Der Hersteller von Fenebrutinib hat heute bekannt gegeben, dass auch die Phase-3-Studie FENhance 1 ihr primäres Studienziel erreicht hat. Sowohl FENhance 1 als auch 2 untersuchen den Wirkstoff bei schubförmiger Multipler Sklerose im Vergleich mit dem bereits zugelassenen Teriflunomid (Wirksamkeitskategorie 1 von 3). FENhance 1 zeigte eine signifikante Reduktion der jährlichen Schubrate im Vergleich zu Teriflunomid um 59 %, bei FENhance 2 waren es 51 %.
Nachdem Fenebrutinib auch in Studien mit primär progredienten MS-Patienten sein primäres Studienziel erreicht hatte (FENtrepid), den schleichenden Fortschritt der Krankheit also deutlich verlangsamt hatte, könnte Fenebrutinib der erste BTKi (Bruton-Tyrosin-Kinase-Hemmer) sein, der sowohl bei PPMS als auch bei RRMS zugelassen werden könnte. Die vollständigen Daten der FENhance-1- und -2-Studien würden auf der Jahrestagung 2026 der American Academy of Neurology (AAN, vom 18. bis 22. April 2026) vorgestellt und zusammen mit den Daten der FENtrepid-Studie bei den Zulassungsbehörden eingereicht, so der Hersteller Roche in seiner Pressemitteilung von heute. Mit einer Zulassung noch im Jahr 2026 wird es darum knapp, wenn man rund 200 Tage Bearbeitungszeit bei den Behörden eingerechnet (vorausgesetzt, es läuft alles „glatt“). Anfang 2027 wäre jedoch durchaus denkbar.
Leberwerte unter Fenebrutinib?
Fenebrutinib ist nur einer von gleich mehreren BTKi, die derzeit in Studien bei verschiedenen Verläufen der Multiplen Sklerose getestet werden. Tolebrutinib war am primären Endpunkt der Studie zu primär progredienter MS gescheitert, konnte jedoch signifikant positive Ergebnisse für Menschen mit sekundär progredienter MS nachweisen. Nichtsdestotrotz hat die FDA (amerikanische Arzneimittelbehörde) den Zulassungsantrag für Tolebrutinib zunächst abgelehnt. Hauptgrund waren potenziell tödliche Nebenwirkungen auf die Leber, die auch trotz engmaschiger Leberwertuntersuchungen auftraten.
Auch bei Fenebrutinib kam es zu Leberwertveränderungen (wenngleich weniger als bei Tolebrutinib) und in der FENhance 1-Studie auch in einem Fall zu einem sogenannten „Hy's Law”. Hy's Law bezeichnet nach einer Faustregel besonders kritische Fälle von Leberwertveränderungen. Bisher gibt es keinen zuverlässigen Biomarker, der solche potenziellen möglichen Nebenwirkungen eindeutig und rechtzeitig anzeigen würde. Es kam allerdings bei FENhance 1 und 2 zu insgesamt neun Todesfällen mit unterschiedlichen Ursachen, einer im Teriflunomid-Arm und acht im Fenebrutinib-Arm. Bislang war von keinem Zusammenhang mit dem Medikament zu hören, weitere Analysen laufen jedoch.
Hoffnung für „Progrediente“
Fenebrutinib zeichne sich Unter anderem durch seine Reversibilität aus, so der Hersteller. Es weise eine 130-fach höhere Selektivität für BTK im Vergleich zu anderen Kinasen auf. Diese hohe Selektivität unterstreiche das Potenzial von Fenebrutinib, an sein Zielmolekül zu binden, ohne andere Kinasen zu beeinträchtigen. Während die meisten derzeitigen BTK-Inhibitoren kovalent und irreversibel seien, also eine permanente chemische Bindung mit dem Enzym bilden, sei Fenebrutinib nicht-kovalent und reversibel.
Vor allen Dingen für Menschen mit schleichend voranschreitender Multiple Sklerose (heute spricht man von den Verlaufsformen der primär progredienten und der sekundär progredienten MS, PPMS und SPMS), und besonders für „Progrediente“ im fortgeschrittenen Stadium fehlen bislang potente Therapien, die den Krankheitsverlauf verlangsamen oder aufhalten könnten. Auch die „Brutinibs“ – von dieser Wirkstoffklasse werden mehrere Substanzen mit einem jeweils eigenen Wirkungs- und Nebenwirkungsprofil getestet – zeigen bislang keine hochpotente Wirkung. Immerhin haben sie aber eine signifikante Wirkung auf die schleichende MS bzw. den schleichenden Anteil einer MS. Das kann im Einzelfall sehr viel bedeuten. Gerade für Menschen mit fortgeschrittener MS und beispielsweise eine Mobilitätseinschränkung gewinnt etwa die Armfunktion noch mehr an Bedeutung. Wenn man diesen Anteil des Krankheitsfortschritts verlangsamen, ist für diese Menschen mit MS sehr viel gewonnen.
Quelle: Pressemitteilung von Roche, 02.03.2026.
Redaktion: AMSEL e.V., 02.03.2026
