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Tolebrutinib - wer könnte profitieren?

Der Bruton-Tyrosin-Kinase-Hemmer geriet zuletzt vermehrt in die Schlagzeilen. Prof. Mathias Mäurer über den "Brutinib", seine Wirkung und Nebenwirkungen.

Tolebrutinib ist ein Bruton-Tyrosin-Kinase-Hemmer, kurz: BTKi. Diese Wirkstoffklasse gilt als Hoffnungsträger, insbesondere für Menschen mit progredienter Multipler Sklerose (MS). Das kleine Molekül kommt direkt ins Gehirn und kann vor Ort wirken. Kann im ZNS sowohl auf B-Zellen als auch auf Mikroglia einwirken. Im Unterschied zu den B-Zell-depletierenden Wirkstoffen (die bereits zugelassen sind), zerstören BTKi die B-Zellen nicht, sondern ändern zum Beispiel nur ihre Aktivität. – Kommt Tolebrutinib oder kommt es nicht? Prof. Mathias Mäurer, Chefarzt der Neurologie am Klinkum Würzburg-Mitte und Autor auf MS-Docblog, schätzt die Lage ein, im Video “Tolebrutinib bei progredienter MS?"

MS-Docblog-Video: Tolebrutinib bei progredienter MS?

Trotz negativer Schlagzeilen: Noch ist alles offen und eine Zulassung von Tolebrutinib in Europa möglich. - Prof. Mathias Mäurer über Tolebrutinib und andere BTKi, im Video.

Demnächst auf amsel.de: Ein Interview mit Prof. Mathias Mäurer zu Fenebrutinib, zu dem eben jüngste Phase-3-Daten bekannt wurden.

In ersten Studien verschiedener Substanzen zeigten sich die BTKi wirksam, um ein bisher nicht oder nicht zureichend abgedecktes Behandlungsziel zu erreichen, nämlich die Therapie (auch fortgeschrittener) Progredienz bei MS. Das gelang auch Tolebrutinib. Dann kam der erste Rückschlag: ein Todesfall nach schweren Leberschäden. Die Überwachung der Leberwerte der Probanden wurde nun wöchentlich durchgeführt.

Der nächste herbe Rückschlag: Am 15.12. 2025 gab der Hersteller Sanofi bekannt, dass Tolebrutinib in der Perseus-Studie mit primär progredienten MS-Patienten (PPMS) sein oberstes Studienziel verfehlt hatte. Der Hersteller zog daraufhin den Antrag auf Zulassung von Tolebrutinib für diese Indikation zurück.

Zulassung trotz Nebenwirkung?

Alle Hoffnung konzentrierte sich in der Folge auf die Zulassung bei schubfreier sekundär-progredienter MS (SPMS). Doch keine 10 Tage, nachdem der Hersteller die Zulassung für PPMS zurückgenommen hatte, wies die amerikanische Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) ihrerseits die Zulassung von Tolebrutinib auch bei SPMS zurück. Sie begründet das mit dem ungünstigen Nutzen-Risiko-Profil des Wirkstoffes. Zum einen drohten mitunter tödliche Leberschäden, die auch durch die ergriffenen engmaschigen Monitoringmaßnahmen nicht ausgeschlossen werden könnten. Zum anderen sei die Subpopulation, die hauptsächlich für die positive Wirkung, auch in Phase 3, verantwortlich sei, schlicht zu klein, gemessen an der Gesamtgruppe.

Leberschäden sind oft unspezifisch und verlaufen mitunter längere Zeit symptomlos. Die Schädigung dieses lebensnotwendigen Organs kann unbemerkt so weit voranschreiten, dass es zu spät ist, um es zu retten. Daher reagieren Arzneimittelbehörden auf Fälle von Hy's Law, also dem Erreichen von bestimmten Grenzwerten nach einer Faustregel, sehr streng. Das ist ihre Aufgabe. Prof. Mathias Mäurer hat dafür Verständnis.

Andererseits gibt es einige Medikamente, darunter auch andere bereits zugelassene MS-Immunmodulatoren, bei denen eine Leberschädigung als Nebenwirkung bekannt ist. Allerdings ist dabei unter anderem die Häufigkeit der Fälle ausschlaggebend und hier führt Tolebrutinib die Liste derzeit an.

BTKi: Konzept nach wie vor „heiß“

Auch überraschend für Prof. Mathias Mäurer: Dass ein Brutinib bei PPMS nicht signifikant wirkt, wohl jedoch bei SPMS wirksam ist. Nachdem hinter beiden MS-Verläufen der gleiche Mechanismus, die Progredienz, also der schubfreie Untergang von Nervengewebe vermutet wird, hätte man auch bei beiden Verlaufsformen eine ähnliche Wirkung erwartet. Wobei selbstredend Studienpopulationen und Studiendesigns bereits für Unterschiede sorgen können, wie Prof. Mathias Mäurer einräumt.

Wann nun Tolebrutinib möglicherweise von der EMA (European Medicines Agency, also der europäischen Arzneimittelbehörde) zugelassen werden könnte, lässt sich Mäurer zufolge im Moment schwer sagen. Das Konzept der BTKi sei „nach wie vor heiß“, so der Chefarzt der Neurologie am Klinikum Würzburg-Mitte im Video-Interview. Recht gute Nachrichten gebe es aktuell zu Fenebrutinib bei progredienter MS. Das nächste Video mit Prof. Mäurer handelt davon, demnächst zu sehen auf MS-Docblog und amsel.de. Außerdem hat amsel.de erst kürzlich über neue Studiendaten zu Fenebrutinib bei schubförmiger Multipler Sklerose berichtet.

Quellen: MS-Docblog, 06.03.2026; FDA, 23.12.2026 (Pdf); Leberhilfe, abgerufen am 04.04.2026.

Redaktion: AMSEL e.V., 06.03.2026