Ich finde das Verhalten des Arbeitgebers schlicht widerlich. Hätte ich selbst nicht einen ähnlich gelagerten und teilweise noch schwierigeren Fall im familiären beziehungsweise beruflichen Umfeld erlebt, wüsste ich vermutlich nicht, mit welchen Bandagen manche Arbeitgeber arbeiten.
In der vereinfachten Darstellung bleibt deshalb vor allem: alles dokumentieren, möglichst alles schriftlich geben lassen, Gesprächsinhalte direkt notieren und bei wichtigen Punkten gegenzeichnen oder anwaltlich prüfen lassen. Nichts vorschnell unterschreiben und auf keinen Fall selbst kündigen, solange keine neue Stelle sicher ist. Ich hoffe sehr, dass du eine Arbeitsrechtsschutzversicherung hast.
Nach deiner Schilderung läuft das für mich weniger auf eine sachliche Lösung als auf systematisches Herausdrängen hinaus. Bei der genannten hohen Fluktuation stellt sich außerdem die Frage, ob der Betrieb überhaupt noch vernünftig geführt wird oder wirtschaftlich nur noch irgendwie weiterläuft.
Ich hatte selbst einmal einen Vorgesetzten, der später in die Selbstständigkeit gewechselt ist und vorher dafür gesorgt hatte, dass ich innerhalb der Unternehmensgruppe versetzt wurde. Damals hat mich seine Aussage, meine Erkrankung werde ohnehin nur schlimmer, hart getroffen. Heute sehe ich das deutlich nüchterner.
Schon vor seiner Selbstständigkeit wirkten die Zahlen für den Standort auf mich kaum tragfähig. Das war sogar während Corona, also in einer Zeit, in der viele Menschen kaum andere Möglichkeiten hatten, als vor Ort einzukaufen. Trotzdem sah es für mich damals schon so aus, als ließe sich der Markt nur mit extremer Eigenleistung, sehr knapper Personaldecke und dauerhaftem Druck halbwegs am Leben halten.
Dazu kam, dass an dem Standort bereits mehrere Vorgänger beziehungsweise Konzepte gescheitert waren, darunter auch ein Discounter. Das Umfeld hatte sich zwar etwas verändert und direkt vor der Tür entstand ein relativ teures Mietobjekt, aber aus meiner Sicht reichte das nicht aus, um das strukturelle Problem zu lösen.
Deshalb frage ich mich heute weniger, ob seine Einschätzung über meine Erkrankung richtig war, sondern eher, welchen Preis er selbst und sein privates Umfeld für diese Entscheidung zahlen. Ein wirtschaftlich schwacher Betrieb wird nicht dadurch gesund, dass man Beschäftigte unter Druck setzt oder Krankheit als persönliches Versagen behandelt.
Mein klarer Rat bleibt daher: alles sichern, den Anwalt machen lassen, nicht selbst kündigen und parallel gezielt nach einer besseren Stelle suchen. Der stärkste Ausgang wäre, wenn du den Betrieb nicht geschlagen verlässt, sondern in eine fachlich passendere, stabilere und besser bezahlte Beschäftigung wechselst.