Mal nicht immer die gleichen Themen :small_airplane:

ja so ein Thema ist nix für Hochstapler :wink:

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Oute mich als akrophobikerin, bin hier also richtig :+1:

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immer schön den Ball flach halten :wink:

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Keine Lust, noch ein Ründchen über Kortison zu plaudern? :grin:

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Das Eine schließt das Andere doch nicht aus.

Hier könnte ich z.b. über meinen Zugspitzrundflug plaudern, im Cortisonthread wär das ungehörig

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@damncrazydude Das ist dann Höhenflug und Absturz

ja , so könnte man das Definieren :wink: :joy:

:copyright: Fernandez gegen den Strich

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Zugspitze von Südwesten

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die ganze Tour

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Das ist aber deutlich vereinfacht dargestellt…

:stuck_out_tongue: :stuck_out_tongue: :stuck_out_tongue:

Wieso fällt eigentlich keinem YouTuber auf das Holy langsam zum Ladenhüter mutiert? :smiley: Whatever, hauptsache er hat die Kooperation korrekt bei der Steuer angegeben.

Zugspitze am Horizont

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Tiefflieger

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grosses Gelächter :rofl:

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Im Zeppelin ist ruhiger fliegen als in der Cessna (am Bodensee)

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“Die freundliche Fassade des Ulrich Siegmund”

Wenn AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt Wahlkampf macht, stehen die Leute verzückt an für ein Selfie mit ihm. Klima, Rente, wie es weitergeht? Egal. Er verkauft hier ein Gefühl, von Remigration muss er da gar nicht reden.

Von Iris Mayer

  1. August 2026 | Lesezeit: 12 Min.

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Woran erkennt man einen guten Verkäufer? Am Umsatz natürlich – aber auch daran, wie zufrieden die Kunden sein Geschäft verlassen. Ob sie wiederkommen. Ob sie Dinge kaufen, die sie vielleicht gar nicht brauchen. Ob sie bei all dem ein gutes Gefühl haben, so gut, dass sie das Geschäft weiterempfehlen. Bis sehr viele das Gefühl bekommen, sie müssten sich in diesem Laden wenigstens mal umsehen.

Ulrich Siegmund ist zweifellos ein guter Verkäufer, seine Kunden warten an einem brüllend heißen Mittwochvormittag Anfang August auf dem Marktplatz in Wittenberg. Ein paar AfDler haben gerade erst den Wahlkampfstand aufgebaut, die Fanartikel sortiert, die Vision-2026-T-Shirts, die Zollstöcke, die Schlüsselanhänger, die Kulis und die auf Pappe gezogenen Wahlplakate mit seinem Porträt arrangiert, schon hat sich eine Menschentraube gebildet.

Als Siegmund mit vier Sicherheitsleuten aufläuft, applaudieren sie und rufen „Uuuulllliiiiii“, als käme da ein Popstar zur Autogrammstunde. Siegmund winkt in die Menge: „Hier ist ja schon richtig was los.“ Er trägt ein weißes Poloshirt, schwarze Hose, Turnschuhe, das Handy in der Hosentasche, im Gesicht ein Siegerlächeln. Während Siegmund „Hallo Wittenberg, für wen kann ich hier was tun?“, über den Marktplatz ruft, formen seine Sicherheitsleute die Menge zu einer Schlange, „sodass wir auch Ein- und Ausgang machen können“.

In den kommenden zwei Stunden wird die Menschenschlange nicht abreißen, manche stellen sich sogar zweimal an, Siegmund wird immer wieder seinen Arm um Bürger legen, den Daumen der rechten Hand nach oben recken und in die Handykamera lachen. Es wird eine politische Verkaufsveranstaltung, wie man sie lang nicht erlebt hat. Normalerweise ist Straßenwahlkampf in Deutschland ein zähes Geschäft, der Wähler huscht am Stand vorbei, ein kurzes Gespräch, ein bisschen Gemotze, im besten Fall bringt der Kandidat ein paar Flyer an den Mann oder die Frau und hört: „Ich wähl euch eh“ oder:„Lass mich in Ruhe.“

Aber normal ist nichts in diesem Sommer in Sachsen-Anhalt, in dem sich die AfD ernsthaft Chancen auf eine absolute Mehrheit im Landtag ausrechnen kann und Siegmund mit 35 Jahren auf das Amt des Ministerpräsidenten. Seit Monaten steht die AfD jenseits der vierzig Prozent in der Wählergunst, könnte ihr Ergebnis von 2021 damit verdoppeln. Bleibt die Frage: Welches Gefühl verkauft Siegmund seinen Wählern da eigentlich?

