Medizinische Kongresse präsentieren eine Menge Neuigkeiten. Für Laien ist es nahezu unmöglich, die Spreu vom Weizen zu trennen. Prof. Mathias Mäurer erläutert darum einige der News vom ACTRIMS-Kongress 2026. Nachdem er bereits die aktuellen Daten zu den Bruton-Tyrosin-Kinase-Hemmern Tolebrutinib und Fenebrutinib eingeordnet hat, widmet sich dieses Videointerview drei weiteren neuen Ansätzen.
- Eine geplante Studie zu Ublituximab bei Kindern mit schubförmiger MS,
- Studienergebnisse aus Phase 2 zu Vidofludimus Calcium, auch bei progredienter MS, und
- Studienergebnisse aus einer offenen Studie zu Glatirameracetat Depot bei progredienter MS.
1. Ublituximab bei Kindern
Hier liegen noch keine Ergebnisse vor. Die Studie wurde auf dem ACTRIMS-Kongress 2026 nur vorgestellt. Der Hersteller plant, den B-Zell-depletierenden Wirkstoff in zwei Studien zu testen. Erstens eine Studie zur Dosisfindung mit Kindern mit einem Gewicht zwischen 25 und 40 kg. Zweitens, darauf folgend, eine Studie, die doppelt verblindet ablaufen wird und Ublituximab im Vergleich mit Fingolimod testen wird. Das heißt, Kinder des einen Arms der Studie werden Ublituximab als Tablette erhalten und eine weitere Tablette als Placebo. Der andere Arm erhält Fingolimod als Tablette und eine weitere Tablette als Placebo. Das ist ein starkes Studiendesign, so Professor Mathias Mäurer. Er erwartet hier positive Ergebnisse. Denn das Konzept gibt es bereits, und zwar mit Ocrelizumab. Zunächst wird an Studienzentren in den USA und Polen gestartet, später eventuell auch an deutschen Zentren.
2. Vidofludimus Calcium bei progredienter und schubförmiger MS
Hierbei handelt es sich um Ergebnisse einer Phase-2-Studie (namens “Caliper”). Professor Mathias Mäurer hatte darüber bereits auf MS-Docblog berichtet. Auch hier ist das Konzept bereits bekannt, und zwar vom bereits zugelassenen Wirkstoff Teriflunomid. Beide Wirkstoffe reduzieren B- und T-Zellen. Vidofludimus Calcium soll zudem einen Transkriptionsfaktor hemmen und protektiv auf Neuronen sowie mindernd auf Mikroglia wirken. Es soll wenigstens partiell ins Zentrale Nervensystem (ZNS) übergehen können. Allerdings handelt es sich hier erst um eine Phase-2-Studie bzw. die Ergebnisse daraus. Ob wir es in der Praxis nutzen können werden, lässt sich erst nach bestandener Phase 3 Studie sagen, so Mäurer.
Der Ansatz ist jedenfalls gegen Progredienz ausgerichtet. In die Caliper-Studie sind vorwiegend Menschen mit PPMS (primär progredienter MS) und SPMS (sekundär progredienter MS) eingegliedert. Jedoch muss man dazusagen, dass der primäre Endpunkt nicht erreicht wurde, wohl aber sekundäre Endpunkte, vor allem im MRT. Auch werden EBV-reaktive Zellen vermindert, was bei MS aufhorchen lässt, da das Epstein-Barr-Virus mitursächlich für die Entstehung von MS ist. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass auch schon Teriflunomid unter anderem eine antivirale Wirkung besitzt.
So interessant der Ansatz aus wissenschaftlicher Sicht auch ist – ob hieraus ein Gamechanger für Menschen mit progredienter MS werden kann, ist nach diesen Phase-2-Ergebnissen noch nicht zu sagen.
Kleiner Exkurs zu Wissenschaft und Kommunikation
Prof. Mathias Mäurer versteht und bedauert zugleich, dass Patienten teilweise mit der Wissenschaft hadern. Früher war oft der Vorwurf zu hören, die Wissenschaft käme nicht aus ihrem Elfenbeinturm heraus, würde zu wenig nach außen kommunizieren. Heute, wo Daten auch für Laien viel früher veröffentlicht werden, der Weg von potenziellen Wirkstoffkandidaten schon ab dem Mausmodellstadium publik gemacht wird, kommt es mitunter zu Enttäuschung, weil, was im Zwischenergebnis positiv aussah, letztlich möglicherweise gar nicht nutzt und nicht zugelassen werden kann.
Es ist also immer wichtig, bei Meldungen zu Studien, genau hinzuschauen, aus welcher Studienphase die Ergebnisse stammen. Erst nach abgeschlossener und ausgewerteter Phase 3 kann endgültig über Nutzen und Nebenwirkungen eines Wirkstoffes entschieden werden. Genau aus diesem Grund ordnet Prof. Mathias Mäurer Publikationen zu potenziellen MS-Therapien auf amsel.de und ms-docblog.de ein.
3. GA-Depot bei progredienter MS
Apropos früh veröffentlichte Daten – das verhält sich bei GA-Depot nicht anders. Doch der Reihe nach: Bei GA Depot handelt es sich um einen „alten Bekannten“, nämlich das aus der früheren “Basistherapie” bekannte Glatirameracetat (Wirkungsgrad 1 von 3). Die Depot-Version von Glatirameracetat wurde nun getestet bei primär progredienter Multipler Sklerose. Mit (zunächst) überraschend positiver Wirkung.
Dieses Ergebnis relativiert sich, dass lediglich 30 Patienten in die Studie eingeschlossen wurden, und zwar in einem offenen Design, d. h. jeder Patient wusste, dass er das Medikament erhält. Darum halten sich auch die Erwartungen von Professor Mathias Mäurer in Grenzen. Hinzu kommt, dass vermutlich, wer heute mit primär progredienter MS in eine solche Studie geht, anstatt einen bereits zugelassenen Wirkstoff zu nehmen, eher zu den stabileren Patienten gehören dürfte, da man sonst lieber nicht das Risiko eingeht, keine oder wenig Wirkung zu erzielen.
Um wirklich eine Wirkung von Glatirameracetat als Depot bei progredienter MS nachzuweisen, bedarf es kontrollierter Studien, so Mäurer. Auch hier also nur ein Zwischenstand. Glatirameracetat als Depot zu entwickeln und anzubieten, ist allerdings schon länger angedacht. Bisher nämlich müssen Patienten sich mindestens dreimal in der Woche subkutan spritzen. Bei der Depotversion reicht einmal im Monat, wenngleich dann intramuskulär.
Hinweis: Auf ACTRIMS spielten auch größere Studien zu Wirkstoffen wie den Bruton-Tyrosin-Kinase-Hemmern (BTKi) eine Rolle. Hier alle drei Videos über ACTRIMS 2026:
Redaktion: AMSEL e.V., 16.04.2026


