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Gemeinsamer Weg hin zu einer Welt ohne MS

Über den eigenen Tellerrand zu schauen, ist essentiell, in der Grundlagenforschung. Dies gelingt sowohl dem Sobek Forschungspreisträger Prof. Roland Liblau als auch der Nachwuchspreisträgerin Dr. Sarah Mundt. Über 100 Gäste lauschten ihren spannenden Vorträgen bei der feierlichen Preisverleihung in der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart.

Die Roman, Marga und Mareille Sobek Stiftung konnte einmal mehr herausragende Leistungen in der Grundlagenforschung zur Multiplen Sklerose mit den Sobek Forschungspreisen ehren. Der Forschungspreis 2025, dotiert mit 100.000 Euro, ging an Prof. Dr. Dr. Roland Liblau, Toulouse. Mit dem Nachwuchspreis 2025 und 15.000 Euro Preisgeld wurde Dr. Sarah Mundt, Zürich, ausgezeichnet.

Adam Michel, Vorsitzender der AMSEL, würdigte in seinem Grußwort vor über 100 Gästen die Rolle der Sobek Forschungspreise als Förderung des Forschergeistes, denn davon lebe die Wissenschaft: das Unbekannte erforschen und verstehen zu wollen. Seine Gratulation an die Preisträger schloss einen Appell ein, sich ihre Neugier im besten Sinne zu bewahren. Ihre Erkenntnisse, ihr Engagement setzten ein Zeichen der Hoffnung für alle MS-Betroffenen. Die Vorsitzende der DMSG, Prof. Dr. Judith Haas, zeigte sich stolz auf die Preisträger und lobte die medizinischen Fortschritte der letzten Jahre hin zu einer frühen Immuntherapie auch bei der progredienten Form der MS. „Zusammenarbeit auf internationaler Ebene ist vielleicht der Weg zu einer Welt ohne MS“, so die Professorin.

Blick über den Tellerrand

In seiner Laudatio brachte Prof. Dr. Reinhard Hohlfeld, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Sobek Stiftung, das Forschungsprinzip des diesjährigen Sobek Forschungspreisträgers Prof. Dr. Dr. Roland Liblau auf den Punkt: den Blick über den Tellerrand. Zu Beginn seiner Karriere nämlich erforschte Liblau in Stanford die Krankheitsmechanismen von Diabetes, einer weiteren Autoimmunkrankheit. Erst etwas später kam der promovierte Neurologe und Immunologe zur MS-Forschung, wo er erstaunliche Parallelen zwischen beiden Autoimmunkrankheiten entdeckte. Was seinen aktuellen Forschungsschwerpunkt angeht, bezeichnete der Laudator Liblau als einen ausgesprochenen „T-cell guy“, einen Forscher also, der speziell die T-Zellen in Bezug auf Multiple Sklerose erforscht.

In seiner Festrede gab Prof. Liblau einen Einblick in die Welt der T-Zellen, die sich in verschiedene Kategorien einteilen lassen, je nachdem, wie sie entstehen und – ganz wichtig –, welche Funktionen sie in Bezug auf die MS einnehmen. Liblau erklärte dem Publikum Schritt für Schritt die Vorgehensweise seines Teams und ihre Ergebnisse. Genauer: die möglicherweise schützenden, vor allem jedoch die krankmachenden Funktionen von CD4- und CD8-T-Zellen.

Ihm und seinem Team gelang es nachzuweisen, dass gewebsständige T-Zellen bei MS Entzündungen fördern können. Vor allem jedoch, dass sie ein mögliches Therapieziel bei progredienter MS darstellen. Dies ist umso wichtiger, als auf diesem Gebiet bis heute noch hochpotente Mittel fehlen. Die (Lebens-) Arbeit des Sobek Forschungspreisträgers 2025 könnte der Grundstein für eine Kehrtwende sein und helfen, die Lebensqualität von Menschen mit schleichender MS (oder mit schleichenden Anteilen an MS) in den kommenden Jahren deutlich zu verbessern.

Würden die T-Zellen im Blut verbleiben, wären sie weniger gefährlich. Aber sie überwinden die Blut-Hirn-Schranke und setzen sich im Gehirn fest, werden dann als TRM-T-Zellen bezeichnet (Tissue-Resident Memory steht für Gewebsständigkeit). Und hier spielen sie ihre zerstörerische Kraft aus, schädigen Myelinscheiden, Neuronen und Axone und können sogar die Blut-Hirn-Schranke zerstören. 

