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Schmerzen und Multiple Sklerose (1)

Unsichtbar aber behandelbar – fast 80% der Multiple-Sklerose-Betroffenen leidet darunter. Daher ist es wichtig, so Professor Dr. med. Horst Wiethölter, die Schmerzursachen zu erkennen und gezielt zu therapieren.

Schmerzen gehören zu den unsichtbaren Symptomen der Multiplen Sklerose und werden infolgedessen hinsichtlich Ausprägung und Häufigkeit in der Regel weit unterschätzt. Die Vielfalt der Schmerzformen ist, wie auch die Vielfalt der anderen Symptome der MS, sehr groß. Zudem ist die Schmerzwahrnehmung individuell höchst verschieden, sodass statistische Angaben über die Häufigkeit äußerst variieren.

Untersuchungen sprechen von bis zu 75 oder gar 80% der MS-Patienten, die im Zusammenhang mit ihrer Erkrankung Schmerzen entwickeln. Etwa 1/4 von ihnen sogar als frühes Symptom und ca. 1/3 als das eigentlich störende Symptom ihrer Erkrankung. Es tritt bei ihnen zumeist nicht nur eine einzelne Schmerzform auf, sondern neben den MS-assoziierten Schmerzen leiden MS-Patienten in der Regel noch an zwei bis drei anderen Schmerzformen (z.B. Arthrose, Rückenschmerzen, Migräne, Blasenschmerzen).

Schmerzen sind behandlungsbedürftig

Obwohl Schmerzen zunehmend als behandlungsbedürftige Symptome erkannt werden, ist ihre Wahrnehmung noch sehr verbesserungsbedürftig. 1999 litten rund 20% der MS-Patienten einer Studie zufolge unter Schmerzen, davon wurden nur 36% entsprechend behandelt. Selbst 2007 wurden nur 2/3 der MS-Patienten mit Schmerzen ärztlich beraten. Inzwischen hilft eine bessere Diagnostik, die verschiedenen Schmerzzustände eindeutiger zuzuordnen, wodurch eine zielgerichtete Behandlung möglich wird.

Schmerzformen und -ursachen

Grundsätzlich lassen sich entsprechend ihrer Ursache zwei Gruppen von Schmerzformen unterscheiden:

  • MS-bedingter Schmerz: Der typische MS-Schmerz ist ein sog. neuropathischer Schmerz. Es handelt sich dabei um einen Schmerz, der durch die Schädigung schmerzleitender Nervenfasern oder –schmerzverarbeitender Nervenzellen (bei der MS im Rückenmark oder Gehirn) entsteht. Durch die Schädigung können die Fasern gereizt werden und einen Schmerz verursachen, ohne dass ein üblicher schmerzauslösender äußerlicher Reiz vorhanden ist.
  • Nicht MS-bedingter Schmerz: In die andere Gruppe gehört der nozizeptive Schmerz (durch Schmerzrezeptoren = Nozizeptoren), der in Muskeln, Knochen, Bindegewebe, Sehnen und inneren Organen durch entsprechende Gewebeschäden und -entzündungen ausgelöst wird – Reize also, die im Prinzip als natürliche Reaktion dem Körper als Alarmsymptom dienen. Dieser Schmerz entsteht nicht unmittelbar durch die MS, sondern durch deren Begleitsymptome und Komplikationen.

Neuropathische Schmerzen haben einen besonderen Charakter. Sie äußern sich impulsartig als einschießende, stechende, elektrisierende Schmerzen, die spontan, manchmal aber auch durch leichte Berührung ausgelöst werden können. Typische impulsartige (paroxysmale) Schmerzen treten z.B. als Trigeminusneuralgie bei 2-3% der MS-Patienten auf. Paroxysmale Extremitätenschmerzen bei etwa 10% und das Lhermitte-Zeichen bei bis zu 40% der MS-Patienten, letztere vor allem bei solchen mit Entzündungsherden im Rückenmark.