In die Schlange auf dem Wittenberger Marktplatz haben sich Männer wie Frauen eingereiht, Junge, Alte. Es sind Eltern mit kleinen Kindern dabei, Teenager und Senioren am Rollator. Man tritt niemandem zu nahe, wenn man schreibt, dass hier keine kritischen Wähler auf einen Spitzenkandidaten warten, sondern Fans auf ihr Idol. Fragen zum AfD-Programm hat fast niemand, gute Wünsche für den verheirateten Familienvater jeder.

Ein Mann, der auf Siegmunds Standardbegrüßung „Ich bin Uli Siegmund, hallo, wer bist du?“, mit „Jürgen“ antwortet, sagt: „Ich würde ja vor dir auf die Knie gehen, aber dann komme ich nicht mehr hoch.“

Ein Rentner drückt Siegmund die Hand und verkündet, er werde sie jetzt bis zum Wahltag am 6. September nicht mehr waschen.

Hier treffen nicht kritische Wähler auf einen Kandidaten, sondern Fans auf ihr Idol

Eine ältere Dame spricht ihn mit „unser Ministerpräsident“ an und berichtet, die Nachbarn würden nicht mehr mit ihr reden, seit sie sich zu ihm bekenne: „Ich hoffe mit dir auf die Meinungsfreiheit.“

Ein Kfz-Handwerksmeister kommt wegen seiner Frau, „weil die noch CDU wählt“. Es klingt, als sei es eine Art seltene Krankheit, von der nur Siegmund sie heilen könne.

Nach fünfzig Minuten gibt der erste Stift auf, mit dem Ulrich Siegmund all die Ulrich-Siegmund-Plakate signiert und die Ulrich-Siegmund-Vision-2026-T-Shirts. Bevor er seine Unterschrift und das Datum auf ein Stück Stoff setzt, bittet er sein Gegenüber jedes Mal, ihm zu helfen und an einer Ecke mit festzuhalten: „Zieh mal straff!“ Ist ja am Ende alles Teamwork. Darum geht es hier nämlich auch, um ein Gefühl von Gemeinschaft. Da zählt auch die kleine Geste. Als guter Verkäufer weiß Siegmund das.

Als „aufgeschlossener und kommunikativer Mensch“ habe er schon früh seine Stärke entdeckt, hat er als 23-Jähriger mal in einem Interview erzählt. Da hatte er gerade in Berlin ein Unternehmen für Raumbeduftung gegründet und sagte: „Ich liebe es zu verkaufen.“ Und er erklärte, was es dafür braucht:

„Um etwas zu verkaufen, muss ich dafür brennen – und das tue ich.“

Und so wie Siegmund mal dafür brannte, mit dem passenden Duft im richtigen Geschäft die Umsätze anzukurbeln, so brennt er heute für Remigration, Flaggenpflicht an Schulen und die Zerschlagung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in seiner jetzigen Form. Denn die freundliche Fassade mag auf den ersten Blick von den radikalen Plänen seines Landesverbandes ablenken, den der Verfassungsschutz schon 2023 als gesichert rechtsextremistisch einstufte. Aber natürlich steht Siegmund als Spitzenkandidat zu hundert Prozent hinter dem Forderungskatalog, den die Partei selbstbewusst Regierungsprogramm nennt.

Dieses beinhaltet Massenabschiebungen, einen sofortigen Aufnahmestopp für Nicht-EU-Ausländer, es stuft „Kulturfremde“ im Gesundheits- und Pflegesektor als Risiko für das Patientenwohl ein, will die Schulpflicht genauso abschaffen wie den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern. Für den Wechsel aufs Gymnasium soll eine Quote von 25 Prozent gelten, ohne Mitspracherecht der Eltern. Auch an Hochschulen soll das Rad zurückgedreht werden, die Einführung von Bachelor- und Masterabschlüssen soll rückabgewickelt, der Einfluss von Studentenräten begrenzt werden.