Teamarbeit sei in der Forschung essentiell, so Liblau. “Das Zusammenbringen komplementärer Expertise ermöglicht es uns, mehr zu erreichen”, so das Credo des diesjährigen Preisträgers. Und das heißt Kooperation über Instituts- und Ländergrenzen hinweg. Prof. Dr. Dr. Roland Liblau startete seine Karriere in Paris, der Stadt der Liebe, des Eiffelturms, aber auch der Wissenschaft, der Stadt von Louis Pasteur, dem Entdecker der Bakterien, und Jean-Martin Charcot, dem Begründer der Neurologie und MS-Forschung. Heute leitet Liblau ein großes Labor in Toulouse sowie ein Forscherteam am Toulouse Institute for Infectious and Inflammatory Diseases (INFINITY) und lehrt als Professor für Klinische Immunologie.

Tatort: Gehirn, tatverdächtig: Mikroglia und Monozyten

Prof. Dr. Klaus V. Toyka, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Sobek Stiftung, würdigte einerseits die wissenschaftlichen Leistungen der Nachwuchspreisträgerin 2025, Dr. Sarah Mundt, wie auch sie selbst als „inspirierendes Vorbild für den neuroimmunologischen Nachwuchs“. Geboren in Lörrach, promoviert summa cum laude in Konstanz in Life Sciences mit Spezialisierung auf Biologie und Immunologie, wirkt die heute 39-Jährige als Leiterin einer eigenen Forschungsgruppe am Institut für Experimentelle Immunologie der Universität Zürich im Umfeld des Sobek Forschungspreisträgers 2019 Prof. Dr. Burkhard Becher. Zahlreiche Veröffentlichungen als Erst- oder Co-Autorin belegen die Bedeutung ihrer Forschungsarbeit, so der Laudator, dazu ihr Engagement weit über das Institut hinaus und ihre starke Vernetzung in den internationalen Fachgesellschaften sowie ihr herausragendes Engagement in der Erforschung der Immunpathogenese der MS.

Im Stile eines „Tatort“-Krimis beleuchtete Dr. Mundt die doppelte Rolle von Fresszellen in der Pathogenese der MS. Welche Typen sind an Nervenschädigungen beteiligt, welche haben sogar schützende Eigenschaften? Gewebeansässig von Geburt an in Gehirn und Rückenmark seien Mikroglia, assistiert von Monozyten aus dem Blut, die zur Abwehr von Krankheitserregern hinzugezogen werden. Bildgebende Maßnahmen zeigen, dass sich immer hochaktivierte Fresszellen in der Nähe von Schädigungen an den Nervenzellen aufhalten. Damit stehen sie, ganz klar, unter dringendem Tatverdacht, am "Verbrechen MS" beteiligt zu sein. 

Eine Funktion der Fresszellen ist die Ausschüttung von hochreaktiven Sauerstoffradikalen (kurz: ROS) und Zytokinen, die als Kommunikationsmittel zwischen den Zellen fungieren, aber auch Entzündungen vorantreiben können. Beide sind bei MS in hoher Konzentration vorhanden. Im Mausmodell haben die Forscher um Dr. Mundt, um den “Tatvorgang” nachzustellen, eine Immunantwort ausgelöst, die Nervenschädigungen verursacht. Ergebnis: Monozyten sind immer in der Nähe des Entzündungsgeschehens, Mikroglia sind weniger präsent. Mit verschiedenen Methoden, darunter dem konditionellen Gen-Targeting, wurden im Wechsel Zytokine und ROS gehemmt. So gelang der Nachweis, dass Mikroglia eher schützend für Nervenzellen sind, ROS und Monozyten jedoch ursächlich für die Nervenschädigung bei MS und anderen neurologischen Autoimmunerkrankungen. Ein wichtiger Impuls für die Therapieforschung, mit neuen Immuntherapeutika nicht mehr alle Immunzellen unspezifisch zu unterdrücken, sondern gezielt nur die pathogenen Funktionen auszuschalten und gleichzeitig die schützenden zu erhalten.

Schneller und präziser zur Diagnose MS

Der Preisträger des Forschungspreises 2020 Prof. Alan Thompson vom University College London berichtete, fünf Jahre später, das ist Tradition bei der Sobek Preisverleihung, über die Verwendung seines Preisgeldes einmal zur Unterstützung junger Doktoranden und Forschertalente und dann zur Verfeinerung der bekannten McDonald Diagnosekriterien für MS. 

Die aktuelle Version der McDonald Diagnosekriterien 2024, die basierend auf neuen Studien unter seiner Ägide entstand, nimmt neue diagnostische Marker mit auf, die eine schnellere und präzisere Diagnose verstärkt auf biologischer Basis erlauben. So wurde der Stellenwert eines RIS (radiologisch isoliertes Syndrom) neu bewertet: Selbst ohne manifeste klinische Symptome lässt sich, nach der Version 2024, die Diagnose MS stellen, was nach der Version 2017 noch ausgeschlossen war. Dass bei einem großen Teil von RIS-Patienten im späteren Verlauf ohnehin die Diagnose MS gestellt wird, rechtfertige den Beginn einer Immuntherapie schon zu diesem frühen Zeitpunkt.

