AMSEL - Aktion Multiple Skleroser Erkrankter - Landesverband der DMSG (AMSEL, Landesverband e.V.)

Suche im Blog


Inhaltsbereich

Wann ist das denn bitte passiert?!

23.02.2015, 22:00, Kommentare (6)

Hallöchen, mein Name is Kalila, ich bin 26 Jahre alt und lebe jetzt seit 5 Tagen mit der Diagnose MS.
In meinem bisherigen Leben war/bin ich Krankenschwester auf einer neurologischen Intensivstation (was der ganzen Geschichte die Krone aufsetzt) in einer großen, anerkannten Klinik. Ich plane im Moment die Hochzeit mit meinem Freund (heute in 97 Tagen...), stehe berulich vor der Entscheidung, ob ich im November eine Weiterbildung über 2 Jahre berufsbegleitend mache und mein Freund steht kurz vor dem Abschluss seines Studiums. Es ist im Moment ein streßiges aber schönes Leben.

Dann wache ich samstag morgens auf und mein linker Arm will einfach nicht mehr so, wie ich es gerne hätte... Naja man ist jung und denkt sich "ach das geht von selbst wieder weg". Tja nur geht es leider nicht wieder weg.

Nun bin ich also auf Drängen meines Freundes zu mir auf die Arbeit in die Notambulanz gefahren und ließ eine befreundete Ärztin eine neurologische Untersuchung an mir vornehmen. Sie kam vorerst ebenfalls zu dem Entschluss, das ich mir vermutlich einen Nerven im Arm eingeklemmt habe und das es von selbst ausheilen würde. Nichts desto trotz wollte sie zum Glück auf Nummer sicher gehen und schickte mich hoch zu einer anderen ärztlichen Kollegin, die mich freundlicherweise noch zu einer Muskel-/Nervenuntersuchung dazwischen schob.

Also saß ich mit Nadeln im Arm auf einer Liege und das Gesicht der Kollegin versuchte nicht allzu viel von ihrer Skepsis preiszugeben. Als sie mich dann schließlich fragte, ob ich vielleicht noch eine Stunde auf den (mir ebenfalls nur allzu gut bekannten) Oberarzt warten würde, dem sie gerne meine Aufnahmen zeigen möchte, kam mir das erste Mal der Gedanke, dass ich vielleicht wirklich in der Tinte sitze...

Also warteten wir geduldig, der Oberarzt kam, begrüßte mich nett und der Teil mit den Nadeln im Arm ging weiter... Blicke wurden ausgetauscht und ein MRT sollte gemacht werden. Also wieder runter zu meiner ärztlichen Kollegin, die eigentlich auch schon keinen Dienst mehr hatte. Der nächste, mir ebenfalls bekannte Oberarzt kam mit ihr zusammen rein und beide untersuchten mich eingehender. Meine Reflexe auf der linken Seite seien übermäßig ausgeprägt, was gegen eine periphere Verletzung spräche und so wurde der Verdacht auf einen Schlaganfall gestellt.

So wurde ich in windeseile mit einem i.v.-Zugang ausgestattet und in genau das MRT gebracht, in das ich für gewöhnlich meine Patienten bringe. Und genau von den MTRA's mit denen ich normalerweise meine Patienten auflege, wurde ich nun ohne Brille, ohne Piercing aber mit jeder Menge Panik aufgelegt.

Das waren die längsten 15 Minuten meines Lebens. Mir, die ich ja nunmal vom Fach bin, schossen Diagnose durch den Kopf und ich begann bereits mental abzuwägen ob nun ein Schlaganfall besser wäre als ein Hirntumor :D

Als der MTRA mich von der Liege holte und meiner Frage nach dem Ergebnis auswisch, war mir klar, ich war richtig in Schwierigkeiten. Die befreundete Ärztin, die mich wirklich total super durch diesen furchtbaren Tage begleitet hatte, nahm mich und meinen Freund mit zum Gespräch und eröffnete mir ohne große Umschweife "Ja was soll ich dir hier was vormache, du hast MS"




Da setzte kurz was in meinem Kopf aus. Ich hatte viele mögliche Diagnosen durchdacht aber MS?! Niemals! Wir haben keine MS in der Familie und auch sonst gefühlte 50 Sorten Krebs und Lebensmittelunverträglichkeiten und andere Scherze aber MS?!