Staatsgeld für Kunst und Kultur soll es nur noch geben, wenn die „einen Beitrag zu deutscher Identitätsfindung“ leistet, die für Klimafragen zuständige Landesenergieagentur soll genauso abgeschafft werden wie die Landeszentrale für politische Bildung. Die Rundfunkstaatsverträge will die AfD als erste Amtshandlung kündigen, Vereinen zur Demokratieförderung die Gelder streichen. Dafür soll es schon bald Bürgerwachten geben, die Hilfstätigkeiten für Polizei und Ordnungsamt übernehmen. Kurz gesagt: Die AfD will ein anderes Land.

Ob all die Versprechungen überhaupt finanzierbar sind, interessiert hier keinen

Dass vieles davon an rechtliche Grenzen stößt, ficht die Partei genauso wenig an wie die fehlende Finanzierung. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle hat gerade vorgerechnet, dass zur Finanzierung aller AfD-Pläne in Sachsen-Anhalt mindestens 2,2 Milliarden Euro im Haushalt fehlten. Vor allem die Versprechen in der Familienpolitik – ein landeseigenes Kindergeld, kostenfreies Mittagessen von Krippe bis Schule und beitragsfreie Kitas – sind ungedeckte Schecks. Selbst das Hundert-Tage-Programm, das vor allem aus Symbolpolitik besteht, sei nur finanzierbar, „wenn das zentrale Wahlversprechen gebrochen und weiter neue Schulden gemacht würden“, sagen die Forscher.

Das kümmert die Siegmund-Fans in Wittenberg herzlich wenig. Sie fragen nicht, wer im Pflegeheim arbeiten wird oder in den Krankenhäusern, wenn die „Kulturfremden“ erst mal alle weg sind. Sie fragen nach einem Foto mit Siegmund oder wollen von ihm wissen, was sie gegen den Wahlbetrug tun können, den sie schon jetzt vermuten. Der empfiehlt: Am 6. September ins Wahllokal gehen, die Auszählung beobachten, Ergebnisse aufschreiben und mit denen im Internet vergleichen.

Siegmunds Fans wollen dabei sein, wenn ihr Idol „unser gutes altes, sicheres Deutschland“ zurückholt, mit Flaggenpflicht und Russischunterricht an Schulen. „Ich weiß nicht, wann es das letzte Mal in der Politik so was gab“, sagt Siegmund, als man am Rand der Selfieschlange in Wittenberg ein paar Worte mit ihm wechseln kann. Die Menschen seien voller Hoffnung, ein Wort, das er jetzt häufig höre. „Viele haben endlich wieder so eine Aufbruchstimmung, eine positive Perspektive, die sie lange vermisst haben in der Politik“, sagt er.

Das hat Siegmund in den vergangenen Monaten tatsächlich geschafft – mehr als vierzig Prozent der Wähler teilen nicht nur die AfD-Sicht von einem kaputtregierten Land, sie trauen ihm auch zu, dass er die Dinge wieder ins Lot bringt, ganz gleich was Wirtschaftsexperten, Wissenschaftler, Kirchen und Künstler sagen, die unisono Sturm laufen gegen sein Programm. In einer gemeinsamen Erklärung warnten die wichtigsten Kulturinstitutionen im April davor, „historisches Erinnern, Kunst und kulturelle Vielfalt an nationalistischen Leitbildern und Identitätsvorgaben auszurichten“. Sie sehen darin einen „Angriff auf Kunst, Kultur und Geschichte“, deren ideologische Instrumentalisierung die Bürgerinnen und Bürger des Landes im Kern ihrer Identität träfen.

Es ist ein Angriff, der vielen Bürgern keine Angst zu bereiten scheint. Auf die Frage, wie zufrieden die Menschen mit der Arbeit der Spitzenkandidaten von AfD und CDU seien, lagen Siegmund und sein CDU-Konkurrent Sven Schulze vergangenen September gleichauf bei zwanzig Prozent. Im Januar löste Sven Schulze dann Reiner Haseloff als Ministerpräsident ab. Sollte er je einen Amtsbonus gehabt haben, gegen Siegmund zieht er nicht. Ende Juli sagten in einer Infratest-Umfrage 35 Prozent, sie seien mit Siegmunds politischer Arbeit zufrieden oder sehr zufrieden, über Schulze sagten das nur 29.