Bei den örtlichen Disseminationskriterien von Läsionen wurde nun als fünfte Lokalisation der Sehnerv mit einbezogen. Neben den vier für MS typischen Gehirnregionen für Läsionen bietet sich diese Region geradezu an, denn eine Sehnerventzündung ist häufig das Erstsymptom einer MS. Der Stellenwert der zeitlichen Dissemination im Krankheitsverlauf als Nachweis einer MS konnte damit relativiert werden. Liquorpunktionen zur Absicherung erübrigen sich dadurch weitgehend. Der Nachweis zentraler Venenzeichen (CVS, central vein sign) in den Läsionen der weißen Gehirnsubstanz via MRT bringe weitere Diagnosesicherheit. Zeigen sechs Läsionen CVS, so sei dies ein deutlicher Hinweis auf MS. Anhand von Beispielpatienten aus der Praxis zeigte Thompson, welchen Unterschied die Diagnose nach den aktuellen Kriterien für Menschen mit MS bringt. So etwa eine 33-Jährige mit Migräne, die anhand ihrer MRT-Bilder nach den neuen Kriterien ihre Diagnose MS und damit den Zugang zu Therapien erhalten konnte, ohne auf den nächsten Schub warten zu müssen.

Die Straffung und Schärfung der McDonald Kriterien verkürze die Diagnosedauer von früher 84 Tagen auf heute nur 40 Tage. Dabei eignen sich die Kriterien für alle Verlaufsformen und Altersklassen und ermöglichen das frühzeitige Einsetzen geeigneter Therapien. Bedenkt man, dass es 2001 im Schnitt 12 Monate bis zur gesicherten Diagnose dauerte, 2010 noch gut sechs Monate, dann seien die heute durchschnittlich 40 Tage ein großer Fortschritt im Sinne eines frühen Therapiestarts.

Sobek-Gemeinschaft: über Ländergrenzen hinweg

Hausherr Axel Köhler, Rektor der HDMK, betonte eingangs die Verbindung von Wissenschaft und seinem Haus als künstlerischer und pädagogischer Institution. Übergeordnetes Ziel und Bindeglied von beiden sei die Exzellenz der Leistungen, sodass die HDMK einen angemessenen Rahmen für die Auszeichnung der Sobek Preisträger biete. Darüber hinaus könne Musik Heilungsprozesse immerhin begleiten, da sie eine wohltuende Wirkung auf die Psyche habe. 

Andrea Schildhorn, Vorstandsvorsitzende der Sobek Stiftung, richtete ihr Wort abschließend an die Preisträger 2025. Sie seien nun Teil der in über 25 Jahren gewachsenen Sobek Forschergemeinschaft. Sie erinnerte an die Ziele der Sobek Stiftung: „Von Beginn an ging es der Stiftung nicht nur um die Würdigung exzellenter Forschungsarbeiten, sondern explizit auch um die Vernetzung der Forschenden über Ländergrenzen hinweg.“ Kooperation statt Konkurrenz sei gerade in herausfordernden Zeiten wie heute eminent wichtig. Mit ihren Forschungsergebnissen werde Zukunft geschrieben, und es zähle jeder noch so kleine Schritt auf dem Weg hin zu einer Welt ohne Multiple Sklerose.

Die feierliche Sobek Preisverleihung unter der Schirmherrschaft des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg am 12. Dezember im Konzertsaal der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HDMK) bildete einen glanzvollen Höhepunkt des AMSEL-Jahres. Drei schöne Traditionen, diesmal mit einer musikalischen Innovation: Auch die 25. Preisverleihung der Sobek Stiftung wurde in Zusammenarbeit von AMSEL e.V. und dem DMSG Bundesverband ausgerichtet. Von Beginn an standen die Verleihungen unter der Schirmherrschaft des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. Der Festakt fand einmal mehr im Konzertsaal der Stuttgarter Musikhochschule statt. Neu war 2025: Die Studenten der HDMK umrahmten die Veranstaltung nicht wie bisher mit klassischer Musik, sondern mit inspirierenden Jazz-Stücken. Eine runde Veranstaltung, Erkenntnisgewinn und Genuss für die zahlreich erschienenen Gäste. Und: Hoffnung für MS-Betroffene.

Redaktion: AMSEL e.V., 17.12.2025