Prof. Manuel Friese erforscht mit seinem Team, warum Entzündungen im Nervensystem entstehen und wie die Nervenzellen dann bei der MS untergehen. Dabei sind sie auf den Einfluss des Botenstoffes GDF-15 auf MS während der Schwangerschaft gestoßen.
GDF-15 – ein immunsuppressiver Botenstoff
Dieser Botenstoff, das Hormon oder besser: der Wachstumsfaktor „Growth Differentiation Factor 15“, kurz: GDF-15, genannt, steigt während einer Schwangerschaft deutlich an (und bewirkt unter anderem die Schwangerschaftsübelkeit). Dabei wirkt er immunsuppressiv, vor allem in Immunorganen wie Milz oder Lymphknoten. Bereits bekannt ist, dass sich die Entzündungsaktivität während der Schwangerschaft von MS-Patientinnen um rund 80 % reduziert.
Der Zusammenhang zwischen Schwangerschaft und einer geringeren Schubrate bei MS ist, und das ist neu, vor allem daran erkennbar, dass Schwangere mit niedrigem GDF-15-Spiegel eine höhere Schubrate aufweisen als Schwangere mit hohem Botenstoff-Aufkommen. Besonders stark steigt der Spiegel im dritten Trimester – das bedeutet, je größer der Fötus, desto höher ist auch der Schutz vor Schüben.
Die besondere Wirkung von GDF-15
In der Plazenta gebildet, wirkt GDF-15, im Gegensatz zu anderen Botenstoffen nicht direkt auf Immunzellen, sondern wird im Blut freigesetzt. Von dort fließt er in den Hirnstamm, wo er an dessen Nervenzellen andockt und diese anregt.
Das Forschungsteam (bestehend aus dem Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, dem Uniklinikum Würzburg, der Charité Universitätsmedizin Berlin, der Universität Michigan und NovoNordisk) fand heraus, dass diese Zellen das sympathische Nervensystem aktivieren, welches auch bei Stress, Gefahr oder Sport angeregt wird. Somit kann das Nervensystem das Immunsystem aktiv kontrollieren – ein einzigartiges Phänomen, das neu entdeckt wurde.
Was bedeutet der Botenstoff für zukünftige MS-Therapien?
GDF-15 konnte bereits als Medikament angewendet und durch Gentherapie auf das Mausmodell übertragen werden. Auch am Menschen wurde es bereits eingesetzt, wenngleich bei Adipositas. Bei dieser Erkrankung ließ sich jedoch nur eine unzureichende Wirkung belegen.
Im Maus-Modell für MS gab es jedoch gute Nachrichten: Entzündungsaktivitäten konnten vollständig zum Erliegen gebracht werden. Da noch viel geforscht und getestet werden muss, dauert es, im Fall, dass GDF-15 auch beim Menschen Entzündungen und Schübe reduzieren kann, noch ca. 5-10 Jahre, bis eine MS-Therapie auf Basis des Botenstoffes zugelassen werden könnte.
Dank der Arbeit von Prof. Manuel Friese, dem Leiter des Zentrums für Neuroimmunologie und Multiple Sklerose am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, und seinem Team, konnte mit diesen Erkenntnissen eine wichtige Grundlage für die Forschung an MS und möglichen Therapien gelegt werden.
Quellen: Nature, 15.01.2026; Pressemitteilung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, 15.01.2026; Nature, 13.12.2023.
Redaktion: AMSEL e.V., 19.02.2026


