Spenden und Helfen

GA oder Interferon: gehupft wie gesprungen?

Ob man nun Glatirameracetat oder Interferon-Beta nimmt, das war bislang relativ egal. Die Lage hat sich geändert, dank genetischer Forschung unter der Leitung der Universität Münster.

Ob man nun Glatirameracetat (GA) oder aber Interferon-Beta nimmt – das war bislang sozusagen “gehupft wie gesprungen". Es kam mehr oder minder aufs Gleiche raus, denn beide Wirkstoffarten sind sich sehr ähnlich. Dachte man. Forscher unter der Leitung der Universität Münster haben jedoch herausgefunden, dass bestimmte Menschen eher von Glatirameracetat profitieren als von Interferon-Beta. Mehr dazu unten im Text.

Zunächst einmal zu den Gemeinsamkeiten: 

  • Sowohl Glatirameracetat als auch Interferon-beta zählen zu den weniger potenten Immuntherapien bei Multipler Sklerose. 

Und die beiden Wirkstoffe haben noch mehr gemeinsam:

  • Sie stehen als Spritzen zur Verfügung, d. h. die Patienten müssen sie injizieren.
  • Beide zählen zur Wirksamkeitsstufe 1, also der niedrigsten innerhalb der MS-Immuntherapien.
  • Sie haben im Vergleich mit potenteren Mitteln weniger Nebenwirkungen.
  • Sie gehören zu den ersten Wirkstoffen gegen Multiple Sklerose; d. h. Ärzte und Patienten haben schon sehr lange Erfahrung damit.
  • Sie sind verhältnismäßig günstig, was unter anderem daran liegt, dass es inzwischen Generika zu beiden Wirkstoffarten gibt.

MS-Therapie trotz Schwangerschaft und Stillzeit

Die Frage ist eher, warum MS-Patienten heute überhaupt noch diese vergleichsweise gering wirksamen Mittel anwenden sollten, wo es doch deutlich wirksamere Therapien gibt. Das führt zur letzten großen Gemeinsamkeit:

  • Sowohl die Interferon-Beta-Wirkstoffe als auch Glatirameracetat sind während Schwangerschaft und Stillzeit zugelassen. Auch hier liegen die meisten Langzeitdaten vor. 

Wovon man inzwischen längst abgekommen ist: Das ist die Strategie, mit einer milden „Basistherapie“ zu beginnen, um gegebenenfalls später auf eine „Eskalationstherapie“ zu wechseln. Heute handeln die meisten Ärzte und Patienten nach der Devise „Hit hard and early“. Das hat seinen guten Grund, denn, sobald Nervengewebe im Zentralnervensystem einmal untergegangen ist, kann man es nicht wieder bringen. Also lieber gleich mit einer stärker wirksamen prophylaktischen Therapie starten, als abzuwarten, bis sich Symptome nicht mehr zurückbilden, um erst dann auf ein wriksameres Mefikament zu wechseln. Gleichwohl gibt es natürlich auch heute noch Ärzte und Patienten, die eine milde bis moderate MS (zunächst) eher mit einem weniger starken Mittel (mit weniger starken Nebenwirkungen) therapieren.

Genvariante entscheidet über Therapieerfolg

Dass es aber eben nicht „gehupft wie gesprungen“ und auch nicht „Jacke wie Hose“ ist, welche der beiden Wirkstoffarten aus der Wirksamkeitskategorie 1 man nimmt, hat nun ein internationales Forschungsteam um Studienleiter Prof. Nicholas Schwab (Sobek-Nachwuchspreisträger von 2018) herausgefunden. Es gibt nämlich einen genetischen Marker, der noch vor Therapiestart sagen kann, ob Glatirameracetat oder Interferon besser wirken wird. Ein wichtiger Schritt in Richtung personalisierte Medizin, so Professor Heinz Wiendl, der für die Konzeption der Studie mitverantwortlich ist.

Dazu untersuchte das Team spezifische T-Zell-Antworten auf Glatirameracetat und fand T-Zell-Klone, die sich nur bei Trägern bestimmter HLA-Moleküle wiederfanden. MS-Erkrankte mit der Genvariante HLA-A*03:01 hatten einen Behandlungsvorteil. Um diese Ergebnisse zu verifizieren, untersuchten die Forscher weitere große Patientenkohorten. Auch hier zeigte sich, dass MS-Patienten, die das HLA-A*03:01-Allel tragen, besonders von der Therapie mit Glatirameracetat profitieren.

Das Gute: Es gibt bereits einen HLA-Test, um relativ schnell diese Genvariante bei MS-Betroffenen herauszufinden. D. h., es könnte gar nicht lange dauern, bis ein solcher Test sich in der Praxis etabliert hat. Und bis Patienten keine Münze mehr zu werfen brauchen, wenn es um die Frage geht: Glatirameracetat oder Interferon-Beta?

Quellen: eBioMedicine, August 2025; Krankheitskompetenznetz Multiple Sklerose, 05.08.2025.

Redaktion: AMSEL e.V., 25.08.2025