Hat jemand Erfahrungen damit, wie man mit Einschränkungen von MS und Psychischer Belastung im Alltag umgeht?
Die Frage ist etwas kryptisch deshalb hier etwas Kontext: ich habe leichte körperliche Einschränkungen durch eine Sehstörung, die meinem Arbeitsalltag im Handwerk einschränkt weil ich z.B. nicht genau Messen kann. Darüber hinaus sind meine Symptome diffus und nicht konkret der MS oder einer psychischen Erkrankung zuzuordnen. Die körperlichen Checks sehen alle gut aus, MRT und Blutwerte usw. Die Basistherapie hat gut angeschlagen, ich hab ne gute Prognose und bin froh, dass sich seit meinem letzten Schub im Sommer 24 nichts verschlimmert hat und ich „nur“ den Schaden am Sehnerv habe und keine krassen motorischen Einschränkungen.

Ich bin aber zum einen oft platt, verpeilt und müde. Das führt oft zu Überforderung und im nächsten Schritt dann auch zu einer gedrückten Stimmung. Ich habe auch schon vor meiner MS-Diagnose eine Psychotherapie gemacht und in dieser Zeit hat mir meine Arbeit im Handwerk geholfen aus meinem Emotionalen Loch rauszukommen. Die körperliche Arbeit hat mich abgelenkt und es ist einfach schön die Ergebnisse meiner Arbeit zu sehen. Ich hatte auch das Gefühl, dass ich recht gut bin in meiner Arbeit.

Mir fällt es seit meiner MS-Diagnose schwer festzustellen, ob es mir hilft mich „aufzuraffen“ und über die Fatique und den Brainfog wegzusehen, weil mir das oft dabei hilft die Stimmung aufrecht zu erhalten oder ob es besser ist einen Gang zurück zu schalten was zwar gegen die körperliche Erschöpfung helfen könnte aber für mich oft die Gefahr birgt emotional instabiler zu werden. Ich weiß, dass ich mich nicht hängen lasse und sowohl psychische als auch körperliche Überlastungen nicht einfach wegzumotivieren sind aber oft hat mir gegen depressive Verstimmungen halt körperliche Arbeit geholfen. Fakt ist aber einfach, dass mein Job auf der Baustelle zu hart ist für mich ist; ich mache Fehler weil ich nicht richtig sehe und mit Gleichgewichtsstörungen bin ich nicht mehr dazu geeignet mit schweren Maschinen auf einem Gerüst rumzuturnen.

Deshalb zurück zu meiner Frage: Kennt jemand die Situation, dass die Lösung für das eine Problem (in meinem Fall körperliche Arbeit gegen Depressionen) die Ursache für das andere Problem ist (Erschöpfung) und hat jemand einen Weg gefunden wie man sich im Alltag um beides kümmern kann?

In den Ratgebern steht immer, dass man bei MS auf sich hören soll und Pause machen soll bevor es zu viel wird. Wie macht ihr das im Arbeitsalltag? Habt ihr euch einfach damit abgefunden, dass Vollzeitarbeit nicht mehr drin ist oder habt ihr euch beruflich umorientiert? Gerne Antworten von Handwerker*innen weil viele Erfahrungsberichte von Lösungen durch Homeoffice oder Gleitzeit sprechen und ich glaube, dass MS im Handwerk und am Bau andere Lösungen braucht.

Ratgeber sagen auch, dass das Umfeld halt verstehen sollte, wenn man Treffen absagt: aber das ändert ja nichts daran, dass ich auch ein Bedürfnis nach Sozialleben habe und und mich dann entscheiden muss zwischen Erschöpfung oder Einsamkeit. Wie priorisiert ihr das?

Gerne auch Tipps, welche Therapie/Reha etc. euch dabei geholfen hat.

Hi Lausekroete,

kurz: wahrscheinlich wird alles über kurz oder lang auf eine berufliche Neuorientierung hinauslaufen.

Wenn du jetzt schon merkst, das du auf dem Gerüst nicht mehr sicher arbeiten kannst, solltest du das auch lassen. Denn die gefährdest damit nicht nur dich, sondern auch andere!
Wichtig ist, das das ganze keine Nebenwirkung von Medikamente ist, denn die können das halt auch verursachen oder schlimmer machen.

Ich kenne einige MSler die früher auf dem Bau gearbeitet haben, fast alle haben an den Schreibtisch gewechselt, weil gerade das Gleichgewicht Probleme gemacht hat.

Es ist halt dein Körper, der dir deine Grenzen aufzeigt, egal was du willst.

Im Rahmen einer Reha kann eine Beratung stattfinden, evtl. hilft das weiter.

Was die Psyche angeht, es ist halt nicht immer einfach zu akzeptieren, das ein Körper nicht mehr will, aber dein Körper gehört halt auch zu dir und der hat die Grenzen halt erreicht.

Im Büro kann ich zumindest mir die Arbeit einteilen, auch nach schwere Grad, und wenn ich merke, ich werde etwas unkonzentrierte mache ich etwas, wo ich mich nicht so sehr konzentrien muss.

