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KI sieht Multiple Sklerose als Prozess

Schubförmig oder progredient? Das galt bisher als entscheidend, bei der MS. Eine Studie unter deutscher Leitung zeigt jedoch, dass eine starre Einteilung viel zu kurz greift.

Der Mensch denkt gern in Schubladen. Und die MS macht es ihm auch leicht, so zu denken. Schließlich gibt es MS-Erkrankte mit Schüben, die eben „schubweise“ Verschlechterung bringen, und solche ohne Schübe, bei denen die Behinderungen langsam mehr werden. Klassisch eingeteilt hat man diese Erscheinungen in drei starre Phänotypen:

  • die schubförmig remittierende MS, kurz: RRMS,
  • die sekundär progrediente MS, kurz: SPMS, und
  • die primär progrediente MS, kurz: PPMS.

Letztere beide sind also nicht schubförmig, sondern zeichnen sich durch schleichende Zunahme an Behinderungen aus. Kleine Fußnote: RIS und CIS bezeichnen Stadien davor, bei denen noch nicht klar ist, ob eine MS sich tatsächlich manifestieren wird und ob sie dann schubförmig oder progredient sein wird (Radiologisch bzw. klinisch Isoliertes Syndrom).

Multiple Sklerose als Kontinuum

Diese Ansicht – MS sei entweder RRMS, SPMS oder PPMS – wird bereits seit geraumer Zeit angezweifelt. Schon lange betonen Neurowissenschaftler, dass diese (künstliche) Einteilung dem Gesamtbild der Multiplen Sklerose nicht gerecht wird. Immer wieder war von der „schwelenden MS“ die Rede, die unabhängig vom Verlauf auftreten kann. Auch amsel.de hatte darüber mehrfach berichtet. Im Englischen heißt sie “smouldering MS”.

Nun ist man, mithilfe der Künstlichen Intelligenz, auf ein neues Modell gestoßen, welches den flexiblen Abläufen einer MS näherzukommen scheint, als das bisherige. Wissenschaftler haben unter der Leitung des Universitätsklinikums Freiburg und der Universität von Oxford über 35.000 MRT-Aufnahmen von mehr als 8.000 MS-Patienten analysiert, basierend auf mehreren Patientenkohorten.

Neuer Blick auf die MS, neue Perspektiven für die Behandlung

Das Ergebnis: Multiple Sklerose ist ein Krankheitskontinuum, ein kontinuierlicher Prozess also, mit definierten “Zustandsdimensionen”:

  1. körperliche Behinderung
  2. Hirnschädigung,
  3. Klinische Schübe und
  4. stille Entzündungsaktivität.

Diese vier Parameter bezeichnen, je nach Zusammensetzung, den aktuellen Zustand einer Multiple Sklerose und können gleichzeitig auftreten. Sieht man MS so, als dynamische Erkrankung, dann hat dies auch Einfluss auf die Behandlung der MS.

Auch in diesem Modell gibt es eine Folge von Zuständen. Zumeist gehen frühere, milde Zustände über entzündliche Zwischenzustände in fortgeschrittene, dann nicht mehr reversible Krankheitsstadien über. Sehr bezeichnend ist die Entzündungsaktivität dazwischen. Diese kann sowohl still, also ohne Symptome ("schwelende MS"), als auch schubförmig stattfinden und treibt die Verschlechterung an. Ihr, der Entzündung, gilt es also rechtzeitig Einhalt zu gebieten, bevor Symptome irreversibel werden.

Bis heute basieren die Zulassungen von Wirkstoffen gegen MS oft auf starr definierten Krankheitszuständen (also zum Beispiel schubförmig remittierend, primär oder sekundär progredient). Künftig wird es wichtig sein, das Risiko aller vier Zustandsdimensionen für den einzelnen Patienten genau einzuschätzen und ihn entsprechend dieser Dynamik zu behandeln. Gerade Patienten mit aktiver, aber klinisch stummer Entzündungsaktivität benötigten frühzeitige Therapieentscheidungen, so Professor Heinz Wiendl von der Universität Freiburg. Nun gilt es, die individuelle Risikoabschätzung zu verbessern und die neuen Erkenntnisse in den Praxisalltag einzuführen, um Patienten mit MS noch besser und genauer zu behandeln und ihre Lebensqualität zu erhalten.

Quellen: Pressemitteilung der Universität Freiburg, 20.08.2025, Nature Medicine, 20.08.2025.

Redaktion: AMSEL e.V., 01.09.2025