In Wittenberg baden die Siegmund-Fans regelrecht in dem Gefühl, das er ihnen so ausdauernd wie zugewandt vermittelt. Nach Fotos fragt er: „Passt das so? Sonst machen wir noch eins, kein Problem.“ Soll er eine Widmung auf Plakate, Flyer oder T-Shirts schreiben, fragt er nach, wer sich hinter dem Namen verbirgt. Als „Liebe Grüße von Uli an Michaela“ gewünscht werden, will er wissen, wer denn Michaela ist. „Die Schwiegermutti? Dann male ich noch ein Herzchen dazu.“ Später am Tag lässt eine Frau ein T-Shirt für ihren Mann signieren, der nicht selbst kommen könne, weil er auf Montage sei. Siegmund bittet sie um ihr Handy, nimmt gemeinsam mit ihr ein Video auf: „Hallo Jörg, ich steh hier mit deiner Frau, tolle Wahl übrigens. Ich habe gerade dein T-Shirt signiert. Danke für deine Unterstützung.“ Sie strahlt und sagt: „Da wird er sich freuen.“

Es gibt hier Siegmund zum Anfassen, und natürlich das Einer-von-uns-Gefühl

Als Siegmund „Für Neyla“ auf ein Wahlkampfplakat schreiben soll, lässt er sich den Namen buchstabieren und fragt, ob die Neyla irgendwo sei. Ein Mädchen meldet sich, „Mensch, warum kommste denn nicht selbst vor?“, fragt er sie. Dann ein High Five und ein gemeinsames Foto mit Neyla, dazu das Ulrich-Siegmund-Plakat, auf dem jetzt groß die Unterschrift von Ulrich Siegmund prangt.

Nach zwei Stunden sind alle versorgt, der Tross zieht weiter. Nächste Station: die Kleinstadt Elster direkt an der Elbe, am Ufer das Hotel „Zum Anker“. Auch hier warten gut fünfzig Leute in der Mittagssonne, eine von ihnen ist Corina Milbradt. Friseurmeisterin, 62 Jahre alt, sie kommt aus der Gegend. Sie hatte mal drei Läden und siebzehn Angestellte, hat Lehrlinge ausgebildet, sagt sie – alles lang her. Jetzt sei sie Einzelkämpferin und mache sich Sorgen, wie das werden soll mit der Rente. „Ich kann ja nicht bis achtzig oder neunzig arbeiten.“

Sie fragt einen Freund um Rat, ob sie der Presse ihren vollen Namen sagen soll, der rät ihr zu: „Warum denn nicht?“ Dann erzählt sie, dass sie bis jetzt CDU gewählt habe und nicht alles unterstütze, was die AfD fordere, „ich will keine Diktatur“. Aber sie findet schon, „dass hier mal wieder Ordnung rein muss“, dass nicht nur Geld für andere da sein könne, wenn es vielen Deutschen nicht gut gehe. „Ich bin Deutsche mit Leib und Seele“, sagt sie, „aber nicht rechts.“ Die Frage sei doch, wem man vertrauen könne in der Politik. Auch deswegen wolle sie sich Siegmund mal anschauen. Seine Frisur passt, „das ist auch kein rechter Haarschnitt“, findet die Fachfrau.

„Da hat er schon mal Pluspunkte.“

Sie hofft darauf, dass Siegmund jetzt und hier auch eine Rede hält. Doch die wird es erst am Abend geben, in Wittenberg. Hier am Stand in Elster gibt es Siegmund zum Anfassen, zum Smalltalk und für das Einer-von-uns-Gefühl. Handwerker klagen über Arbeitskräftemangel und Lehrlinge, die nur „von zwölf bis Mittag arbeiten wollen, dafür aber dreitausend Euro verdienen“. Einer trägt ein T-Shirt, auf dem steht: „Ich bin als Deutscher geboren & schulde der Welt einen Scheiß“.

