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Multiple Sklerose: Mit Cannabinoiden Auto fahren ?

In einer kleinen Studie mit 31 Teilnehmern zeigte sich deren Fahrtüchtigkeit nicht beeinträchtigt. Ob jemand unter Sativex fahren kann und was bei einem Unfall gilt, ist individuell verschieden.

Das Cannabinoid Sativex ist seit 2011 als symptomatische Therapie gegen Spastik bei Multipler Sklerose zugelassen (sofern andere zugelassene Antispastika nicht oder nicht ausreichend wirken). Es wirkt nicht bei jedem, nur bei rund der Hälfte der Patienten, doch für diejenigen, bei denen es die Spastik reduzieren hilft, ist es eine Option (s. "Wie Cannabis Schmerzen lindert"). Seitdem das Mundspray in Deutschland zugelassen ist, bewegen sich Patienten, die zuvor "illegal" Cannabis zu sich genommen haben, wieder auf rechtlichem Boden; auch das ist für einige ein großer Vorteil.

Studienpatienten fahrtüchtig

Nichtsdestotrotz fällt das Cannabisderivat unter das Betäubungsmittelgesetz und damit stellt sich für die Patienten die Frage nach ihrer Fahrtüchtigkeit. Eine aktuelle Studie an deutschen MS-Zentren, an der sich auch die Herstellerfirma Almirall beteiligt hat, prüfte nun die Auswirkung des Sprays an 31 Patienten. Die Patienten, die vor Beginn der Behandlung sowie 8 Wochen danach getestet wurden, zeigten bei beiden Tests vergleichbare Ergebnisse unter anderem auf ihre Reaktionsfähigkeit. Die durchschnittliche Tagesdosis betrug 5,15 Sprühstöße (erlaubte Maximaldosis sind 12 Sprühstöße je Tag).

Sowohl die Fachinformation zu Sativex wie die Gebrauchsinformation für Patienten warnt jedoch vor einem möglichen negativen Einfluss auf das Bedienen von Maschinen und andere verantwortungsvolle Tätigkeiten. Das Straßenverkehrsrecht klammert zwar für einen konkreten Krankheitsfall verschriebene Mittel aus. Aber:

Im Falle eines Unfalls und bei Kontrollen

Werden jedoch Fahrfehler begangen oder stellen Polizeibeamte eine unsichere Fahrweise fest, dann gelten selbst bei verordnungskonformer Einnahme die Regeln des Strafgesetzbuches. Wie im Falle einer Unfallbeteiligung letztendlich die Fahrtüchtigkeit eines Sativex-Patienten beurteilt wird, hängt von den Umständen des Einzelfalls ab und lässt sich nicht mit Allgemeingültigkeit voraussagen.

Bei Blutkontrollen wird auch Sativex nachweisbar sein. Jeder, der Cannabinoide einnimmt, sollte sich daher eine Bestätigung seines Arztes geben lassen, dass er Cannabinoide aus medizinischen Gründen einnimmt. Zu beachten ist außerdem: Sativex hat eine hohe Halbwertszeit im Körper, denn es lagert sich bis zu 4 Wochen lang ins Fettgewebe ein, um so nach und nach vom Körper verstoffwechselt zu werden und den therapeutischen Zweck zu erfüllen. Bereits 15 Minuten nach der Einnahme ist es im Blut nachweisbar.

Fahrtüchtig: ja oder nein ?

Prinzipiell sollten immer bei Verordnung eines neuen Arzneimittels die Beeinträchtigungen des Patienten während der Therapie überprüft werden. Gerade zu Beginn der Einnahme von Cannabinoidderivaten kann es zu Benommenheit fühlen. Diese Nebenwirkung kann aber mit der Zeit nachlassen.

Ein generelles Fahrverbot unter Sativex liegt nicht vor. Allerdings ist der Patient selbst verpflichtet, seine Fahrtüchtigkeit vor Antritt einer jeden Fahrt zu prüfen und sicherzustellen. Besonders wer müde oder benommen ist oder Schwindel spürt, sollte das Auto stehen lassen.

Ebenfalls berücksichtigen sollten Fahrwillige natürlich die Beeinträchtigungen durch die Symptome der Multiplen Sklerose selbst, etwa Fatigue. Um dem Arzt und dem Patienten die Entscheidung zu erleichtern, kann ein Fragebogen zur Beurteilung der Fahreignung mehr Sicherheit geben. Ist die Erhaltungsdosis erreicht, empfiehlt es sich, die Fahreignung erneut zu überprüfen. Alkohol oder medizinische Beruhigungsmittel sind weitere absolute Argumente gegen das Fahren, denn sie verstärken die möglicherweise müde machende Wirkung von Cannabinoiden noch.

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Quelle: Acta Neurologica Scandinavia, Juli 2014; Foto: Nutzhanf, Deutscher Hanfverband

Redaktion: AMSEL e.V., 25.08.2015