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Krankheitsverlauf von Anfang an im Proteom ablesbar?

Liquorproben liefern bisher keine eindeutigen Ergebnisse für MS. Das könnte sich durch eine genauere Analyse ändern, wie deutsche Forscher berichten.

Was, wenn man MS anhand nur einer Nervenwasserprobe eindeutig diagnostizieren könnte? Wenn sogar der spätere Verlauf von Anfang an bekannt wäre? Die Progredienz und, ob man bald in den sekundären Verlauf übergehen wird? Dann hätten Patienten und Neurologen schnell Sicherheit und wüssten eher, ob und vor allem, von welchen Therapien der einzelne Mensch mit MS profitieren würde. [Anm.d.Red.: “Könnte, wäre, würde”: Bei dieser Nachricht handelt es sich um laufende Forschungsergebnisse für interessierte Leser. Wem das zu viel “Zukunftsmusik” ist, liest erst dann weiter, wenn die AMSEL-Onlineredaktion vom Konjunktiv zum Indikativ wechselt und “kann, ist, wird” schreibt.]

Bisher basiert eine Diagnose Multiple Sklerose im Wesentlichen auf diesen Faktoren: 

  • neurologischen Symptomen, die einen Patienten zum Arzt führen,
  • einem Schädel-MRT, das entweder gleich eindeutig MS-typische Läsionen zeigt oder aber im zeitlichen Abstand so oft wiederholt werden muss, bis es diese zeigt,
  • einer Liquorprobe, also Nervenwasser, das dem Patienten aus dem Rückenmark entnommen wird und nach einer Untersuchung mittels Elektrophorese bei 90 % der MS-Patienten typische Veränderungen (spezifische Antikörper: Oligobanden) aufzeigt, jedoch kein eindeutiger Marker für MS ist.

Das Therapiefenster vergrößern

Alle drei Faktoren zeigen: Da ist viel Spiel drin. Zu viel Spiel für bangende Patienten, die unsicher und besorgt sind. Eine eindeutige Diagnose MS ist nicht immer gleich drin. Zuwarten, ob sich im MRT nach 3, 6 oder 9 Monaten etwas “tut”, möchte keiner gern. Nicht nur ob der Sorgen, sondern auch aus medizinischem Grund: Man verspielt so womöglich unnötig Zeit, in der man schon mit der passenden MS-Therapie hätte starten können. Das viel besagte “Therapie-Zeitfenster” wird kleiner, je länger die Diagnose dauert. Zwar erlauben die aktuellen McDonald-Kriterien von 2024 oft einen frühen Beginn der Therapie. Doch ins Blaue hinein möchten nicht alle “Vielleicht-ist-es-MS-Patienten” eine hochpotente Therapie mitsamt den möglichen Nebenwirkungen starten. Das ist verständlich.

Bessere, vor allem genauere und möglichst frühzeitige Diagnose ist daher der große Wunsch von Patienten, Angehörigen und Ärzten. Der sNFL-Biomarker kann hier bereits einiges leisten. Dabei werden Neurofilament-Leichtketten im Blut gemessen, was zudem freilich weniger aufwendig ist als eine Liquorentnahme via LumbalpunktionProf. Jens Kuhle, Sobek-Forschungspreisträger 2024, berichtet im AMSEL-Interview über sNFL. Doch zum einen ist dieser Biomarker noch nicht gang und gäbe in der MS-Diagnostik und zum anderen ist ein einzelner sNFL-Wert für sich genommen nicht sehr aussagekräftig (stattdessen vielmehr die Veränderung des Wertes im Verlauf ). Deutsche Forscher haben nun möglicherweise einen Weg gefunden, mit nur einer Nervenwasserprobe zu Beginn der Erkrankung genau zu diagnostizieren.

Proteinpanel als Diagnose-Marker für MS

Forscher der TU München und des Max-Planck-Institutes München haben nur eine Möglichkeit entdeckt, wie man über die Messung von Proteinen genauere Ergebnisse herausfinden kann. Sie kombinierten verschiedene Methoden, darunter die Massenspektrometrie, um das gesamte Proteom (also alle Proteine) von Patienten zu analysieren. Es stellten sich im Vergleich von Proben von Patienten mit und ohne neurologische Erkrankungen bestimmte Muster heraus. Insgesamt untersuchten die Forscher rund 2.000 Proteine in 5.000 Liquorpoben und konzentrierten sich auf Diagnosemarker für MS. Rund zehn Prozent der MS-Patienten weisen keine oligoklonalen Banden auf, welche eine Diagnose MS forcieren. Die Suche nach Krankheitsmarkern gestaltete sich dadurch schwierig, da auch das Alter und andere, krankheitsunabhängige Faktoren das Proteom beeinflussen.

Das Ergebnis: 22 der 2.000 untersuchten Proteine unterscheiden MS von ähnlichen entzündlichen Erkrankungen des Zentralen Nervensystems. Doch diese Kombination an Markerproteinen kann noch mehr. Nachdem die Forscher hunderte von Nervenwasserproben MS-Erkrankter untersucht hatten, zeigte sich, dass das Proteom sogar Aufschluss über den Krankheitsverlauf Jahre später gibt. Ob ein Patient also ein hohes Risiko für spätere Behinderungen trägt oder nicht. Ebenso ließ die Untersuchung Aussagen über das individuelle Risiko eines Patienten zu, zum sekundär-progredienten Verlauf überzugehen. All diese Informationen scheinen der Studie nach schon bei der Diagnose MS im Proteom festgeschrieben zu sein.

Die Forscher erwähnen außerdem, dass die Untersuchung des Proteoms mit modernen Technologien Wege öffne, auch andere ZNS-Erkrankungen von Alzheimer bis Parkinson zu prognostizieren. Für Menschen mit Multipler Sklerose läge der große Vorteil darin, die Zeit der Unsicherheit zu verkürzen und gleichzeitig die Zeit der Therapiemöglichkeit zu verlängern. Und nicht zuletzt wäre den 10 % an MS-Patienten, welche keine oligoklonalen Antikörper im Liquor aufweisen, mit der Methode gedient, um schneller diagnostiziert werden zu können. Noch allerdings müssen weitere Untersuchungen erfolgen, bevor eine solche Proteinpanel-Untersuchung zur Diagnose und individuellen Prognose von MS im Praxisalltag eingesetzt werden kann. 

Quellen: Cell, 25.02.2026; Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft, 26.02.2026..

Redaktion: AMSEL e.V., 19.03.2026