Milbradt reiht sich in die Schlange ein, um ein Foto geht es ihr nicht, aber um eine Begegnung mit Siegmund. Als sie dran ist, umarmt sie ihn, erzählt ihm von ihren Rentensorgen und dass er ein gut aussehender Mann sei. „Das war cool“, sagt sie hinterher. Warum sie denn glaube, dass es Siegmund besser machen würde als all die anderen? „Er strahlt das einfach aus“, sagt Milbradt. „Er ist bodenständig, das ist kein Rotzlöffel in Springerstiefeln.“

Tatsächlich fällt Siegmund mit radikalen Aussagen seltener auf als andere AfDler. Harmlos macht ihn das natürlich nicht. Als er vergangenen November in einem Politico-Podcast gefragt wurde, ob der Holocaust das schlimmste Menschheitsverbrechen gewesen sei, sagt er: „Das maße ich mir nicht an zu bewerten, weil ich die gesamte Menschheit nicht aufarbeiten kann.“ Nur so viel: Man müsse natürlich immer aus der Geschichte lernen.

Anfang des Jahres sah es so aus, als würde sich der Landesverband selbst zerlegen – kurz

Im Gutachten des Verfassungsschutzes taucht er im Gegensatz zu seinem Landeschef Martin Reichardt, dem Co-Fraktionschef Oliver Kirchner und dem Partei- und Fraktionsvize Hans-Thomas Tillschneider nicht namentlich mit Aussagen auf. Wünscht er sich manchmal, dass die Parteifreunde gemäßigter auftreten? In Wittenberg sagt er auf diese Frage: „Wir sind ein Team, und jeder hat unterschiedliche Stile.“ Er sei dankbar über den Zusammenhalt, gerade an Reichardt schätze er, „dass er oft sehr klare Worte wählt, die uns manchmal fehlen in dieser Gesellschaft“. Alles Teamwork halt.

Dabei sah es Anfang des Jahres so aus, als ob sich der Landesverband selbst zerlegen würde. Der frühere Generalsekretär Jan Wenzel Schmidt, der nach Vorwürfen von Korruption, Lügen und „Beseitigung von Gegnern“ zurücktreten musste, hatte schwere Vorwürfe gegen die verbliebene Parteiführung erhoben. Es ging um Vetternwirtschaft, falsche Reisekostenabrechnungen und Dienstreisen in die Spielbank. Kurz darauf wurde bekannt, dass eine Vielzahl von Abgeordneten Verwandte auf Steuerzahlerkosten in den Büros von Parteifreunden beschäftigen ließ. Auch Siegmunds Vater profitierte davon. Selbst in der AfD fanden das einige mindestens ungünstig.

Siegmund verteidigte die Anstellung, „weil Vertrauen bei uns das Entscheidende ist“, und postete ein Video, in dem er eine Anfrage des ZDF zerknüllte, das AfD-Abgeordneten einen Fragenkatalog zu Beschäftigungsverhältnissen von Verwandten geschickt hatte. „In den Müll mit diesen Anfragen“, sagte er in die Kamera. Souverän wirkte das nicht. Wer will, kann also durchaus Risse in seiner sorgsam polierten Fassade erkennen. Seine Wähler wollen das offenbar nicht, den Umfragewerten der AfD hat die Vetternwirtschaftsaffäre jedenfalls nicht geschadet. Siegmunds Karriere genauso wenig – ähnlich wie seine Abwahl als Vorsitzender des Sozialausschusses vor zweieinhalb Jahren.

Der Landtag hatte ihn damals mit großer Mehrheit abberufen, nachdem publik geworden war, dass Siegmund im Januar 2024 an einem Treffen von Rechtsextremisten in der Potsdamer Villa Adlon teilgenommen hatte, bei dem Martin Sellner, rechtsextreme Leitfigur der „Identitären Bewegung“, seinen „Masterplan zur Remigration“ vorstellte. Auch das ist in der öffentlichen Wahrnehmung inzwischen zur Anekdote geschrumpft, bei Bürgerdialogen macht sich Siegmund unter großem Applaus lustig über „das Kaffeekränzchen“. Der Gag zündet fast so gut wie sein Eingeständnis, er sei mal in der CDU gewesen, jeder mache schließlich mal Fehler.

