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Mehr Menschen mit Multipler Sklerose?

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland hat eine Zunahme der MS-Erkrankten in Deutschland festgestellt. Fragt sich, welche Ursache dem zugrundeliegen.

Kennen Sie das Phänomen der selektiven Wahrnehmung? Das ist, wenn Sie zum Beispiel schwanger sind und plötzlich sehen Sie auf der Straße mehr Babys als Ihnen bisher aufgefallen wären. Oder Sie lesen eine Zeitschrift und der erste Artikel handelt von Satzzeichen und ihrer Besonderheit: "Plötzlich" fallen Ihnen die Einsatzmöglichkeiten von Satzzeichen auch beim Rest der Texte mehr auf, als hätten Sie diesen Text nicht vorneweg gelesen. 

Psychologisches Phänomen

So ist es wenig verwunderlich, wenn man selbst die Diagnose MS bekommt - oder jemand Nahestehendes oder auch, wenn man für eine MS-Organisation arbeitet -, dass man mit einem Mal viel mehr MS-Betroffene um einen herum wahrnimmt als zuvor, auch außerhalb der neuen Situation selbst (dass man in einer AMSEL-Selbsthilfegruppe mehr MS-Betroffene kennenlernt als zuvor, ist ja selbstverständlich). Unsere Wahrnehmung ist "geschärft" auf einen neue Erfahrung, einen neuen Eindruck, eine für uns "neue" Krankheit.

Dass also Ehrenamtliche, (Mit-) Betroffene und medizinisches Personal den subjektiven und daher vagen Eindruck gewinnen könnten, es gäbe mit einem Mal mehr MS-Betroffene als früher, ist oft mit diesem psychologischen Phänomen erklärbar.

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (Zi) hat jedoch anhand der Behandlungen von MS-Patienten in Deutschland herausgefunden, dass der Anteil der MS-Betroffenen - innerhalb des Pools kassenärztlicher Behandlungen zugenommen hat. Genauer ist der Anteil der MS-Betroffenen an der Gesamtheit der kassenärztlich Behandelten von 2009 bis 2015 gestiegen, und zwar von 0,25 % auf 0,32 %.

"Die alters- und geschlechtsstandardisierte MS-Diagnoseprävalenz in Deutschland stieg im Studienverlauf kontinuierlich von gerundet 0,25 % (2009) auf 0,32 % (2015) an (+29 %)", heißt es im Dossier der Zi, einer Stiftung des bürgerlichen Rechts.

Verlängerte Lebenserwartung & verbesserte Diagnosemöglichkeiten

Interessant ist hier die Frage nach der oder den Ursachen. Selektive Wahrnehmung als individuell-psychologisches Phänomen schließt sich freilich innerhalb dieser nach wissenschaftlichen Maßstäben erhobenen statistischen Zahlen aus.

Bleiben vor allem zwei Faktoren: Die verbesserte Behandlung und damit erhöhte Lebenserwartung der MS-Erkrankten. Die Lebenserwartung ist zwar nicht sehr eingeschränkt; im Durchschnitt sind es aber immerhin rund sieben Jahre. Und verbesserte Diagnoseverfahren in Kombination mit veränderten Diagnosekriterien. Tatsächlich ist es so, dass im Zeitraum von 2009 bis 2015, in welchem die Daten erhoben wurden, die Diagnosekriterien revidiert und eine Diagnose der Multiplen Sklerose damit erleichtert wurde (sofern die Funde und Symptome sich nicht durch eine andere Krankheit erklären ließen).

Ob nun weitere Faktoren, welche die Studie nicht berücksichtigt hat, greifen oder nicht: Eine wirkliche Erhöhung der Anzahl der Menschen mit Multipler Sklerose lässt sich nur feststellen, wenn längere Zeiträume und weitere Datenpools diesen Trend bestätigen können. Weiter hervorzuheben aus den aktuellen Daten ist eine ungleiche Verteilung innerhalb Deutschlands: Die größte "MS-Dichte" weist hier der Nordwesten auf.

Quelle:  Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (Zi),  Epidemiologie der Multiplen Sklerose – eine populationsbasierte deutschlandweite Studie, 16.05.2018 (Version 2).

Redaktion: AMSEL e.V., 28.05.2018