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Neues aus dem medizinischen MS-Kosmos

Die MS-Experten des AMSEL-Ärztesymposiums 2025 v.l.: Dr. Alexander Tallner, Prof. Dr. med. Peter Flachenecker, Prof. Dr. med. Mathias Mäurer, Prof. Dr. med. Mathias Buttmann, Prof. Dr. med. Uwe Klaus Zettl, Prof. Dr. med. Oliver Neuhaus und Prof. Dr. med. Thomas Korn

Fachliche Expertise, lebendiger Austausch: Am 20. September lud AMSEL zum 11. Symposium für Ärzte in Stuttgart ein. Rund 70 Fachärzte – davon die Hälfte per Videokonferenz – nahmen teil.

Durch das Programm des Symposiums Multiple Sklerose 2025 mit sechs Vorträgen und anschließenden Fragerunden im Hotel Holiday Inn in Stuttgart-Weilimdorf führte Prof. Dr. med. Peter Flachenecker, Vorsitzender des Ärztlichen Beirats der AMSEL und Chefarzt im Neurologischen Rehabilitationszentrum Quellenhof in Bad Wildbad. 

11. Stuttgarter MS-Symposium für Ärzte

Bei der AMSEL-Fachtagung für Ärzte informierten sechs renommierte MS-Experten zu aktuellen Entwicklungen bei der MS – von der Immunpathogenese über aktualisierte Diagnosekriterien bis hin zu modernen Therapieansätzen.

Vermessung der MS – Warum ärztliche Erfahrung zählt

Den Auftakt machte Prof. Dr. med. Uwe Klaus Zettl, Oberarzt in der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Rostock, der die vielfältigen Messmethoden bei MS vorstellte. Ob EDSS, Bildgebung (MRT) mit Markern wie dem Zentralen Venenzeichen (CSV) oder Paramagnetischen Randläsionen (PRL) bis hin zu Serum-Biomarkern wie Neurofilament-Leichtketten oder GFAP – sie alle unterlägen menschlichen und technischen Einflussfaktoren, die Messabweichungen und unterschiedliche Ergebnisse zur Folge haben könnten. Den perfekten Weg gäbe es bis dato nicht. Es sei die Kombination vieler Messungen zusammen mit ärztlicher Erfahrung, die Diagnosesicherheit gäbe.

Immunpathogenese der progredienten MS – Modell gesucht!

Dass in der Fachwelt diskutiert wird, ob die Progression bei MS entzündungsbedingt oder unabhängig abläuft, erklärte Prof. Dr. med. Thomas Korn, Direktor des Instituts für Experimentelle Neuroimmunologie und stellvertretender Klinikdirektor der Neurologischen Klinik des Klinikums rechts der Isar, bevor er zum Knackpunkt kam: „Es gibt erste Konzepte für die Progression, dennoch ist das derzeitige Wissen extrem limitiert“. Ein gutes Modell würde dringend gebraucht, so der Experte. Auch gäbe es noch keinen etablierten Biomarker zur Messung der Progression. Allerdings ließe sich mit Messungen im Blut eine progrediente Verschlechterung im Rahmen einer MS objektiv quantifizieren (Bestimmung des sauren Gliafaserproteins, kurz GFAP). Eine entzündliche Schubaktivität könne mit dem Nachweis erhöhter Neurofilamente im Serum (kurz: sNFL) nachgewiesen werden. 

Neue Diagnosekriterien – McDonald 2024

Mut machte Prof. Dr. med. Oliver Neuhaus, Chefarzt der Klinik für Neurologie am SRH-Klinikum Sigmaringen und Mitglied im Ärztlichen Beirat von AMSEL. Mit den McDonald-Kriterien, die 2024 überarbeitet wurden, ließe sich MS heute früher und sicherer feststellen. Hier drei wichtige Neuerungen bei der Diagnose einer MS:

  • Neue MRT-Merkmale wie das Zentralvenenzeichen (CSV) und paramagnetische Randläsionen (PRL) helfen, typische MS-Herde besser zu erkennen,
  • der Sehnerv gehört nun zu einem von fünf typischen Regionen als Kriterium für die räumliche Dissemination und
  • das radiologisch isolierte Syndrom (RIS) kann in bestimmten Fällen auch ohne spürbare MS-Symptome als MS diagnostiziert werden, womit eine frühe Behandlung ermöglicht wird.

Das Ziel sei, Fehldiagnosen zu vermeiden und damit unnötige Angst oder Therapie. Oder wie es der Experte formulierte: „Time is Brain“.

amsel.de hatte bereits im Februar 2025 ausführlich über die geplanten neuen Diagnosekriterien für Multiple Sklerose, die sogenannten McDonald-Kriterien, berichtet: "Weniger "Hängepartie" dank neuer Diagnose-Kriterien".

