Prof. Roland Liblau von der Universität Toulouse erforscht seit Jahrzehnten entzündliche Erkrankungen des Zentralen Nervensystems, besonders die Multiple Sklerose. Mit seinem großen Labor am Institut INFINITY (Institut für Entzündungs- und Infektionskrankheiten) gelangen dem Institutsdirektor Pionierleistungen auf dem Gebiet der MS-Immunologie und der MS-Therapie sowie beispielhafte Europa-weite Forschungskooperationen. Über einen kleinen Teil dieser klinisch-experimentellen MS-Forschung – die CD8+ T-Zellen – spricht der Neurologe und MS-Forscher im AMSEL-Video, im Vorfeld der Verleihung des Sobek Forschungspreises 2025 für seine herausragenden Leistungen. Und auch darüber, was Teamwork unter Wissenschaftlern bedeutet.
CD8-T-Zellen als Ansatzpunkt für MS-Therapie
Zum Hintergrund: CD8+ T-Zellen sind eine Untergruppe der T-Zellen. Diese Immunzellen werden aktiviert, um andere Zellen, die ihr Antigen tragen, zu erkennen und zu eliminieren. Zum Beispiel virusinfizierte Zellen. Eine gute Sache, wenn alles “normal” läuft, in einem gesunden Körper. Bei Multipler Sklerose jedoch (und ebenso bei anderen Autoimmunerkrankungen), sind die CD8-T-Zellen fehlgeleitet. Sie erkennen und attackieren nicht nur fremde Antigene, sondern auch gesunde körpereigene Zellen, deren Proteine sie fälschlicherweise als “fremd” erkennen.
Die Arbeit Prof. Liblaus hat in experimentellen Modellen gezeigt, dass autoreaktive T-Zellen
- Demyelinisierung, also den Verlust von Myelin, verursachen,
- Axone und Neuronen schädigen und sogar
- die Blut-Hirn-Schranke zerstören können.
Folgerichtig gibt es großes therapeutisches Potenzial bei Multipler Sklerose, wenn man
- die Aktivierung autoreaktiver T-Zellen,
- ihre Migration ins Gehirn und Rückenmark wie auch
- ihr Verbleiben in diesen Geweben verhindert.
Aktuell geht es hauptsächlich darum, ob autoreaktive T-Zellen, die im Gehirn und Rückenmark überdauern, zur Chronizität lokaler entzündlicher Prozesse beitragen. Liblaus Labor gelang es kürzlich, Hinweise zu sammeln, dass dies der Fall ist. Daher zielt die zukünftige Arbeit im Toulouser Labor darauf ab, in den langfristigen Verbleib autoreaktiver T-Zellen im Gehirn und Rückenmark einzugreifen. Liblau und sein Team hoffen so, die progressive Phase der Multiplen Sklerose eindämmen zu können. Also genau jenen Anteil der MS, der bei den meisten MS-Erkrankten in späteren Krankheitsphasen überwiegt und bisher kaum zu behandeln ist.
Wissenschaft ist Teamarbeit
Teamarbeit hält der Institutsleiter für essentiell. In der Wissenschaft sei es offensichtlich, dass sie am besten im Team, in Zusammenarbeit über Instituts- und Ländergrenzen hinaus betrieben werde. “Das Zusammenbringen komplementärer Expertise ermöglicht es uns, mehr zu erreichen”, sagt der in Toulouse und zeitweise auch in Deutschland tätige Neurologe und Wissenschaftler. Über Jahre war Liblaus Team an verschiedenen Konsortien der Europäischen Union beteiligt, woraus sich eine umfangreiche Zusammenarbeit mit anderen europäischen Kollegen entwickelte. Und: Die Zusammenarbeit erstreckt sich auch auf Patientenorganisationen. Seit fast 20 Jahren arbeitet der Sobek Forschungspreisträger mit der französischen Multiple-Sklerose-Vereinigung, France SEP zusammen. Und nun, im Rahmen des Videointerviews auch mit AMSEL e.V.
Hinweis: Die Sobek Preisverleihung 2025 findet im Dezember in Stuttgart statt. Neben dem Sobek Forschungspreis, der dieses Jahr an Prof. Roland Liblau geht, wird außerdem der Sobek Nachwuchspreis verliehen. Mit insgesamt über 100.000 Euro Preisgeld gehören die Sobek Preise zu den weltweit höchstdotierten Forschungspreisen auf dem Gebiet der Grundlagenforschung der Multiplen Sklerose. Ausgezeichnet werden Forscher mit herausragenden Leistungen auf diesem Gebiet.
Quelle: Videointerview “T-Zellen und Teamwork”, AMSEL-Videos, 28.11.2025.
Redaktion: AMSEL e.V., 27.11.2025
