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Entwicklung der MS-Therapie

19 Wirkstoffe sind gegen Multiple Sklerose zugelassen. Nachholbedarf gibt es noch bei der Therapie der schwelenden MS. Die setzt früher ein als bisher angenommen. - Professor Mathias Mäurer über künftige Behandlungsmöglichkeiten.

19 Wirkstoffe gegen Multiple Sklerose – das hört sich nach viel an. Tatsächlich stecken hinter den 19 zugelassenen Immunmodulatoren “nur” vier Hauptwirkmechanismen:

  1. Multiple Effekte, wie zum Beispiel bei den „Ursubstanzen“, die seit Mitte der Neunzigerjahre zugelassen wurden: den Interferonen.
  2. Klassische Immunsuppressiva, welche Entzündungszellen reduzieren.
  3. Zell-depletierende Wirkstoffe, das sind meist monoklonale Antikörper, die sich gegen wichtige Zellpopulationen richten.
  4. Wirkstoffe, welche die Migration von Zellen ins Gehirn verhindern, wie zum Beispiel Tysabri oder Fingolimod.

All diese verlaufsmodifizierenden Wirkstoffe jedoch zielen vorwiegend auf Entzündungshemmung ab. D. h., sie können Schübe verhindern. Neuere Substanzen sind darin meist sehr effizient. Neben dem akuten Entzündungsgeschehen gibt es aber auch noch die progredienten Anteile einer MS, auch schwelende MS genannt.

Wirkstoffe gegen progrediente/ schwelende MS

Mittlerweile weiß man, dass die progrediente MS von Anfang an im Krankheitsgeschehen eine Rolle spielt, neben dem Entzündungsgeschehen. Im Laufe einer MS verlagert sich das MS-Geschehen dann von der peripher, also außerhalb des Gehirns verursachten Entzündung immer mehr hin zu einer hinter der Blut-Hirn-Schranke stattfindenden Progredienz.

Zwar gibt es mittlerweile mit den S1P-Modulatoren sowie den B-Zell-Therapien auch Möglichkeiten, die langsam voranschreitende, also progrediente MS einzudämmen. Jedoch wirken auch diese Wirkstoffe eher über die klassische Entzündungshemmung und weniger auf die Pathologie einer schwelenden MS.

In der Pipeline dagegen warten verschiedene Wirkstoffe gegen die progrediente MS:

  • Allen voran Tolebrutinib, ein Bruton-Tyrosinkinase-Hemmer, der bereits im Frühjahr 2026 in Europa und damit auch in Deutschland zugelassen werden könnte. Er hat sich, verglichen mit bereits zugelassenen Wirkstoffen gegen progrediente MS, in Phase-3-Studien als potenter Wirkstoff erwiesen.
  • Außerdem, noch im experimentellen Stadium, die CAR-T-Zell-Therapie, bei der überall im Körper Zellen patrouillieren, um schädliche MS-Zellen zu vernichten.
  • Und weitere monoklonale Antikörper wie Frexalimab oder Vidofludimus Calcium.

Kombination von Immunmodulatoren gegen MS?

Die Frage wird überdies sein, wie MS-Patienten mit hochaktivem schubförmigem Verlauf diese Wirkstoffe einnehmen sollen, um nicht nur das Entzündungsgeschehen, sondern auch die schwelenden Anteile ihrer MS zu bremsen. Die gleichzeitige Kombination von hochwirksamen Wirkstoffen gegen die Schubaktivität mit Wirkstoffen gegen Progredienz hält Professor Mathias Mäurer für unwahrscheinlich. Er kann sich jedoch eine sequenzielle Therapie vorstellen, in der man zunächst das schubförmige Entzündungsgeschehen eindämmt, um, sofern der Patient stabil ist, danach eine Therapie gegen die schwelenden MS-Anteile anzugehen.

Es zeigt sich einmal mehr: Die Multiple Sklerose ist ein dynamisches und gut beforschtes Feld. Optimismus ist in jedem Fall angezeigt, dass Menschen mit Multipler Sklerose künftig noch mehr ihrer Lebensqualität erhalten bleiben wird.

Nach Aufnahme des Videointerviews mit Prof. Mathias Mäurer hat die amerikanische Nahrungs- und Arzneimittelbehörde FDA bekanntgegeben, dass sie die Prüfzeit für Tolebrutinib aufgrund neuer Analysen um drei Monate verlängert. Neues Zieldatum für die Entscheidung zum ersten BTKi bei MS ist damit der 28.12.2025 anstatt des 28.09.2025. amsel.de hat berichtet [Anm.d.Red.].

Redaktion: AMSEL e.V., 26.09.2025