Die Rolle der Darmflora

Die genaue Ursache der MS ist bis heute nicht bekannt. Seit einigen Jahren stehen auch die Bakterien der Darmflora unter Verdacht. Sie helfen nicht nur bei der Verdauung, sondern steuern scheinbar auch die Autoimmunreaktionen bei MS.

Mikrokosmos im Darm

In unserem Darm leben rund 60 Billionen Bakterien – das sind 2-mal mehr Bakterien als sämtliche menschliche Zellen eines Körpers. Die Gesamtheit aller Darmbakterien nennt man Darmflora oder Darm-Mikrobiom.

Ohne Darmbakterien könnten wir nicht überleben. Sie helfen uns bei der Verdauung, wehren Krankheitserreger ab und sind für die Entwicklung und Stärkung des Immunsystems wichtig.

Wie genau eine gesunde Darmflora aussehen sollte, ist nicht genau bekannt. Zudem variiert die Zusammensetzung von Mensch zu Mensch. Als besonders günstig gilt aber eine große Vielfalt (Diversität) an Darmbakterien. Geht die Vielfalt und die Menge verloren, spricht man von einer Dysbiose. Eine ungesunde Ernährung oder die Einnahme von Medikamenten (z. B. Antibiotika) können ein solches Ungleichgewicht begünstigen.

Darmflora & Multiple Sklerose

Immer häufiger werden Krankheiten mit einer Dysbiose in Verbindung gebracht, zum Beispiel Magen-Darm-Infektionen, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Diabetes und auch die Multiple Sklerose.

Forscher des Universitätsklinikums Freiburg haben im Tierversuch 2015 herausgefunden, dass die Darmflora das Immunsystem des Gehirns beeinflusst. Es wurde gezeigt, dass Abbauprodukte von Darmbakterien (freie Fettsäuren, wie z. B. Propionsäure) als Botenstoff zwischen Darmflora und Gehirn dienen. Vermutlich gelangen sie über das Blut ins Gehirn und steuern dort die Reifung und Aktivierung von Mikrogliazellen. Entzündungen könnten so effizient eingedämmt werden. Wir berichten...

2017 zeigte ein deutsch-amerikanisches Forscherteam, dass die Stuhltransplantation von MS-Patienten auf Mäuse eine MS-ähnliche Erkrankung auslösen kann. Wir berichteten...

2018 hat ein internationales Forscherteam einen möglichen Auslöser der MS gefunden: ein Enzym namens GDP-L-Fucose-Synthase. Es wird sowohl von menschlichen Zellen als auch von Bakterien gebildet, die gehäuft im Darm von MS-Patienten zu finden sind. Vermutlich werden die T-Zellen im Darm aktiviert, wandern dann ins Gehirn und lösen dort bei Kontakt mit dem menschlichen Enzym eine Entzündung aus. Wir berichteten...

Diese Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass unsere Darmflora und ihre Stoffwechselprodukte unser Immunsystem regulieren und damit auch Entzündungsvorgänge im zentralen Nervensystem von MS-Erkrankten steuern.

Probiotika und Präbiotika

Probiotika bedeutet so viel wie „für das Leben“. Es handelt sich um lebende Mikroorganismen (v. a. Bakterien), die ganz natürlich in Lebensmitteln, zum Beispiel in fermentierten Milchprodukten wie Joghurt und Kefir oder in fermentiertem Gemüse wie Sauerkraut vorkommen (z. B. Lactobazillus oder Bifidobakterien). Sie werden nur bei bestimmten Erkrankungen als Arzneimittel eingesetzt (z. B. bei entzündlichen Darmerkrankungen oder Reizdarmsyndrom).

Präbiotika dagegen sind bestimmte, unverdauliche Ballaststoffe, die einigen Darmbakterien wie Laktobazillen und Bifidobakterien als Nahrungsquelle dienen. Damit lassen sie sich gezielt einsetzen, um das Wachstum und die Vermehrung „gesunder“ Bakterien zu begünstigen. Krankmachende Bakterien werden dadurch zurückgedrängt.

Besonders viele Präbiotika enthalten, zum Beispiel Artischocken, Chicorée, Spargel, Trockenobst, Schwarzwurzel, Zwiebeln, Roggen und Hafer.

Wir essen nicht nur für uns, sondern auch für unsere Darmbakterien. So können wir die Zusammensetzung unserer Darmflora selbst beeinflussen. Wichtig für unsere „guten“ Darmbakterien ist eine ballaststoffreiche Ernährung mit viel Obst und Gemüse.

Ob und wenn ja welche Prä- und Probiotika die Darmflora von MS-Erkrankten sinnvoll verändern könnten, ist Gegenstand aktueller Forschung.

Stoffwechelprodukte der Darmbakterien

Im Dickdarm werden Ballaststoffe von den Bakterien abgebaut und verdaut. Dabei produzieren sie wichtige Stoffe wie Vitamine und kurzkettige Fettsäuren. Eine dieser Fettsäuren ist die Propionsäure. Sie wirkt antientzündlich, indem sie „gute“ T-Zellen, die sog. regulatorischen T-Zellen, fördert. Regulatorische Immunzellen dienen dazu, überschießende Entzündungsreaktionen und autoreaktive Zellen zu unterdrücken.

Man geht heute davon aus, dass bei der MS ein Ungleichgewicht zwischen regulatorischen und autoimmun-entzündlichen Immunmechanismen besteht. Eine Unterstützung der regulatorischen Mechanismen zum Beispiel durch Propionsäure könnte daher ein neuer Behandlungsansatz sein.

Forscher gehen derzeit der Frage nach, ob die Gabe von Propionsäure als Therapieergänzung den Verlauf der Multiplen Sklerose positiv beeinflussen kann. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass Propionsäure einen positiven Effekt auf die Schubaktivität und möglicherweise auch auf das Fortschreiten der Behinderung haben könnte. MRT-Daten unterstützen diese Annahme.

Letzte Änderung: 17.01.2020