Mitglied werden

Positive Ergebnisse für potenziellen Neuroprotektor

Temelimab scheint ersten Studienergebnissen zufolge neuroprotektiv und sicher bei Multipler Sklerose, besonders in einer Untergruppe der MS-Patienten.

Wie der Hersteller von Temelimab (Studienname GNbAC1) bereits auf der ECTRIMS-Tagung 2018 bekannt gab, reduzierte der Wirkstoff in einer Phase2-Studie (CHANGE-MS) die Gehirnatrophie sowie die Läsionen bei schubförmig-remittierender Multipler Sklerose. Was neu sein könnte an der Wirkung dieses Antikörpers, ist ein möglicher neuroprotektiver Effekt, gerade auch auf die Untergruppe der nicht-aktiven MS-Patienten, wie der Hersteller postuliert.

Aktuell hat der Hersteller GeNeuro nun die Daten zu einer Sicherheits-Phase1-Studie mit dem hochdosiertem Wirkstoff bekannt gegeben. Demnach sind keine Nebenwirkungen aufgetreten. Allerdings dauerte die Einnahme auch nur 57 Tage, was keine Aussage zur Langzeitnebenwirkung zulässt. 21 männliche Probanten ohne MS wurden getestet laut ClinicalTrials.gov [Stand: 28.02.2019].

Wirkstoff neutralisiert Proteine eines HERV-Retroviruses

Im Unterschied zu anderen, bereits zugelassenen monoklonalen Antikörpern gegen MS richtet sich Temelimab gegen sogenannte HERV-Viren, genauer HERV-W, pHEV-W Env. HERV sind aus Urzeiten im menschlichen Genom eingebaute Virenhüllen, die in unserer DNA durchaus auch wichtige Aufgaben übernehmen. Einer bisher nicht bestätigten Theorie nach – die HERV-Hypothese, siehe dazu auch das Interview der amsel.de-Redaktion mit Prof. Sven Meuth von 2017 – stehen (reaktivierte) HERV-Viren im Zusammenhang mit der Entstehung und dem Fortschreiten der Multiplen Sklerose. Temelimab ist ein monoklonaler Antikörper, der ein pathogenes Protein neutralisiert, das von einem Mitglied der Retrovirus-Familie kodiert wird. Ob etwas dran ist an der HERV-Hypothese oder nicht – Temelimab wäre nicht das erste Mittel, das wirkt, ohne dass man seine Wirkweise genau entschlüsselt hätte. Doch so weit ist es noch nicht.

Der Hersteller, und mit ihm Prof. Hans-Peter Hartung, Universitätsklinik Düsseldorf, unterstreicht in seiner Pressemitteilung, dass speziell die Untergruppe von "nicht-aktiven" Patienten von Temelimab profitiere. Und schließt daraus, dass der Wirkstoff sich für progrediente Verläufe eigne. Eingeschlossen waren allerdings nur Patienten (insgesamt 270), die einen schubförmigen Verlauf der MS hatten mit mindestens einem Schub in den 12 Monaten vor Studienteilnahme, weswegen dieser Rückschluss noch in Patientengruppen mit schleichenden Verläufen zu überprüfen wäre.

Neuroprotektive Wirkung?

Die 270 Patienten an 50 klinischen Zentren in zwölf europäischen Staaten waren eingeteilt in vier Gruppen: einmal Placebo, dann 3 Gruppen mit steigender Dosierung. Die Einnahme dauerte mindestens 6 Monate mit der Möglichkeit, auf insgesamt 12 Monate zu erweitern. Die Gruppe mit der höchsten Dosierung erreichte die größte Wirkung. Primärer Endpunkt (nach 6 Monaten) war  die Wirkung gemessen an MRT-kontrollierten T1-Läsionen und sogenannte "Black Holes". Sekundäre Endpunkte waren die Neurodegeneration und klinische Parameter nach 6 und 12 Monaten.

Neben dem – noch zu prüfenden – Einsatz bei schleichender MS kann sich der Hersteller einen additiven Einsatz von Temelimab, also zusätzlich zu anderen immunmodulatorischen Therapien, vorstellen. Bis zu einer eventuellen Zulassung vergehen gewiss noch Jahre. Hervorhebenswert an den Ergebnissen ist der neue Ansatz und die mögliche neuroprotektive Wirkung.

Quellen: ClinicalTrials.gov, Stand: 28.02.2019;  Pressemitteilung von GeNeuro zu Phase1 (Pdf), 21.01.2019; Multiple Sclerosis News Today, 25.01.2019; Pressemitteilung von GeNeuro zu Phase2 (Pdf), 15.10.201; amsel.de-Interview mit Prof. Dr. Dr. med. Sven Meuth 2017 allgemein zur HERV-Hypothese, 09.05.2017.

Redaktion: AMSEL e.V., 27.02.2019