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Mit Depressionen umgehen

Depressionen treten bei MS häufig auf und stellen eine der größten Belastungen für den Erkrankten und seine Angehörigen dar.

Depressionen nehmen in den letzten Jahren gesamtgesellschaftlich enorm zu. Im langjährigen Verlauf einer MS erleiden ca. 40% der Erkrankten eine mittlere bis schwere Depression, noch einmal 30% mehr sind es, wenn man die leichteren Formen der Depression dazu zählt. Depressionen sind seelische Krankheiten und abzugrenzen von depressiven Verstimmungen, die umgangssprachlich häufig ebenfalls als Depression bezeichnet werden. Depressive Verstimmungen bleiben wohl kaum einem Menschen erspart und stellen gelegentliche Tiefs dar, die meist nach einigen Tagen wieder von alleine verschwinden. Eine Depression ist mit erheblichem Leid für die Erkrankten und deren Angehörige verbunden. Es ist deshalb wichtig, über Depressionen, deren Behandlung und Möglichkeiten der Hilfe informiert zu sein.

Ursachen der Depression bei MS

Die Entstehung von Depressionen bei MS wird durch eine Vielzahl von Verlusten, die im Verlauf einer langjährigen MS auftreten können, begünstigt (z.B. Verlust von Körperfunktionen, Arbeitsplatz, Partner/in, Freunden etc.). Insbesondere wenn diese Verluste schnell hintereinander eintreten (z.B. bei schlechtem Verlauf) und die soziale Unterstützung nicht ausreicht, entsteht das Gefühl, dass das Leben außer Kontrolle gerät (siehe Together 2/2005). Wenn dann noch die Möglichkeiten als gering eingeschätzt werden, selbst Einfluss auf den Lauf der Dinge nehmen zu können, sind Gefühle von Hoffnungslosigkeit, Ohnmacht, Sinnlosigkeit und der Verlust des Selbstwertgefühls die Folgen. Depressionen entstehen auf diese Art und Weise als Reaktion auf die vom betreffenden Menschen nicht bewältigbaren Verluste (so genannte reaktive Depression).

Depressionen können aber auch als Nebenwirkungen von Medikamenten auftreten oder in Folge von Wechselwirkungen verschiedener Medikamente untereinander. Bei unvermittelt auftretenden Depressionen sollte deshalb immer ärztlicherseits die Medikation überprüft werden. Depressionen können aber auch in direkter Folge eines MS-Schubes auftreten. Es gibt Hinweise auf die Beteiligung hirnorganischer Faktoren bei der Entstehung dieser Art von Depression (so genannte organische Depression).

Behandlungsmöglichkeiten von Depressionen

Bei fachgerechter Behandlung bestehen gute Heilungsaussichten. Obgleich Depressionen bei MS auch für den erfahrenen Psychiater nicht leicht zu diagnostizieren sind (einige Depressionssymptome sind auch typisch für MS: Ermüdbarkeit, Konzentrationsschwäche, körperliche Beschwerden), so besteht die Behandlung von Depressionen aus folgenden Elementen:

Je schwerer die Depression, umso stärker steht die medikamentöse Behandlung im Vordergrund. Es gibt eine Vielzahl gut wirksamer Antidepressiva, die durch den Facharzt/ärztin für Psychiatrie verordnet werden sollten. Sie wirken häufig erst nach einer Einnahme von 2-3 Wochen, machen nicht abhängig und können deshalb bedenkenlos über einen längeren Zeitraum eingenommen werden, sollten jedoch auf keinen Fall ohne ärztlichen Rat abgesetzt werden. Antidepressiva vermindern das Leiden während einer Depression, machen den depressiven Menschen zugänglich für psychotherapeutische Gespräche, können jedoch eine Depression alleine nicht heilen. Es sollte immer auch eine Psychotherapie erfolgen. Je leichter die Depression, umso mehr sollte sie im Vordergrund stehen, häufig finden medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung parallel statt. Die kognitive Verhaltenstherapie und die interpersonelle Psychotherapie sind in ihrer Wirksamkeit bei Depressionen besonders nachgewiesen. Bei der kognitiven Verhaltenstherapie stehen die Veränderungen der einseitig verzerrten Denkweisen (unrealistische negative Sicht von sich selbst, der Umwelt und der Zukunft) im Vordergrund. Bei der interpersonellen Psychotherapie steht die Hilfe zur Bewältigung interpersoneller Belastungen (gestörte Beziehung, Verluste, soziale Defizite, beeinträchtigtes Rollenverhalten) im Fokus der Behandlung. Ergänzend haben sich Bewegungstherapien und künstlerische Therapien (Musik, Malen) bewährt.

Selbsttötungsgedanken

Suizidgedanken sind ein häufiges Symptom der Depression. Werden sie geäußert, müssen sie als Hilferuf verstanden und ernstgenommen werden – umso mehr, je konkreter sie sind. Zur eigenen Entlastung als Angehörige sollten hier professionelle Helfer, möglichst mit Zustimmung des Erkrankten, eingeschaltet werden. Hintergrund für Selbsttötungsgedanken sind meist tiefgreifende Kränkungen durch Scheitern bezüglich eigener oder fremder Leistungsansprüche, Scheitern in der Rolle als Mann oder Frau und/oder durch „Verlassenwerden“. Der Suizid stellt dann einen Problemlösungsversuch für eine als unerträglich erlebte Lebenssituation dar – jedoch kein wirkliches Sterbenwollen. Als Helfer bitte nicht selbst Lösungen finden, sondern die wichtigste Hilfe für Verzweifelte ist: Zuhören, aufmerksam sein und ernstgenommen werden. Wenn das Thema offen angesprochen wird, sind Betroffene in der Regel dankbar und erleichtert. Spätestens, wenn sich Helfer und Angehörige überfordert oder erpresst fühlen, ist der Zeitpunkt gekommen, Kontakt zu niedergelassenen Psychiatern, Kliniken oder einem Kriseninterventionsdienst aufzunehmen.

Michael Berthold, Dipl. Psychologe

Adressen im Netz:
http://www.kompetenznetz-depression.de/
http://www.suizidprophylaxe.de/
http://www.ak-leben.de/
http://www.psychotherapiesuche.de/
http://www.youth-life-line.de/
http://www.u25-freiburg.de/

Redaktion: AMSEL e.V., 15.08.2005