Ich musste nochmal nachfragen, ob sie auch wirklich MS gesagt hatte... Ja es ist MS... Sie zeigte mir auch mein MRT und da kam erstmal der große Heulkrampf. Sämtliche MS-Patienten die ich in meiner Laufbahn als Krankenschwester je betreut hatte, fiehlen mir sofort wieder ein und ich hatte sofort nur noch einen Gedanken:

WO BEKOMME ICH JETZT GANZ SCHNELL EINE SCHROTTFLINTE HER?!

Ich, immer ungeduldig, immer unter Strom, immer auf Zack, die selbst auf der Intensivstation Tag für Tag mit Patienten nach Schlaganfällen oder Hirnblutungen mit einem hohen Maß an Behinderung arbeitet, ich soll plötzlich selbst gelähmt mit Gemüse im Kopf von anderen Menschen abhängig sein!? NIEMALS! Meine Patientenverfügung, die ich kurz nach meinem Examen geschrieben habe, ist insbesondere in Sachen "Anderen zur Last fallen" sehr streng. Ich weiss schließlich, was eine behinderte Person für einen riesen Einfluss auf das Leben so vieler anderer Menschen hat und das habe ich immer zu verhindern versucht.

Zu allem Übel musste ich nun ja stationär aufgenommen werden, zur Krönung des Ganzen dann auch noch auf der benachbarten Station meiner Schwesterstation, d.h. alle Menschen die auf dem Stockwerk in blau arbeiten, sind meine Kollegen und kennen mich... Was sollte ich also tun? Sie würden mich eh sehen und die Fragen würden auch kommen... Ich entschied mich für die Flucht nach Vorne, den was ich in der ganzen Zeit zum Glück behalten habe ist meine riesige Klappe, meinen Sarkasmus und meinen Krankenschwesterhumor.
Die erste Kollegin war natürlich sehr geschockt, klar ich ja auch aber was will man machen.

Ich hatte aber wirklich Glück, habe ein nettes Zimmer mit einer sehr ruhigen Zimmernachbarin bekommen, die Schwestern und Ärzte waren auch von Anfang an sehr nett (sie wussten ja auch, dass ich eine von ihnen bin) und eigentlich hätte es fast nicht besser laufen können.

Trotzdem konnte ich an diesem Abend einfach nur noch heulen. Ich wollte auf jedes Telefonklingeln, auf jede Patientenklingel reagieren, wäre viel lieber mit der Schwester auf ihren Abendrundgang gegangen. Ich kann mich einfach nicht in die Rolle der Patientin einfinden. Außer das dieser doofe Arm nicht so geht wie er soll, geht es mir doch so gut!

So eine Scheiße, wann ist das denn bitte passiert?!


Und das war erst der erste Tag, nur fällt mir das Tippen mit dem blöden paretischen Arm noch sehr schwer und für den ersten Eintag ist dieser hier nun doch recht lang geworden. Meine weiteren Tage werde ich nun nach und nach, so es mein Arm zulässt, nachtragen.
Man verzeihe mir Schreibfehler^^

Kali

  • Vorheriger
  • Bookmark:
  • Nächster

Kommentare (6)


06.03.2016, 22:40, Maria

Hallo Kali, Habe gerade deine Nachricht gelesen und würde gerne mehr erfahren wie es dir geht:) Ich hoffe du bist glücklich verheiratet und kannst in deinem Job gut weiter arbeiten. Ich habe die Diagnose seit Oktober und all das was du schreibst ist genau alles was ich denke! Es hört sich so an als hätten wir viele Parallelen:) geheult habe ich genug, wir sind zu jung um uns unterkriegen zu lassen:) Wie gesagt würde mich freue wenn du mal von dir hören lässt! Liebste Grüße Maria


01.05.2015, 19:07, chen-man

Mehr als 2 Monate sind vergangen, und wir hören nichts von Dir, Kali: ist das ein gutes oder schlechtes Zeichen? Ich hoffe es geht dir gut, zumindest besser.


22.04.2015, 15:02, Franzi

Nun du hast schon vor geraumer Zeit geschrieben, wie schaut es denn nun bei dir?

Alle Kommentare zeigen


Kommentar schreiben:
Name:

E-Mail: (Freiwillig)
Die Abfrage des folgenden Codes dient der Spambekämpfung. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Geben Sie bitte das Ergebnis der blauen Rechenaufgabe ein.

   Den Code Vorlesen lassen (mp3)

Ergebnis:


Navigation Inhaltsboxen

Über mich

Kalila

Mehr über mich

Eine W3 WERK Produktion © AMSEL e.V. 2019. Alle Rechte vorbehalten Impressum