Zum Inhalt springen
| Aus dem Verband

Thementag der AMSEL und Mitgliederversammlung 2026

Rund 300 Teilnehmer kamen bei strahlendem Sommerwetter zum Thementag der AMSEL „Alltagsbewältigung bei MS“ und zur Mitgliederversammlung 2026 in die Sparkassenakademie Stuttgart. Im Fokus stand die Alltagsbewältigung bei MS – mit Vorträgen zu Lebensstil, Osteoporose und Stressmanagement. In der Expertenrunde konnten sich die Teilnehmer mit den Referenten austauschen und Fragen stellen. Dr. Daniela Späth-Zöllner wurde in der anschließenden Mitgliederversammlung zur Ehrenvorsitzenden gewählt.

Was kann ich im Alltag beachten?

Mit einem günstigen Lebensstil lässt sich bei MS viel erreichen, betonte Dr. med. Dieter Pöhlau, Geschäftsführer und ehemaliger Chefarzt der Neurologie der Kamillus Klinik Asbach sowie stellvertretender Bundesvorsitzender der DMSG. Die wichtigsten Stellschrauben seien Ernährung, Bewegung und erholsamer Schlaf. Ultrahochverarbeitete Lebensmittel sollten gemieden werden: Übermäßiger Verzehr von Zucker, Salz und Fast Food fördern unter anderem Übergewicht und können MS-typische Entzündungsprozesse verstärken. Empfehlenswert sei dagegen eine antiinflammatorische mediterrane oder asiatische Ernährung mit viel Gemüse, Fisch, Salat und naturbelassenen Ölen. Auch das Darmmikrobiom, die Gesamtheit aller Mikroorganismen, die auf und im menschlichen Körper leben, könne Immunsystem, Verdauung, Stoffwechsel sowie Stimmung beeinflussen und profitiere von Ballaststoffen und ausgewogener Ernährung. Die zusätzliche Einnahme von Probiotika oder Propionsäure könnten sinnvoll sein. 

Bewegung fördere die Produktion von Neurotrophinen, die Nervenzellen unterstützen. Guter Schlaf könne MS-Symptome und Fatigue lindern; schlaffördernde Medikamente sollten wegen möglicher Nebenwirkungen und Abhängigkeitsrisiken jedoch nur vorsichtig eingesetzt werden. Bei Schlafproblemen sollten zuerst die Regeln der Schlafhygiene beachtet werden, zu denen unter anderem das Einhalten von festen Schlafenszeiten sowie keine Bildschirmzeit vor dem zu Bett gehen gehören. 

Und: Es dürfe auch nicht jedes Symptom (ausschließlich) auf die MS zurückgeführt werden. Im Zweifelsfall solle eine ärztliche Abklärung erfolgen, um mögliche andere Ursachen zu erkennen.  

Osteoporose und MS

Osteoporose und Osteopenie, bei der eine verminderte Knochendichte vorliegt, treten laut einer Metaanalyse bei MS-Betroffenen doppelt so häufig wie in der Allgemeinbevölkerung auf. Deshalb werden Knochendichtemessungen bei Frauen ab der Menopause und bei Männern mit MS ab 50 Jahren empfohlen – besonders bei mehr als sieben Jahren MS-Diagnose, einem EDSS-Wert (Expanded Disability Status Scale, ein Skalensystem zur systematischen Erfassung des Behinderungsgrades bei Patienten mit MS) über drei oder einer Glukokortikoid-Lebensdosis über 15 Gramm, so Prof. Dr. med. Peter Flachenecker, Neurologe und Chefarzt im Rehabilitationszentrum Quellenhof, Bad Wildbad sowie Vorsitzender des Ärztlichen Beirats der AMSEL e.V. 

Die Einnahme von Vitamin D sei bei einem nachgewiesenen Mangel sinnvoll. Wichtig sei die richtige Dosierung: Von Ultra-Hochdosistherapien wie dem Coimbra-Protokoll solle wegen der Gefahr möglicher Nebenwirkungen abgesehen werden. Außerdem könne eine ausgewogene Ernährung, Alkohol- und Nikotinverzicht so wie regelmäßiges Training zu einer Besserung beitragen. Dadurch können sich auch Fatigue, Schmerzen und Koordination verbessern. Das Schub-Risiko ist durch körperlich anstrengendes Training nicht erhöht. Je nach Möglichkeiten und Jahreszeit könne das Training oder allgemeine Bewegung bestenfalls im Freien stattfinden: So tanke man direkt auch etwas Sonnenlicht und ist an der frischen Luft.

