch lebhaft habe ich ein sehr mysteriöses Gespräch mit einer Ärztin in Erinnerung, die mit mir über meine nicht vorhandenen Blasenprobleme sprechen wollte. Sie erklärte mir lang und in epischer Breite, dass 80 Prozent aller MS-Patienten daran litten. Meine Untersuchung hätte aber ergeben, dass nicht nur gefühlt mit meiner Blase alles in Ordnung sei. „Sie haben da keine Probleme“, führte sie aus. „Aber Sie wissen ja, es gibt Medikamente.“

Ich bedankte mich für den Hinweis, suchte allerdings aus den Augenwinkeln den Raum nach einer versteckten Kamera ab. Was soll ein Hinweis auf ein Symptom, das sich bei mir gar nicht entwickelt hat? Und zwar auch in über zwanzig Jahren nicht?

 

Mir ist immer noch nicht klar, was genau diese Ärztin mit ihrem Gespräch bezweckte. Wollte sie mir (und auch sich selbst) klarmachen, wie viel Glück ich hatte, zu den 20 Prozent OHNE Blasenprobleme zu gehören? Wollte sich mich darauf vorbereiten, dass es sehr wahrscheinlich wäre, dass ich solche Schwierigkeiten noch bekomme (wobei ich das nach über 20 Jahren irgendwie für unwahrscheinlich halte)? Oder war es einfach nur das halt übliche, weil in 80 Prozent der Fälle angewendete Patientengespräch, dass sie nur leicht modifizieren musste?

Wir wissen es nicht und werden es vermutlich nie ergründen. Fakt ist aber, dass die Ärztin, wenn auch vielleicht eher unbewußt, etwas tat, was man auch als Voodoo in der modernen Medizin bezeichnen könnte. In ihrem Buch „Mind over medicine“ schreibt die amerikanische Ärztin Dr. Lissa Rankin:

 

Fällen wir über unsere Patienten statistische Urteile nach dem Motto: >>Neun von zehn Patienten mit Ihrer Krankheit sterben innerhalb von sechs Monaten<<, [….,] sind wir dann so weit entfernt von den Voodoo-Verwünschungen, wie sie in manchen indigenen Kulturen ausgesprochen werden?

 

 Gut, ich kenne sie natürlich auch, die willfährigen Patienten, die sich nach der Diagnose vom Arzt sagen lassen, wann sie im Rollstuhl landen und das tunlichst auch ausführen. Und ich kenne ein paar von den anderen, die nicht auf das gehört haben, was der Arzt ihnen einprogrammieren wollte. Manchen Ärzten scheinen allerdings die Patienten, die ihren Anordnungen Folge leisten und gefälligst die Symptome entwickeln, die sie ihnen vorausgesagt haben, lieber zu sein als die anderen.

 

Wenn wir einen Patienten für >>unheilbar krank<< erklären und oder ihm auch nur das Etikett einer >>chronischen Krankheit<< wie Multiple Sklerose, Morbus Chrohn oder Hypertonie aufdrücken und ihm sagen, dass er für den Rest seines Lebens darunter zu leiden haben wird, fügen wir ihm damit nicht genau genommen Schaden zu? Welchen Beweis haben wir dafür, dass er nicht irgendwann in die Spontanheilungs-Datenbank des Spontaneous Remission Project aufgenommen wird als einer, der eine sogenannte unheilbare Krankheit überwunden hat?

 

Was wäre gewesen, wenn ich nicht diesen einen Satz gelesen und beschlossen hätte, dass meine Krankheit irgendwann aufhören würde? Wie würde der Krankheitsverlauf von so vielen anderen aussehen, wenn die Ärzte sie positiv programmieren würden, statt nur die schlimmstmögliche Version als Mahnmal an die Wand zu malen?

 

Dieser Beitrag spiegelt meine persönliche Haltung zu diesem Thema wider. Es ist keine Handlungsanweisung für andere. Jeder Mensch soll das für sich so handhaben, wie er es für richtig hält. Ich schreibe das, um anderen Mut zu machen, ihrem eigenen inneren Gefühl zu folgen und sich nicht von anderen beeinflussen zu lassen. Aus gegebenem Anlass werden Kommentare zu diesem Post ab jetzt deaktiviert.


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