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Mit 2-Phasen-Plan zu selbstbestimmtem Training

Bewegung lindert nachweislich die Leiden bei Multipler Sklerose. Die Motivation dazu ist allerdings erschwert.

Es ist ein Teufelskreis: Viele Patienten mit Multipler Sklerose leiden unter Fatigue. Die meisten wissen heute, dass Sport und Bewegung ihnen gut tun, sogar die Fatigue lindern können. Doch was machen, wenn ein Physiotherapietermin just in eine Phase heftiger Müdgkeit fällt ? Der Patient muss diesen absagen, damit auf die positiven Effekte der Therapie verzichten. Das verschlimmert wiederum die Fatigue - und so weiter. Dazu kommt dann noch, dass die Patenten ein schlechtes Gewissen haben wegen der versäumten Trainingseinheit.

Weg von fixen Terminen

Viel Potenzial, die chronische Erkrankung - und übrigens auch die progressiv fortschreitende Form der MS - zu lindern, bleibt so ungenutzt. Stephanie Kersten und Prof. Dr. Christian T. Haas vom Institut für komplexe Gesundheitsforschung an der Hochschule Fresenius in Idstein haben darum ein Programm entwickelt, wie der Patient sein Training selbst bestimmen kann. Weg von fixen Terminen hin zu individuell angepassten und selbstbestimmten Einheiten.

Das hört sich zunächst "wischi-waschi" an. Nach mehr Möglichkeiten, Training und Bewegung immer wieder zu vertagen. Darauf würde es wohl - auch bei den meiste Gesunden - herauslaufen, wenn man ihnen schon in der Anfangsphase einfach nur sagt: Bestimme selbst, was du machst und wann du trainierst. Selbstdisziplin ist also gefordert. Und die kann man erlernen.

Der Zweiphasenplan: Mit Supervision zum nachhaltigen Erfolg

Selbstbestimmung und Disziplin lassen sich nicht ohne Grundlagenwissen und entsprechende Vorbereitung erreichen – da unterscheidet sich der Patient nicht einmal so sehr vom Gesunden. Daher hat Kersten mit Kollegen den Zweiphasenplan entwickelt, der nach einem Eingangstest Training mit intensiver Schulung vorsieht, bevor der Patient über einen gewissen Zeitraum eigenständig trainiert – der Erfolg wird dann nach rund einem Jahr in einem Check gemessen.

"Die Vermittlung von Krankheits- und Trainingskompetenz sind essenzielle Bestandteile unseres Plans. Multiple-Sklerose-Patienten bekommen einen fundierten Einblick in wirksame Trainingsmethoden und setzen diese anschließend unter Supervision direkt in die Praxis um", führt Kersten weiter aus. "Sie lernen, ihren Bewegungsalltag eigenständig zu steuern, Sportphasen einzuplanen und die richtigen Schwerpunkte zu setzen."

Dabei werden auch Standards gesetzt, viel wichtiger ist aber die individuelle Betreuung. Nicht von ungefähr wird Multiple Sklerose auch als "Krankheit mit den tausend Gesichtern" bezeichnet und die individuellen Voraussetzungen für Bewegung könnten unterschiedlicher kaum sein.

Schulung mit Aha-Effekt

Quantitative Analysen belegen nun, dass die Schulungen tatsächlich den geplanten Effekt haben, erste Untersuchungsergebnisse zeigen sowohl kurz- wie auch langfristig positive Effekte auf die körperlichen Aktivitäten der Patienten. "Sie gehen selbstbewusster mit ihrer Erkrankung und dem Thema Sport um, die körperliche Leistungsfähigkeit steigt merklich. Die Gangsicherheit erhöht sich, dadurch kann auch die Gehstrecke verlängert werden", bestätigt Prof. Dr. Christian T. Haas, Forschungsdekan im Fachbereich Gesundheit & Soziales an der Hochschule Fresenius und Direktor des Instituts für komplexe Gesundheitsforschung.

Auch die Fatigue-Symptomatik verändert sich. Das auf der Schulung basierende Training sorgt dafür, dass die plötzlichen Erschöpfungszustände weniger werden. In der Folge nehmen die Betroffenen wieder vermehrt am gesellschaftlichen Leben teil, meistern ihren Alltag mit all seinen Herausforderungen besser und können auch wieder anders mit beruflichen Anforderungen umgehen.

Training mit Bodenkontakt vorzuziehen

"Von einigen Patienten wissen wir, dass sie wieder in den Urlaub fahren. Daran haben sie vorher aus Angst vor den plötzlichen Erschöpfungszuständen nicht einmal mehr gedacht", so Haas weiter. Eine Herausforderung sehen er und Kersten vor allem noch in der Aufklärung. "Nicht alle Multiple-Sklerose-Patienten wissen über Sportmöglichkeiten Bescheid oder scheinen zu wenige Informationen über unterschiedliche Wirkungsweisen von Trainingsmaßnahmen zu haben", moniert Haas. "Fast schon fatal sind teilweise Empfehlungen, die im Internet nachzulesen sind und jeglicher Evidenzbasierung entbehren."

Nachweisbar seien Erfolge hingegen beim Laufen, also etwa Jogging und Nordic Walking – oder auch bei Ballsportarten, die ebenfalls laufintensiv sind. "Der Bodenkontakt mit den Füßen ist wichtig", merkt Haas an. "Dadurch werden Reflexe ausgelöst und Stoffe ausgeschüttet, die Nervenwachstum und –schutz merklich fördern. Deshalb ermutigen wir MS-Patienten, sich über ihre Möglichkeiten aufklären zu lassen, kritisch mit der großen Informationsmenge zum Thema Sport umzugehen und selbstbewusst ihr individuelles Training zu gestalten."

Sport auch für weniger Mobile

Was aber tun, wenn Gehen, selbst das Stehen alleine gar nicht mehr möglich sind ? Es gibt - neben diversen Rollstuhlsportarten wie Tanzen und Basketball - Trainingsmöglichkeiten für weniger mobile Menschen, ja sogar für Bettlägerige. Aus dem aktiven Leben heraus würden die meisten hier nicht mehr von Sport im engeren Sinn sprechen, doch wie man es nennt ist egal: Hauptsache Bewegung.

Eventuell ist hier mehr Assistenz nötig, mehr Geräte, die beim Stehen und Gehen helfen oder sogar ein Pferd oder Pony. Die gerätegestützte Therapie ermöglicht, dass Menschen, die alleine nicht mehr gehen können, doch die Gehbewegung mitmachen, dass sie stehen. Die Hippotherapie hat ebenfalls einen guten Effekt auf Skelett, Muskulatur, Koordination und Gleichgewicht. Stilles Qigong, einmal erlernt, kann jeder anwenden. Mehr dazu erfahren Sie auf der AMSEL-Seite Multiple Sklerose und Sport sowie aus der Entspannungsreihe der Broschüren.

Quelle: Hochschule Fresenius, 27.11.2014

Redaktion: AMSEL e.V., 28.11.2014