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Kommt Tolebrutinib später?

Die US-amerikanische Zulassungsbehörde hat ihr Zeitziel aufgrund neuer Analysen zum Bruton-Tyrosinkinase-Hemmer vertagt. Der Wirkstoff soll für schubfreie sekundär-progrediente Verläufe zugelassen werden.

Tolebrutinib, ein ZNS-gängiger Wirkstoff gegen Multiple Sklerose steht vor der Zulassung für die Indikation der schubfreien, sekundär-progredienten MS. Der Wirkstoff aus der Klasse der Bruton-Tyrosinkinase-Hemmer wird voraussichtlich der erste seiner Art sein, der gegen Multiple Sklerose zugelassen werden wird. Der Hersteller Sanofi erhielt für dieses Mittel von der Food and Drug Administration (FDA) sogar den Status eines beschleunigten Zulassungsverfahrens.

Gestern allerdings gab Sanofi bekannt, dass die FDA den Entscheidungstag um drei Monate nach hinten verlegt hat, vom 28. September 2025 auf den 28. Dezember 2025. Die Behörde begründe diesen Schritt damit, dass während der Prüfung neue Analysen hinzugekommen seien.

Erster Bruton-Tyrosinkinase-Hemmer in Europa

In Europa wurde bislang mit dem Frühjahr 2026 für die Zulassung von Tolebrutinib gegen schubfreie, sekundär-progrediente MS gerechnet (amsel.de hatte berichtet). Sanofi äußert sich in seiner Pressemitteilung nicht dazu, ob sich mit der zeitlichen Verschiebung der amerikanischen Behörden auch die Zulassung in Europa und damit in Deutschland verzögern könnte.

Tolebrutinib zählt, wie bereits erwähnt, zu den Bruton-Tyrosinkinase-Hemmern, auch "BTKi“ oder „Brutinibs“ abgekürzt. Diese Wirkstoffklasse unterscheidet sich von den meisten MS-Medikamenten dadurch, dass sie hinter die Blut-Hirn-Schranke gelangen kann. D. h., sie kann vor Ort, direkt im Gehirn und im Rückenmark und wirken. 

Mittlerweile geht man davon aus, dass die progredienten Anteile der MS, also die schwelenden oder schleichenden Anteile, jede MS von Anfang an begleiten, jedoch im Verlauf, mit Abnahme der Schübe, in den Vordergrund treten. Eine klare Trennung von schubförmig-remittierenden Verlauf, gefolgt von einem sekundär-progredienten Verlauf, wie sie auch die meisten Indikationen für MS-Therapien vorsehen, greift daher zu kurz (amsel.de und MS-Docblog.de haben darüber berichtet: „Verlaufsformen, ade?“). 

Hinter der Blut-Hirn-Schranke

Zudem findet die schwelende MS, also der progrediente Part, im Gehirn selbst statt, ist also von außen, allein über das Blut zum Beispiel, weniger gut zu beeinflussen. Das Zentrale Nervensystem und der Rest des Körpers sind nämlich getrennt durch die sogenannte Blut-Hirn-Schranke, welche nur wenige Zellen und Partikel nach innen durchlässt. Genau hier setzen unter anderem die Bruton-Tyrosinkinase-Hemmer an: Sie sind nämlich (zumeist) ZNS-gängig und können somit im Gehirn und im Rückenmark selbst die Zellen bekämpfen, die vor allem bei der schleichenden MS zu Schäden führen.

Nicht alle in Erprobung befindlichen „Brutinibs“ wirken gleich. Sie gehören zwar einer Wirkstoffklasse an, sind jedoch unterschiedliche Präparate. Tolebrutinib, beispielsweise, hatte in den bisherigen Daten auf Schübe nur einen moderaten Einfluss, während es die progrediente Dynamik besser eindämmen konnte als bisher zugelassene MS-Wirkstoffe. Andere BTKi wiederum wirken vielleicht besser gegen den entzündlichen Part der MS, haben aber wenig Einfluss auf das schleichende Geschehen. Das müssen weitere Studiendaten zeigen. Den größten Bedarf gibt es in der Behandlung der progredienten MS.

Viele der Bruton-Tyrosinkinase-Hemmer werden sowohl bei Probanden mit schubförmigen wie bei Probanden mit progredienten Verläufen (primär und sekundär-progredient) getestet und die Prüf- und Herstellerfirmen analysieren zudem Subgruppen der Studienkohorten, also beispielsweise sekundär-progrediente Patienten mit aufgesetzten Schüben, Probanden mit längerer Krankheitsdauer oder Probanden mit fortgeschrittenen Behinderungen.

Tolebrutinib wird aller Voraussicht nach der weltweit erste Bruton-Tyrosinkinase-Hemmer mit einer Zulassung bei Multipler Sklerose sein. Für welche Indikationen genau er zugelassen wird, muss sich noch zeigen.

Quelle: Pressemitteilung von Sanofi, 22.09.2025.

Redaktion: AMSEL e.V., 23.09.2025