Verlaufsformen, ade?

Sind die Verlaufsformen der Multiplen Sklerose überholt? Was bedeutet das für die Behandlung von Menschen mit MS? – Professor Mathias Mäurer gibt Antworten im AMSEL-Video.

Inklusive RIS und CIS ging man bisher von fünf Verlaufsformen der Multiplen Sklerose aus. Diese Ansicht hat sich überlebt. Nach den aktuellen McDonald-Kriterien zählen viele Patienten, die bis vor kurzem noch die Diagnose radiologisch isoliertes Syndrom (RIS) bekommen hatten, bereits zu den Patienten mit Multipler Sklerose. Das Gleiche gilt für das klinisch isolierte Syndrom (CIS). Blieben also für die meisten nur noch drei Verlaufsformen oder auch „Subtypen“.

Hier die bisherige Einteilung in 5 MS-Verlaufsformen:

  • CIS (Clinically Isolated Syndrom), das klinisch isolierte Syndrom: Wenn ein Patient ein einzelnes MS-typisches Symptom aufweist, aber beispielsweise im MRT keine Läsionen sichtbar sind.
  • RIS (Radiologically Isolated Syndrom), als Pendant dazu das radiologisch isolierte Syndrom: Wenn zwar MS-typische Läsionen im MRT sichtbar sind, der Patient aber keine Symptome hat (wird oft als Zufallsfund im Rahmen einer MRT-Untersuchung aus anderem Anlass bemerkt),
  • RRMS (Relapsing-Remitting Multiple Sclerosis), die schubförmig-remittierende MS. Hier zeigt sich die MS (hauptsächlich) schubförmig. Oft bilden sich die Symptome nach einem Schub (fast) vollständig zurück, rund 80 % der MS-Patienten erleben zu Beginn diesen Verlauf,
  • SPMS (Secondary Progressive Multiple Sclerosis), die sekundär progrediente MS; sie kann sowohl nur schleichend voranschreiten als auch mit zusätzlich aufgesetzten Schüben verlaufen,
  • PPMS (Primary-Progressive Multiple Sclerosis), die (deutlich seltenere) primär progrediente MS, bei der Patienten von Anfang an eine schleichende Zunahme an Symptomen erleben. Auch hier kann es gelegentlich aufgesetzte Schübe geben.

Auch wenn man CIS und RIS weglässt, kann man die verbliebenen drei Subtypen weiter zusammenfassen: schubförmige Multiple Sklerose und progrediente Multiple Sklerose (primär und sekundär progrediente MS). Eine immer sensitivere Diagnosestellung ermöglicht es, individuell nur noch zwischen 

  • akut schubförmiger und
  • progressiver/ progredienter/ schwelender Situation 

zu unterscheiden. Wobei in jeder MS von Anfang an gewissermaßen die Pathologie für beides steckt: schubförmig und progredient. Man spricht für den progredienten Anteil auch von “schwelender” MS, da sich diese Veränderungen oft unbemerkt, überdeckt von den deutlich spürbaren Schüben, entwickelt.

Video: Verlaufsformen, ade?

Prof. Mathias Mäurer über Multiple Sklerose als dynamischer Prozess anstatt einer Abfolge von Verlaufsformen − und was das für Patienten bedeutet.

In den Vordergrund rücken somit unterschiedliche Prägnanztypen der MS, also, die Anteile an Progredienz (Stichwort "schwelende MS") und an Schubaktivität. MS als dynamischer Prozess. Kürzlich konnte ein internationales Team unter Zuhilfenahme der Künstlichen Intelligenz (KI) dies belegen (amsel.de hatte berichtet). Auch im Webseminar "MS als Kontinuum" geht es um den Wandel, weg von mehr oder minder starren Verlaufsformen, hin zu einem dynamischen Modell.

Inzwischen, so betont auch Professor Mathias Mäurer im Videointerview, gibt es hochpotente Wirkstoffe, um die Schubaktivität einer MS einzugrenzen. Gerade die Patienten, bei denen unter Immunmodulation gar keine Schübe mehr auftreten, bemerken nun jedoch deutlicher, dass parallel zur (unterdrückten) Schubaktivität auch eine schleichende Verschlechterung stattfindet. Sie tritt so, ohne Schübe, deutlicher ans Tageslicht. Man geht davon aus, dass die schleichenden Anteile einer MS von Anfang an bei jedem Patienten vorhanden sind.

MS als dynamischer Prozess

„So what!? Das ändert für mich doch nichts", könnten Patienten dies kommentieren. Das Modell der MS, auch wenn es “nur” eine Theorie ist, spielt aber sehr wohl für Patientinnen und Patienten mit MS eine große Rolle. Denn es geht ja darum, die eigene MS möglichst passend zu behandeln. Und wenn neue Erkenntnisse über MS zu neuen MS-Modellen führen, dann wirkt sich das auch auf die Therapie der MS aus.

Hierbei gibt es mindestens zwei Herausforderungen: Zum einen gehen die Zulassungsbehörden für Wirkstoffe noch von einer starren Subtypen-Unterteilung aus. Und zum anderen sind die zugelassenen Wirkstoffe gegen progrediente MS bislang nicht sehr potent. Aktuell braucht also niemand seinen Neurologen aufzusuchen, aufgrund der neuen Erkenntnisse. Es bleibt dabei: Je früher man Immunmodulatoren einsetzt, desto mehr Funktionen können erhalten bleiben, desto weniger schnell überwiegen die progredienten Anteile.

Doch wie überhaupt die progredienten Anteile einer MS behandeln? – Um dieses Thema und um künftige potentere Mittel gegen progrediente MS geht es in einem weiteren Video mit Professor Mathias Mäurer “Entwicklung der MS-Therapie”, demnächst online auf MS-Docblog.de und auf amsel.de.

Quelle: MS-Docblog.de, 15.09.2025.

Redaktion: AMSEL e.V., 15.09.2025