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Und plötzlich war meine Angst geboren

Wie war das noch, damals nach meiner MS Diagnose? Vor kurzem machte ich mir darüber mal wieder Gedanken.

Als ich meine Diagnose bekam, hat sich ganz stark etwas verändert.

Zuerst ging das Leben weiter wie bisher und ich musste mich nicht besonders mit meiner Diagnose auseinandersetzen. Das Arbeiten hat mir kräftemäßig so gereicht - wenn ich nach Hause kam, war da nicht mehr viel mit mir anzufangen. Und somit hatte ich keine Zeit, mir Gedanken darüber zu machen.

Doch etwas Gravierendes passierte in der ersten Nacht nach meiner Diagnose. Plötzlich war sie da, die Angst.

Die Leichtigkeit war mit einem Schlag weg.

Ich schlief wie immer wie ein Toter, aber an dem ersten Morgen lag ich wie ein Hartholz im Bett. Alles verspannt, die Kiefermuskulatur schmerzend. Alles tat mir weh und das nicht nur von meiner MS. Ich weiß es noch sehr genau, denn in dieser Nacht hab ich meine Angst geboren. Ab da war vom schwungvollen, gefährlichen und aufregenden Leben meiner jungen Jahre nicht mehr viel geblieben.

Ich war gerade zarte 24 Jahre alt. Hatte viel erlebt und hatte mich in jedes Abenteuer mit dem Kopf voraus gestürzt. Und dann plötzlich war alles anders. Von einem Tag auf den nächsten. Ab da wurde alles, was ich machte, von meiner Angst sofort hinterfragt.

  • „Tut dir das gut?“
  • „Kannst du das wirklich noch?“
  • „Traust du dir das tatsächlich zu?“
  •  „Was kommt noch?“
  • „War das, was war, richtig?“

Das leichte Leben war für mich auf einen Schlag vorbei. Einige denken jetzt, das pendelte sich doch bestimmt auch wieder ein. Nein, leider tat es das nicht. Ich bekam durch Therapie und harte Arbeit meine Angst in den Griff, doch begleitet sie mich jetzt schon 15 Jahre und was vor der Diagnose kein Problem machte, ist plötzlich von Zweifel durchzogen und hat immer einen bitteren Nachgeschmack.

Oft sehe ich mir dabei zu, wie ich andere für ihren Mut bewundere und denke, ja das hab ich auch mal alles so angepackt, aber jetzt ist es eben nicht mehr so und ich muss erst mal eine halbe Stunde mit meiner Angst diskutieren,

  • ob ich jetzt tatsächlich mit dem Auto oder doch besser mit dem Zug in eine andere Stadt fahre.
  • Ob ich eine Strecke von A nach B schaffe.
  • Ob mir etwas finanziell reicht.
  • Oder ob ich meine Hobbies weiter ausüben kann und wenn ja mit welcher Einschränkung und wird mir dies großen Ärger bereiten?

Alles, was man macht oder plant, wird nun mit einer gewissen Vorsicht getan und nicht mehr wie vor der Diagnose einfach darauf los.

Das Leben ist schön – auch mit MS.

Jetzt soll sich der Leser bitte keine Sorgen machen, ich hab das Leben nicht eingestellt. Nein, ich mache alles wie vor meiner Diagnose (das, was eben noch geht) und suche mir ständig neue Herausforderungen. Nur eben brauche ich ein wenig länger bei der Umsetzung. Jetzt kann man denken, so etwas bringt auch die Lebenserfahrung und das Alter mit sich. Klar, das spielt natürlich auch eine große Rolle. Doch wurde mir dieses Verhalten von einem Tag auf den nächsten aufgedrückt. Das war schon ein Faustschlag ins Gesicht. Und entspannt geschlafen habe ich das letzte Mal vor meiner Diagnose.

Trotzdem bin ich weiterhin ein Kind des Kampfes, aufgeben ist für mich keine Option. Ich nehme alles als Herausforderung und versuche, die Hürden zu überwinden und die steilen Berge zu bezwingen. Ausruhen kann ich mich, wenn ich tot bin, bis dahin wird bitter und manchmal süß gekämpft und danach besonders intensiv darüber gefreut, wenn ich aufs Neue meine Angst überwunden habe.

Also sperren wir die „Angst“ in den Keller, nehmen die „Vorsicht“ in den Arm und tanzen eine Runde über den Tisch, genauso wie früher und doch etwas anders. Und dabei immer den Kopf oben halten mit einem Lächeln auf den Lippen, denn: Das Leben ist schön auch mit MS.

Daniela

  • Geboren 1979, hat MS seit 2004.
  • Sie wohnt in Ettlingen, liebt Katzen und ernährt sich vegetarisch.
  • Sie ist in sozialen Netzwerken unterwegs, hat viele Hobbies und mehrere Ehrenämter.
  • Unter anderem leitet sie die AMSEL-Kontaktgruppe Ettlingen.
  • 2018 erhielt sie die Bundesverdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland.

Redaktion: AMSEL e.V., 16.09.2019