Für Politik hat sich Siegmund früh interessiert, mit achtzehn trat er in seiner Heimatstadt Tangermünde in die CDU ein. Dort kann man sich zwar noch an Siegmund erinnern, namentlich Auskunft geben will aber niemand. Nur so viel: Siegmund habe schnell Karriere machen wollen, als das nicht klappte, sei er wieder gegangen. 2014 wechselte er zur AfD, 2016 zog er als Abgeordneter in den Landtag ein. Dort fiel er anfangs nicht besonders auf, das Publikum und die Aufmerksamkeit erarbeitete er sich erst in der Corona-Zeit. Als gesundheitspolitischer Sprecher seiner Fraktion warf er der Landesregierung vor, „alles, was wir haben, gegen die Wand zu fahren“. Mit seinen Videos, in denen er „gesunden Menschenverstand statt Panikmache“ forderte, stieg er in Deutschland zu einem der reichweitenstärksten Politiker auf Tiktok auf, heute folgen ihm dort fast 740 000 Menschen.

Prägnante Botschaften, ein bisschen Empörung und direkte positive Ansprache – diese Taktik funktioniert für Siegmund auch in der analogen Welt. Allerdings nur, solange es thematisch an der Oberfläche bleibt und Widerspruch nicht zu erwarten ist.

Er war irritiert, als kein Firmenchef applaudierte. Sonst jubeln immer alle

Anfang Mai hatten die Arbeitgeberverbände alle Spitzenkandidaten der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zur Wahl-Arena geladen. Es ging darum, was eine Landesregierung tun kann, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bekommen. Siegmund beklagte die ideologische Ausrichtung der bisherigen Politik und die höchsten Strompreise der Welt. Weil die Krise existenziell sei, brauche es große Lösungen, keine kleinen Stellschrauben. Bei einem AfD-Bürgerdialog oder am Wahlkampfstand würde das reichen für Beifall, vor einer Halle mit Firmenchefs und Wirtschaftsfachleuten nicht.

Siegmund wirkte irritiert, als es nach seinen Redebeiträgen still blieb. Applaus bekam hier eher Ministerpräsident Sven Schulze (CDU), vor allem, als er Siegmund noch mal öffentlich unter die Nase rieb, dass dessen Partei das Geld aus dem Infrastruktur-Sondervermögen des Bundes ablehnt. 2,6 Milliarden sind das für Sachsen-Anhalt, sechzig Prozent davon gehen an die Kommunen. AfD-Vize Tillschneider hatte dazu im Landtag zu Protokoll gegeben: „Eines verspreche ich Ihnen: Das Geld der Schande aus dem merzschen Sondervermögen werden wir nicht anrühren.“

Siegmund ist natürlich klar, dass es schwierig wird, die Erwartungen zu erfüllen, die er schürt. Deswegen weist er regelmäßig darauf hin, dass die AfD ein Land erben werde, das pleite sei, und dass es dauern könne, bis man all die Mittel frei gemacht habe, die man für den Neustart brauche. Sachsen-Anhalt sei nur der erste Baustein, „das große Rad muss in Berlin gedreht werden“.

Viel wichtiger sei doch, dass man mal einen ersten Schritt in die richtige Richtung mache.

Das sehen auch Siegmunds Fans so, die ihn am Abend dieses Wahlkampftages wieder in Wittenberg bejubeln. Er ist für „Politik bei Bierchen und Bratwurst“ in den Innenhof des Best-Western-Hotels gekommen. Auf einer Bühne stehen AfD-Wahlplakate: „Ein Leben ohne GEZ.“, „Alles für unsere Kinder.“, „Keine Steuer auf die Rente!“ oder „Es beginnt hier“, steht da. „Was für ein toller Abschluss eines wunderbaren Tages“, sagt Siegmund unter dem Jubel von mehreren Hundert Menschen, die er jetzt noch einmal rhetorisch umarmt. „Seite an Seite mit euch Geschichte zu schreiben, das passiert hier gerade in Sachsen-Anhalt.“ Lauter Jubel.

Dann sagt der Verkäufer Siegmund: „Ich möchte, dass jeder hier heute auf dieser Veranstaltung mit einem guten Gefühl nach Hause geht, dass es das Richtige ist, was wir hier machen.“

Und davon scheinen sie hier wirklich überzeugt zu sein.

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Dieser Typ ist der perfekte Verkäufer. Er verkauft etwas ohne zu sagen was genau… :see_no_evil::see_no_evil::see_no_evil:

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