Am quälendsten können die Schmerzen im Bereich des sensiblen Gesichtsnerven, dem Trigeminusnerven als Trigeminusneuralgie, sein, die durch leichte Berührung (z.B. einen Windhauch im Gesicht, Waschen oder Rasieren) oder durch Bewegung (Sprechen, Kauen) ausgelöst werden und, heftigst ins Gesicht einschießend, nach Sekunden abflauen, manchmal aber auch in leichterer Form länger anhalten.

Paroxysmale Extremitätenschmerzen schießen attackenförmig in Arm oder Bein ein. Sie sind meistens nicht so heftig und quälend wie die Trigeminusneuralgie. Startet der einschießende Schmerz im Nacken beim Vornüberbeugen des Kopfes (manchmal wie ein leichter Stromstoß, manchmal wie ein "Rieseln") und breitet sich über den Rumpf in die Beine oder Arme aus, nennt man dies ein Lhermitte-Zeichen. Es entsteht durch die Dehnung eines Rückenmarkherdes.

Neuropathische Schmerzen können auch chronisch als brennende kribbelnde Missempfindungen (Dysästhesien) auftreten oder ein Einschnürgefühl verursachen. Die chronischen Schmerzen neigen zu nächtlichen Verschlimmerungen oder verstärken sich bei Temperaturwechsel und nach körperlicher Belastung. Sie können in allen Körperregionen auftreten und sind von den Schmerzen z.B. nach einer Gürtelrose unter Umständen nicht zu unterscheiden.

Autor: Prof. Dr. med. Wiethölter

Ehem. Ärztlicher Direktor der Neurologischen Klinik des Bürgerhospitals im Klinikum Stuttgart

  • Studium der Humanmedizin
  • Klinische Ausbildung an der Universität Tübingen in den Gebieten Neuropathologie, Neurologie und Psychiatrie
  • 1984 bis 1992 Oberarzt an der Neurologischen Universitätsklinik Tübingen.
  • 1985 Habilitation für das Fach Neurologie
  • 1989 bis 1992 Stellvertreter des Direktors der Neurologischen
    Universitätsklinik Tübingen
  • 1992 bis 2009 Ärztlicher Direktor der Neurologischen Klinik des
    Bürgerhospitals im Klinikum Stuttgart
  • Seit 1985 besonderes Interesse an der Ursachenforschung und
    Behandlung neuroimmunologischer Erkrankungen insbesondere der MS
  • Mitglied im Ärztlichen Beirat von AMSEL und DMSG
  • Stellvertretender Vorsitzender der AMSEL

Mit zunehmender Krankheitsdauer und Symptomatik treten nozizeptive Schmerzen in den Vordergrund. Eine ausgeprägte Spastik (Steifigkeit durch erhöhte Muskelanspannung) oder einschießende Spastik (= Spasmen) schmerzt in der angespannten Muskulatur. Auch bewegungseinge schränkte und fehlbelastete Gelenke (z.B. bei einseitiger Lähmung oder Spastik) können Schmerzen bereiten. Druckgeschwüre an entsprechenden Stellen, die dauerndem Auflagedruck ausgesetzt sind (z.B. Gesäß bei Rollstuhlfahrern) und häufig auftretende Blasenentzündungen sind Ursachen für Schmerzen.

Ein Teil der Schmerzen entsteht beim Einsatz von Hilfsmitteln (z.B. einem schlecht angepassten Rollstuhl), Rücken- und Nackenschmerzen durch langes Sitzen im Rollstuhl. Schmerzen werden durch Druck von Orthesen, Gehstöcken und anderen Hilfsmitteln verursacht.

Letztendlich können auch die zur Therapie eingesetzten Medikamente zu Schmerzen führen. Kortison kann für Magenschmerzen verantwortlich gemacht werden. Für Interferone sind grippeähnliche Symptome vor allem in der Anfangsphase der Behandlung typisch, die Spritzen der immunmodulierenden Substanzen unter die Haut können schmerzhaft sein und sogar zu kleinen Hautgeschwüren führen.

Welche Therapien von Schmerzen es bei der MS gibt, erfahren Sie in Teil 2 von "Schmerzen und Multiple Sklerose".

Quelle: Magazin Together 01/12; Prof. Dr. med. Horst Wiethölter

Redaktion: AMSEL e.V., 12.04.2012