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„Die Arme brauchst du für alles“

Noch sind CAR-T-Zellen bei Multipler Sklerose experimentell. Die Universitätsklinik Tübingen plant eine Phase-1-Studie zu dem aus der Krebstherapie bekannten Konzept.

Eine CAR-T-Zell-Therapie ist teuer, birgt Risiken und bringt verloren gegangene Fähigkeiten auch nicht zurück. Wenn sie „anschlägt“, kann die anvisierte Erkrankung jedoch – im besten Fall – gestoppt werden. Dass man sie bei Blutkrebs einsetzt, trotz aller Risiken, liegt auf der Hand, denn ohne Therapie führt Krebs zum Tod.

Inzwischen werden CAR-T-Zellen zunehmend auch bei (sehr einschränkenden) Autoimmunerkrankungen eingesetzt. Können Patienten mitunter ein beschwerdefreies Leben schenken. Ganz so wirkt eine CAR-T-Zell-Therapie bei MS leider nicht. Der Einsatz von CAR-T-Zellen bei Multipler Sklerose befindet sich noch im experimentellen Stadium. 

„Die Arme brauchst du für alles“

Hier ist ein Stopp des Krankheitsfortschrittes das hohe Ziel. Bereits zerstörte Nervenzellen können nicht repariert werden. Das bedeutet: Ein MS-Betroffener, der nicht mehr gehen kann, wird dies auch nach einer CAR-T-Zell-Therapie nicht können. Eine Fatigue wird nicht verschwinden. Sehstörungen werden bleiben, Blasenstörungen und andere Symptome bedauerlicherweise auch.

Warum dann überhaupt der Einsatz? Warum sich einer anstrengenden und gefährlichen Prozedur unterziehen, wenn alles gleich bleibt? Warum vieles riskieren, wenn die Symptome doch nicht weggehen? Ganz einfach: Damit alles gleich bleibt. Damit keine weiteren Symptome und Ausfälle hinzukommen. Um die Fähigkeiten zu erhalten, die noch da sind. Etwa die Armfunktion. Gerade, wenn die Beine einen nicht mehr tragen können, wird klar, wie ungemein wichtig unsere Arme und Hände sind. 

  • Mit ihnen essen wir,
  • kleiden uns an,
  • telefonieren,
  • putzen die Zähne,
  • schreiben,
  • nehmen Gegenstände vom Tisch oder aus einem Schrank,
  • schütteln andere Hände.
  • Und bedienen unseren Rollstuhl, um trotz fehlender Beinfunktion weiterhin mobil zu bleiben.

Genau in dieser Situation war Stefan Tenoth: Der Mittfünfziger bekam mit Ende 20 die Diagnose MS, braucht bereits seit 2010 einen Rollstuhl, kann seine Beine nicht mehr bewegen. Schlimm genug. Aber dann begann auch noch seine Handfunktion zu schwächeln. „Die Arme brauchst du für alles“, gibt Tenoth in einem SWR-Beitrag zu bedenken.

Etliche zugelassene MS-Therapien hatte der Rolli-Fahrer bereits „durch“, ohne Erfolg. Als er einen SWR-Beitrag zu CAR-T-Zell-Therapie bei MS sah, schrieb er die Uniklinik Tübingen direkt an. Im Januar 2025 war es dann so weit. Nach vielen Voruntersuchungen bekam er „seine“ CAR-T-Zellen. Die können nämlich direkt in einem Labor der Uniklinik hergestellt werden, sind somit schnell und ohne Einfrieren verfügbar und so etwas günstiger. Dennoch: Eine CAR-T-Zell-Therapie kostet auch in Tübingen circa 150.000 Euro.

Das Ziel: Entzündungen bei MS zu stoppen

Tatsächlich können auch neuere Wirkstoffe mit dem Wirksamkeitsgrad 3, etwa die B-Zell-Depletierer, ähnliche Wirkungen (bei einigen Patienten) erreichen, mit weniger Aufwand und in der Regel auch mit weniger Risiko. Eine wichtige Voraussetzung für MS-Patienten, eine CAR-T-Zell-Therapie zu erhalten, ist daher, dass zugelassene MS-Medikamente nicht wirken. So war es bei Stefan Tenoth. Eine CAR-T-Zell-Therapie eignet sich also nicht für jeden, auch nicht für etwa besonders risikofreudige Menschen mit MS. Gewissermaßen sind MS-Patienten unter CAR-T-Zell-Therapie bis heute “handverlesen”. Und das hat seine Gründe.

Bei einer CAR-T-Zell-Therapie werden Zellen aus dem Patientenblut genetisch so verändert, dass sie B-Zellen im Blut zerstören können. Jene Zellen also, welche die fehlgeleiteten Antigene produzieren, welche sich bei MS gegen die eigenen Nervenzellen richten, Teile von Gehirn und Rückenmark zerstören und damit zu den 1.000 möglichen Symptomen einer MS führen können. Im besten Fall stoppt eine CAR-T-Zell-Therapie die Erkrankung. Im schlimmsten Fall kommt es zu Komplikationen oder Nebenwirkungen, darunter auch Tumore.

Stefan Tenoth ging es nach seiner Therapie jedenfalls gut. Der Beweis, dass die CAR-T-Zell-Therapie bei ihm geholfen hat: Fünf Monate nach der Behandlung waren alle Entzündungen im Gehirn und Rückenmark verschwunden. Wie lange dieser Zustand anhalten wird, kann niemand sagen. Wohl aber, dass Studien wie die geplante Phase-1-Studie zur CAR-T-Zell-Therapie in Tübingen notwendig sind, damit mehr Menschen mit MS (und anderen Autoimmunerkrankungen) von diesem Ansatz profitieren können.

Quelle: Universitätsklinikum Tübingen, aufgerufen am 05.02.2026; SWR Wissen aktuell, 02.10.2025, aufgerufen am 05.02.2026; AMSEL-Video mit Prof. Mathias Mäurer, 12.09.2024.

Redaktion: AMSEL e.V., 04.02.2026