Oder halt mal ein 5 Min Pause mit meiner Kollegin (sie raucht und muss immer vor die Tür…) und wir quatschen dann etwas.

Grüße
LucyS

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Ich arbeite -gottseidank- im Büro, da ist es einfacher mit den Einschränkungen umzugehen. Es klingt jetzt hart, aber das gemeine an MS ist das sie nicht besser wird, sondern nur schlechter. Wie schnell das geht und wie schlecht es einem ergehen wird ist sehr individuell.

Ich würde mich an deiner Stelle langsam aber sicher um eine Umorientierung kümmern. Hast du vielleicht Möglichkeiten zu unterrichten/auszubilden oder eine Tätigkeit in Richtung Projektleitung aufzunehmen?

Dazu musst du dich naetuerlich weiterbilden, lasse dich am besten mal bei der Agentur für Arbeit beraten. Die wissen aber nicht immer gut Bescheid, vielleicht hörst du dich mal in deinem Umfeld um. Um zB. Berufsschullehrer zu werden brauchst du einen Meistertitel + pädagogische Kurse. Dafür hast du aber praktisch eine Jobgarantie, verdienst sehr gut und kannst auch Teilzeit arbeiten. Das ist nur eine Idee.

Ich glaub, da hilft nur ein Gespräch mit deinem Chef, bevor was passiert. Manche Probleme lassen sich u.U. ein weilchen überbrücken (Messen, Digital, das weißt du als jemand vom Fach besser und Vermeiden von Gerüstarbeiten, falls möglich), aber über Kurz oder lang wirst du dich wahrscheinlich damit anfreunden müssen, über Alternativen und Möglichkeiten nachzudenken. Es kommt ja immer auch aufs Alter und die genaue Tätigkeit an. Ich bin nicht vom Fach, werkle nur hobbymäßig und in Miniatur oder als Handlanger, Dinge, die ich machen kann und nicht an Zeit gebunden.
Was du noch ansprichst mit Pausen machen oder bewusst drüber weggehen … Ich merke bei mir persönlich, dass ich über die Grenze drüber muss, um in einen Workflow reinzukommen und das kann dauern. Dabei kann man sich dann aber auch leicht übernehmen, weil mans dann evtl. übertreibt und Fehler provoziert.

Ich befinde mich in einer ähnlichen Situation. Ich arbeite zwar nicht als Handwerkerin jedoch in der Altenpflege, was auch kürperlich sehr streng ist. Ich konnte dank Invalidenrente mein Pensum auf 5h/Tag ca. 4tage/Woche reduzieren. Aber ich komm auch so an meine Grenzen. V.a. bedeutet Arbeiten kaum mehr für etwas Anderes Energie zu haben. Und diese ewige Einteilung, für was ich jetzt noch Energie habe und für was nicht, stresst. Ich muss immer wieder Termine absagen um noch in die Erholung zu kommen. Der Haushalt muss ja auch irgendwie bewältigt werden.
Ich kann dir somit keinen Rat geben. Dir nur sagen, dass es mir sehr ähnlich geht. Beim Arbeiten habe ich meisst Energie, weil ich die Arbeit gerne mache. Aber rundum um die Arbeit bin ich dauernd damit beschäftigt, einzuteilen was mir gut tut und was nicht.

Was bei mir noch dazu kommt ist, dass ich meist sehr früh aufstehen muss für meine Arbeit. Auch nicht grad förderlich…

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Danke für die ganzen schnellen Antworten ihr Lieben. Hätte nicht gedacht, dass dieses Forum so aktiv ist.

Das „Problem“ ist, dass ich relativ schnell nach der Ausbildung ne Weiterbildung gemacht habe; während dieser Weiterbildung ist die Diagnose gekommen. Mein Plan war es eigentlich mich jetzt, solang es noch geht, mich nochmal richtig in der Praxis einzuarbeiten und dann langsam ins Büro zu wechseln, weil mir eigentlich die Erfahrungen für Planung fehlen oder um als Ausbilderin zu arbeiten. Ich merke aber immer mehr, dass die Praxis auch nicht wirklich geht. Das frustriert echt.

Über die Möglichkeit mit dem Berufsschuhllehramt habe ich auch schon nachgedacht aber ich kann mir auch vorstellen, was komplett neues anzufangen. Zum Meistertitel fehlt mir nur die Praxisprüfung, also von den Vorraussetzungen bin ich Quasi 52h Entfernt aber die eine Prüfung habe ich habe ich wegen MS verschoben. Der Techniker ist aber meistens Gleichwertig. Meine Berufsschullehrer waren alle ganz schön Frustriert, weiß nicht ob das für mich wirklich n anzustrebendes Ziel ist.

Ich sammle mal ein paar Ideen. Hätte glaube ich Lust auf einen Neuanfang in was ganz anderem.

Die Frage, wie man sich mit dieser Krankheit die Kraft einteilt bleibt aber glaub auch im Büro und sonst überall auch.

Glaube meine Frage war mehr auf ner Philosophischen Ebene gemeint als jetzt konkret auf meine Situation bezogen. Die Situation muss ich eh iwie klären und werde ich auch klären.

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