Liegt noch Rotentsättigung auf dem entsprechenden Auge vor, wenn du jetzt einen Selbsttest mit einem roten oder orangen Gegenstand machst? Was waren das für Schmerzen beim Bewegen der Augen? Waren es Schmerzen von hinter dem Auge? Das wäre typisch für eine Sehnerventzündung (SNE). Eine solche kann auch ohne Kortisonbehandlung wieder zurückgehen, dann sind die Schmerzen wieder weg und ggf. klingt auch die Rotensättigung mit der Zeit wieder ab.
Bei mir war eine vorhandene SNE, die zweimal jeweils einige Tage lang mit Kortison behandelt wurde, nicht im MRT darstellbar (kann vorkommen) und auch die Augenärztin konnte mit keiner ihrer Untersuchungen eine SNE sehen (kann ebenfalls vorkommen), obwohl der Nachweis i. d. R. sowohl beim Augenarzt als auch im MRT funktioniert. Die Notaufnahme in der Klinik meinte nach diversen Eingangsuntersuchungen auch zunächst “alles ok”. Ich hatte lediglich eine leichte Rotensättigung, von der Augenärztin per orangerotem Post-It festgestellt. Die Ärzte in der Notaufnahme wollten mich schon wieder nach Hause schicken, hätte ich am Schluss nicht noch die Rotensättigung erwähnt. Die war auch nicht stark ausgeprägt, hatte daher beim Gespräch in der Notaufnahme erst gar nicht mehr dran gedacht.
Ich war dann ein paar Tage stationär und erhielt die Diagnose MS nach MRT, VEP, MEP und Lumbalpunktion. Zweifelsfrei.
Habe keine Läsionen in der Wirbelsäule, aber ein paar kleine im Schädel. Das gibt’s auch umgekehrt. Die sogenannte rein spinale MS betrifft in pathologischen Studien etwa 30 % aller Untersuchten. Daher würde ich an deiner Stelle den Scan von HWS, BWS und evtl. auch noch LWS auf jeden Fall und auch möglichst zeitnah machen.
Man kann auch noch gar keine Läsionen haben und trotzdem eine SNE als Beginn einer MS. Die Lumbalpunktion ist das Mittel der Wahl, um eine MS mit hoher Sicherheit festzustellen. Habe davor ggf. keine Angst. Das ist normalerweise nicht schlimm. Ich hatte z. B. so gut wie nichts gespürt, unbetäubt. Das wurde direkt im Krankenzimmer gemacht, auf dem Bett sitzend und war schneller rum als ich dachte. War echt überrascht. Ein kleiner Pieks war das, mehr nicht. Ist vielleicht nicht bei jedem so, aber man hört es oft.
Selbstverständlich wünsche ich dir, dass du keine MS hast. Danach sieht es ja offenbar eher aus, aber ganz sicher ist es wohl noch nicht. Ich will die Pferde nicht scheu machen, aber sollte es doch anders sein, wäre eine möglichst frühe Behandlung von Vorteil. Je früher man behandelt, je besser ist statistisch das durchschnittliche Langfrist-Outcome. Dank moderner Medikamente hat MS heute einen Großteil ihres Schreckens verloren, zumindest die schubförmige Variante (RRMS), insbesondere bei frühzeitigem Gegensteuern. So ist die internationale Studienlage und so habe ich es auch von sämtlichen Neuros gehört mit denen ich bisher zu tun hatte. Im Krankenhaus, später in einer MS Ambulanz und bei zwei niedergelassenen Neuros, davon einer auf MS spezialisiert, bei dem ich heute in Behandlung bin. Deshalb kläre es noch zu 100 % ab, denn eine verspätete Diagnose erst in einigen oder in vielen Jahren wäre ggf. nachteilig.
Vielleicht kannst du ja auch noch einen sNfL-Bluttest beim Hausarzt oder Neuro machen. Ist ein modernes, neues Verfahren, das Schäden im Zentralnervensystem (ZNS) zuverlässig anzeigt, auch solche, die man im MRT nicht sieht. Diese Untersuchung ist nicht MS-spezifisch, schließlich können ZNS-Schäden verschiedene Ursachen haben, aber diese Untersuchung kann ein weiteres Indiz sein, wenn aus anderen Gründen bereits MS-Verdacht vorliegt. Die sNfL sind z. B. nach einem MS-Schub für einige Zeit deutlich erhöht und eine MS-bedingte SNE wäre ein Schub.