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(K)eine ganz normale Motorradausfahrt

Schwerstpflegebedürftige Menschen, viele von ihnen an Multipler Sklerose erkrankt, sind auf und mit 80 Motorrädern in Stuttgart unterwegs. Eine ungewöhnliche Ausfahrt, die ohne das Engagement vieler Menschen gar nicht möglich wäre.

Es herrscht eine fröhliche, entspannte, freundschaftliche Atmosphäre vor dem Generationenhaus in Stuttgart-Heslach und wer nicht genauer hinsieht, denkt, hier hat sich ein Motorrad-Club versammelt und stellt seine Maschinen aus. Da sind Biker in ihren Monturen, man sieht viele Tattoos, eine Menge Helme.

Beim näheren Hinsehen wird klar, die Szenerie ist ungewöhnlicher als es scheint. Hier gibt es auch ein Trike, bei dem ein Rolli angehängt ist und ein mit Harley-Davidson-Shirt gekleideter Mann im Rollstuhl? Das Bild gehört zusammen, denn es geht tatsächlich um Motorräder und Bewegung, genauer um die Motorradausfahrt des Generationenhauses.

Das hört sich wie eine normale Freizeitaktivität an und es geht auch darum, den jungen pflegebedürftigen Bewohnern des Generationenhauses eine für andere normale Freizeitaktivität zu ermöglichen. Aber die Dimension dieser Ausfahrt ist eine ganz andere.

Damit diese scheinbar normale Ausfahrt stattfinden kann, engagieren sich auf den verschiedensten Ebenen unglaublich viele Menschen.

...Initiatoren

Da sind die Initiatoren der Ausfahrt, die die Idee hatten: Andreas Weber, Einrichtungsleitung, und Elke Münch, ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Einrichtung und in der AMSEL-Gruppe Stuttgart-Mitte. Sie haben 2013 die Idee zum ersten Mal verwirklicht. Seitdem organisiert Elke Münch diese besondere Ausfahrt und trägt die Verantwortung für die immer größer werdende Aktion. Sie trifft die Terminabsprachen mit dem Generationenhaus und meldet die Demonstration für die Integration behinderter Menschen in der Gesellschaft bei der Stadt Stuttgart an, sucht Motorradfahrer für die Ausfahrt, hält am Tag der Ausfahrt die Fäden in der Hand, fährt mit und hat für jeden ein Lächeln und ein gutes Wort.

...Motorradfahrer

Da sind die Motorradfahrer, die sich die Zeit nehmen und mit ihren Motorrädern und Gespannen vorfahren, geduldig warten, bis ihre Mitfahrenden bereit sind, ihnen wo möglich helfen, mit ihnen plaudern. Und die an diesem Tag ganz besonders umsichtig und rücksichtsvoll fahren.

...Mitfahrer

Da sind die jungen pflegebedürftigen Bewohner selbst. Zwar ist die Ausfahrt für sie gemacht, doch fordert sie auch von den Umsorgten etwas ab: Sich auf Neues einlassen, etwa schnell fahren trotz Blindheit. Lange sitzen trotz Spastik. Und geduldig sein, wenn die Hilfskonstruktion aus einem zusammengerollten Handtuch als Nackenstütze nicht auf Anhieb an der Stelle bleibt, wo sie soll. Beim nächsten Versuch klappt es dann aber.

...Mitarbeiter

Da sind die Mitarbeiter des Generationenhauses, die es allen Bewohnern des Hauses, die mitfahren möchten, möglich machen, an der Ausfahrt teilzunehmen. Darunter sind Schwerstpflegebedürftige, die umfassende Hilfestellung benötigen, um dabei sein zu können. Für jeden Einzelnen überlegen die Mitarbeiter bereits Wochen im Voraus, welche Hilfsmittel erforderlich sind, finden kreative Lösungen, wo es keine passenden gibt, fahren selber im Beiwagen mit, wenn ein Bewohner sich auch mit allen Hilfsmitteln zur Lagerung nicht allein aufrecht halten kann. Die Mitarbeiter kommen teilweise in ihrer Freizeit, um dabei zu sein, alle sind zugewandt und suchen für jeden geduldig das passende Gespann. Und keinem ist die z.T. schwere körperliche Anstrengung anzusehen, die nötig ist, die Mitfahrenden in die Beiwagen umzusetzen.

Da sind die Mitarbeiter, die für das leibliche Wohl vor und nach der Ausfahrt sorgen, die Getränke und Kuchen ausgeben, am Grill schwitzen. Ein Fest wie unter Freunden, die Stimmung gelöst.

Da ist die Einrichtungsleitung, die dieses Fest als Dank für alle Beteiligten organisiert, die die Verpflegung bereitstellt und eine Musikband engagiert hat.

...Ehrenamtliche

Da ist zum Beispiel der ehrenamtliche Fahrer der AMSEL-Gruppe Stuttgart-Mitte, der auf Initiative der Gruppenleitung eine ehemalige Bewohnerin des Generationenhauses aus Heilbronn abholt und Stunden später wieder zurückbringt. Der mit Bewohnern plaudert, ihnen unauffällig und unaufgeregt beim Essen und Trinken hilft.

...Polizisten

 Da sind die Polizisten, die den langen Zug der Maschinen begleiten, Straßen absperren, vorausfahren, sich zurückfallen lassen und so den Motorradtross nach vorne und hinten sichern.

Der Aufwand ist alle Mühe wert: Dank dieses Zusammenspiels spüren die Mitfahrenden den Fahrtwind, können Teil einer ganz „normalen“ Motorradausfahrt sein. Einfach dabei sein. Mitten im Leben. 

AMSEL e.V. dankt allen, die sich bei der Motorradausfahrt engagiert haben.
Übrigens: Im Herbst organisiert das Generationenhaus eine Oldtimer-Ausfahrt - dann für die älteren Bewohner des Hauses.

Redaktion: AMSEL e.V., 23.07.2018