Sport und Bewegung bei MS – digitale Angebote

Dr. Alexander Tallner, Innovationsmanager für digitale Gesundheitsinterventionen, Zentrum für Telemedizin (ZTM) GmbH, Bad Kissingen eröffnete den Nachmittag des Ärztesymposiums mit einer bekannten Tatsache: Sport bei MS wirkt sich positiv auf Muskelkraft, Ausdauerleistung und Gleichgewicht aus und kann den MS-Verlauf positiv beeinflussen. Das funktioniere auch digital, allerdings brauche es therapeutische Unterstützung, um die Eigenmotivation hochzuhalten. Tallner erläuterte den Unterschied zwischen digitaler Gesundheitsanwendung (DIGA), Präventionskursen und Tele-Reha-Nachsorge (DRV) und stellte als Best Practice-Beispiel die ms Bewegt-App der AMSEL vor, die sich derzeit im Zulassungsverfahren befindet.

Möglichkeiten und Grenzen der ASV – Versorgung aus einem Guss

Seit 2023 ist MS eine der Krankheiten, die in einer sogenannten Ambulanten Spezialfachärztlichen Versorgung (kurz: ASV) behandelt werden können. Prof. Dr. med. Mathias Mäurer, Chefarzt der Klinik für Neurologie und Ärztlicher Direktor des Klinikums Würzburg Mitte, traf den Praxisnerv der Zuhörer mit seinem Vortrag, der Voraussetzungen, Spezifikationen und Chancen diese neuen Versorgungsform auslotete. Vor allem weit fortgeschrittene MS-Patienten seien in der ASV gut aufgehoben, so sein Fazit. Die Zusammenarbeit im interdisziplinären Team und der große Behandlungsumfang können einen Versorgungsgewinn für den Betroffenen darstellen. Allerdings sei die aufwendige Umsetzung für niedergelassene Ärzte oft schwer umsetzbar, so eine Stimme aus dem Publikum.

Nutzen und Risiken der BTKi – vielversprechende Ansätze

Prof. Dr. med. Mathias Buttmann, Chefarzt der Klinik für Neurologie im Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim beendete die Vortragsrunde mit einem Ausflug in die Welt der BTKi (Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitoren). Diese neue Wirkstoffgeneration hemmt gezielt B-Zellen im ZNS und könnte insbesondere bei der progredienten Form der MS den Durchbruch bringen. Bisherige Studien mit Tolebrutinib zeigten vielversprechende Ergebnisse, so der Experte, aber auch offene Fragen, zum Beispiel was die Nebenwirkungen betreffe, vor allem in Bezug auf die Leber. „Trotz allem Optimismus, was die neuen Wirkstoffe betrifft, bleibt auch das bisherige therapeutische Spektrum für die Behandlung der MS, gerade auch im frühen Krankheitsstadium und bei hoher Krankheitsaktivität, weiterhin wichtig“, schloss Buttmann und betonte damit, wie wichtig weiterhin die bisher zur Verfügung stehenden Mittel für die Behandlung der MS sind.

Selbst für Fachärzte wie etwa Neurologen ist Multiple Sklerose häufig ein Krankheitsbild von vielen im Klinik- oder Praxisalltag. Umso wichtiger sind fundierte Updates und Informationen zur Diagnose, zum Verlauf und zu Therapiemöglichkeiten, um MS-Erkrankten bedürfnisorientiert und nach neuesten Erkenntnissen helfen zu können. AMSEL-Fortbildungen für Ärzte seien dabei ein wichtiger Baustein, waren sich die Symposiums-Teilnehmer einig. Sechs Vorträge à 45 Minuten bot das Stuttgarter AMSEL-Symposium Multiple Sklerose 2025. Gelegenheit, jedes Thema in der Tiefe zu erörtern und offene Fragen direkt mit den Experten zu klären. Das AMSEL-Team freute sich über Rückmeldungen der Teilnehmer wie „hervorragende Organisation, aktuelle Themen, interessante Vorträge“ und „Die Themen- und Referentenauswahl war erstklassig.“

Organisiert wurde das 11. Stuttgarter MS-Symposium für Ärzte von der AMSEL, Aktion Multiple Sklerose Erkrankter Landesverband der DMSG in Baden-Württemberg e.V., mit freundlicher Unterstützung durch Hexal AG, Juvisé Pharmaceuticals, Merck Healthcare Germany GmbH, neuraxpharm Arzneimittel GmbH, Novartis Pharma GmbH, Sanofi-Aventis Deutschland GmbH sowie Viatris.

Redaktion: AMSEL e.V., 29.09.2025