Hallo Krümel,
es ist üblich, die Patienten selbst entscheiden zu lassen, was sie für eine Basistherapie machen wollen, damit sie nicht das Gefühl haben, sie sei ihnen aufgedrängt worden. Der autoritäre “Halbgott in Weiß” und “Über-Vater” ist out, den gibt es nur noch im Fernsehen. Ich sehe in meinen Ärzten eine Art Dienstleister. Der Auftraggeber bin ich!
Die Unterschiede bei den einzelnen Medis liegen in der Spritzweise (i.m. oder s.c.), in der Spritzhäufigkeit (von täglich bis wöchentlich) und im Handling (Fertigspritzen oder Selbst-Anmischen).
Daneben gibt es noch Unterschiede in der Verträglichkeit; diese ist aber bei jedem Anwender anders, und Vorhersagen, ob Nebenwirkungen auftreten und wie stark, lassen sich nicht machen, weil jeder auf jedes Medikament anders reagiert. Am gleichmäßigsten ist der Wirkstoffspiegel bei Betaferon / Extavia (das ist beides das völlig gleiche Medikament, nur das Zubehör ist anders), da es alle 48 Stunden gespritzt wird. Bei Rebif ist der Spritzabstand zweimal 48 Stunden und einmal 72 Stunden, was nach der 72-Stunden-Pause zu etwas stärkeren Nebenwirkungen führen kann.
Was Langzeitnebenwirkungen angeht, hat man die längsten Erfahrungen mit Betaferon (seit Beginn der Zulassungsstudien über 20 Jahre), sodass man weiß, dass es auch nach jahrelanger Anwendung keine schweren Schäden anrichtet. Die Leberwerte müssen unter Interferon etwa vierteljährlich kontrolliert werden (das macht der Hausarzt). Ein Anstieg der Transaminasen ist unter Interferon normal und geht nach dem Absetzen wieder zurück.
Typische Nebenwirkungen bei Interferonen sind Grippesymptome, da Interferon-beta ein körpereigener Stoff ist, der bei Virusinfektionen von Bindegewebszellen gebildet wird. Diese Grippesymptome lassen sich mit einer Tablette Ibuprofen oder Paracetamol vor dem Schlafengehen aber gut behandeln und geben sich bei den mehrmals wöchentlich gespritzten Interferonen Betaferon, Extavia und Rebif meistens nach einigen Wochen Eingewöhnungszeit.
Bei Avonex halten die NW oft für die gesamte Therapiedauer an, da der Wirkstoffspiegel im Körper stark schwankt. Dafür muss man es nur einmal wöchentlich spritzen. Avonex ruft dadurch, dass es i.m. gespritzt wird, selten Hautreaktionen hervor. Bei den s.c. gespritzten Interferonen sind dies vor allem Rötungen an den Einstichstellen, bei Copaxone Juckreiz und Fettgewebsnekrosen (Dellen).
Copaxone ist kein Interferon, sondern ein Gemisch aus Aminosäuren, es hat andere Nebenwirkungen als die Interferone. Man spritzt es täglich s.c. Es wird nach dem Zufallsprinzip synthetisiert, sodass die Wirksamkeit jeder Charge im Tierversuch überprüft werden muss.
So weit lassen sich die Unterschiede objektivieren; die individuelle Verträglichkeit ist bei jedem anders. Ich spritze seit 4 1/2 Jahren Betaferon, das ich mir selbst ausgesucht habe. Inzwischen waren es über 800 Spritzen. Ich habe empfindliche Haut, neige zu Allergien, und im Betaferon - das pH-neutral ist - müssen keine Stabilisatoren und Zusätze drin sein wie in den Fertigspritzen-Präparaten, da es vor dem Spritzen erst aufgelöst werden muss. Das ist ganz einfach, man braucht halt für die Spritzerei fünf Minuten. Eine TV-Werbeunterbrechung reicht trotzdem dafür völlig aus.
Ich hatte in den zwei Jahren vor der Diagnose mehrere schwere Schübe, nachdem meine MS davor werweißwieviele Jahre lang unauffällig verlaufen war. Dann legte sie einen Zahn zu und verkürzte meine Gehstrecke von 2003 bis zur Diagnose und Therapiebeginn von 2 km auf 200 m. Seit ich spritze, hat sich mein Verlauf stabilisiert, und sich in 4 Jahren nur noch um einen EDSS-Grad verschlechtert.
Nebenwirkungen habe ich je nach Tagesform meist fast gar keine und manchmal (vor allem in den heißen Sommerwochen) etwas Fieber und Kopfschmerzen in der Nacht nach der Spritze, allerdings “verschlafe” ich sie meistens. Gelegentlich nehme ich 200 oder 400 mg Ibuprofen, das ist alles. Ich bekomme, je nachdem, wo ich reinsteche, Rötungen an den Einstichstellen, aber das ist mir egal, da ich sowieso keine Bikinischönheit bin.
Seit ich spritze, sind die Leberenzymwerte bei mir etwas erhöht, aber auf diesem höheren Niveau stabil, ohne weiter anzusteigen. Kein Grund zur Besorgnis, nur ein Zeichen, dass die Leber wegen der vielen Medikamente mehr arbeiten muss (ich habe noch ein paar andere Krankheiten).
Ich habe mir Betaferon ausgesucht, da ich nichts intramuskulär spritzen darf (bin Marcumarpatientin wegen Vorhofflimmern) - also kein Avonex -, Allergikerin bin - also kein Copaxone - und Rebif damals einen pH-Wert hatte wie Zitronensaft - also beim Spritzen brannte -, während Betaferon pH-neutral ist. Außerdem hat Betaferon schon seit Jahren auch eine Zulassung für SPMS mit aufgesetzten Schüben, und bei der Diagnose war nicht ganz klar, ob ich schubförmige MS habe oder progrediente, es war nur klar, dass ich einen Schub hatte.
Mein Neuro wollte mir am Anfang mal kurz Copaxone schmackhaft machen, aber ich kriege schon Juckreiz, wenn ich die falsche Seife benutze, da kam es für mich nicht in Frage. Ich vertrage das Betaferon immer noch gut, habe seither auch keine neuen Herde im MRT, und würde es weiterempfehlen.
Hier noch eine gute Zusammenfassung:
http://www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/030-050.htm
Liebe Grüße
Renate