Umgang mit Stressfaktoren

Anhaltender negativer Stress belastet die Gesundheit. Heike Meißner, Klinische Neuropsychologin GNP am Quellenhof, empfahl zunächst, persönliche Stressauslöser zu erkennen. Diese können beispielsweise Angst vor Ablehnung und Konflikten oder Perfektionismus sein. Hat man diese für sich erkannt, helfe es, Situationen neu zu bewerten, in denen der Stress ausgelöst wird. Das kann unter anderem durch bewussten Ausgleich wie Bewegung oder Entspannungsübungen passieren, aber auch durch das gedankliche „Entkatastrophisieren“ der negativen Gedanken. So könne man sich selbst fragen: Was wäre das Schlimmste, was das Beste, was passieren könnte? Wäre das aktuelle Thema in einem Jahr noch wichtig für mich oder ist es eher eine Kleinigkeit? 

Präventiv kann auch das sogenannte „Stressimpfungstraining“ nach Donald Meichenbaum (US-amerikanischer Psychotherapeut) genutzt werden. Hier wird bereits in nicht-stressigen Phasen geübt, wie in Belastungssituationen gehandelt werden kann. Zu guter Letzt dürfe auch kein „Stress vor dem Stress“ entstehen und dazu führen, dass jegliche Art von Anspannung um jeden Preis vermieden werden soll – „Ein Schiff im Hafen ist sicher, aber dafür wurden Schiffe nicht gebaut“.

Expertenrunde – wie geht die praktische Umsetzung?

In der Expertenrunde drehten sich viele Fragen um die praktische Umsetzung des zuvor Gehörten. Eine Knochendichtemessung könne über Fach- oder Hausarzt angestoßen werden; sie sei jedoch nicht in jedem Fall eine Kassenleistung. Ähnlich gelte dies für Untersuchungen im Schlaflabor, die meist erst nach ambulantem Screening und gesichertem Verdacht übernommen werden. 

Einig waren sich die Experten: Substitutionspräparate wie Vitamine oder Propionsäure sind beliebt, aber auch ein lukratives Geschäft und nicht frei von Risiken. Bei Einnahme solle die Wirkung kritisch und mit ärztlicher Begleitung beobachtet werden. Zudem wurde über die Wirksamkeit von nicht-wissenschaftlich belegten Helfern wie beispielsweise „Goldener Milch“ (Hauptzutaten sind Kurkuma und (pflanzliche) Milch, warm getrunken) oder ähnlichen Rezepten und Hausmitteln gesprochen. Hier gelte: Alles, was nicht schadet, darf genommen werden, wenn sich das gefühlte Wohlbefinden dadurch steigert.

Rückblick und Ausblick auf der Mitgliederversammlung

Auf der 51. ordentlichen Mitgliederversammlung gab Prof. Dr. med. Flachenecker ein Update zum Stand der MS-Forschung: Die McDonald-Diagnosekriterien wurden weiterentwickelt und an neue Erkenntnisse angepasst. Damit können sie eine frühere Diagnose und entsprechend einen früheren Therapiestart ermöglichen, der den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen kann. Zugleich gibt es neue Entwicklungen zu den Verlaufsformen RRMS (Schubförmig remittierende MS), SPMS (Sekundär progrediente MS) und PPMS (Primär progrediente MS), die zunehmend zugunsten der Betrachtung eines Krankheitskontinuums verlassen wird. Hoffnung mache zudem Tolebrutinib, ein BTK-Inhibitor, das im Juni zur Behandlung der nicht-schubförmigen sekundär progredienten Multiple Sklerose (SPMS) in Europa zugelassen wurde und voraussichtlich ab Oktober verfügbar sein soll.

Zudem wurden der Geschäftsbericht 2025 und der Haushaltsplan 2027 vorgestellt, sowie Einblicke in die Entwicklung der Mitglieder-, Besucher- und Social-Media-Zahlen gegeben. Auf Antrag des AMSEL-Vorstands wählte die Mitgliederversammlung Dr. Daniela Späth-Zöllner zur Ehrenvorsitzenden. Für das große Engagement von Ehrenamtlichen, Mitarbeitenden und Partnern bedankte sich der AMSEL-Vorstand herzlich.

AMSEL e.V. dankt der GKV-Gemeinschaftsförderung Baden-Württemberg für die freundliche Unterstützung bei der Durchführung des Thementages sowie der Mitgliederversammlung.