Mit 30 hatte Ela, die schlimmste Zeit ihres Lebens. Da bekam die junge Mutter nach Sehstörungen und einer halbseitigen Gesichtslähmung die Diagnose MS. Dazu kam, dass die Firma, in der die Alleinerziehende als kaufmännische Ausbilderin beschäftigt war, insolvent ging. Genug Gründe für Weltuntergangsgefühle, könnte man meinen. Doch der Optimismus der Betriebswirtin gewann schnell die Oberhand. Sie wollte ohnehin weniger mit Zahlen, dafür mehr mit Menschen arbeiten, bildete sich fort und arbeitet nun seit sieben Jahren bei einer Einrichtung für junge Menschen mit Förderbedarf, die sie zum IHK-Abschluss „Büromanagement“ führt.
Keine Lust auf Drama
Die Diagnose wurde aber nicht nur beruflich zu einem Wendepunkt ihres Lebens. „2004 bis 2017 hatte ich eine total coole Zeit“, sagt die heute 52-Jährige, „Ich habe erkannt, dass weder die Welt noch mein Leben sich um meine MS scheren. Sterben würde ich an der MS nicht. Also hieß es leben, bewusst und intensiv. Alle meine Wünsche und Träume habe ich umgesetzt. Für den Fall, dass ich das vielleicht eines Tages nicht mehr tun können würde.“ Ferne Länder hat sie bereist, Rad- und Wandertouren gemacht, die wichtigsten Themen auf ihrer „Bucket List“ abgehakt. Bis auf regelmäßige Injektionen und vereinzelte leichtere Schübe fühlte sich Ela von der MS damals kaum beeinträchtigt.
Das änderte sich allerdings 2018. In diesem Jahr hatte sie einen starken Schub, von dem Gangunsicherheit und Fußheberschwäche geblieben sind. Dazu wandelte sich der Verlauf ihrer MS von schubförmig zu progredient.
MS-Symptome wie ihre Spastik, die insbesondere morgens auftritt, bekämpft sie mit den bekannten Muskelrelaxanzien. Ihre Gehfähigkeit unterstützt sie mit Fampridin. Außerdem treibt das Energiebündel Ela so viel Sport wie möglich, zwei bis drei Mal die Woche Fitnesstraining und dazu einmal wöchentlich Physiotherapie.
Die ersten Jahre wusste nur das engste Umfeld der passionierten Freizeitsängerin von ihrer MS. Erst als sich ihre Gehbehinderung nicht mehr verbergen ließ, outete sich Ela. Ihre Ängste, sie würde dann einfach abgeschrieben werden, bewahrheiteten sich nicht – im Gegenteil, die Reaktionen waren durchweg positiv.
Erst Kinderfreundschaft, dann Lebensliebe
Elas Freundschaft mit Buddy begann eigentlich im Schulbus. Im Erwachsenenalter “pausierten” sie allerdings. Beide gingen mit anderen Partnern Beziehungen ein, bekamen mit ihnen Kinder. Eines Tages kreuzten sich ihre Wege wieder, "und es hat Zoom gemacht“, wie im Klaus-Lage-Song. Seit sechs Jahren sind Ela und Buddy nun ein Ehepaar und ihre Patchwork-Familie mit insgesamt vier erwachsenen Kindern versteht sich blendend.
Buddy sieht sich und seine Frau als Einheit. Er sei mit seiner besten Freundin verheiratet. Von Anfang an wusste der Bankangestellte um ihre MS. Für ihn spielt Elas Erkrankung keine Rolle, abgesehen davon, dass er sich auf mögliche Szenarien einstellt, weit bevor diese entstehen. Als Controller fällt ihm das leicht, und Ela schätzt seine vorausschauende Umsicht sehr. Er bewundert im Gegenzug ihre Offenheit, ihr offensives Anpacken, ihren Optimismus und Humor. Tabus gibt es zwischen den beiden nicht. „Machen“ lautet ihre gemeinsame Devise, und „reden“, so ihre Empfehlung an andere MS-Paare. Geht nicht, gibt’s nicht. Wenn Ela stolpert und stürzt, kommt sie entweder selbst wieder hoch oder er hebt sie auf. Dann lachen sie miteinander, und das Thema ist beendet.
Mit Petticoat und Laugabrezel
Kraft und Zuversicht auch bei ungewisser Zukunft schöpft das Paar aus seinem gemeinsamen Glück, dem immer präsenten Gefühl der Einheit. Und natürlich aus seinen Auftritten, wahlweise als Musik-Duo “Buddy und Ela” mit schwäbischen Eigenkreationen oder aber in der Vier-Mann-Band „Ela und die Herzensbrecher“. Der Swing hat es ihnen angetan und sie tragen ihn hinaus in die Welt. Bekannte Schlager aus den 50er- und 60er-Jahren erschallen hier mit schwäbischen Texten, dort im Original.
Wie es dazu kam, dass die beiden gemeinsam auf der Bühne stehen beziehungsweise sitzen? Buddy wollte schon als Kind Schlagersänger werden und hat das auch mehr als 30 Jahre, davon zehn hauptberuflich, umgesetzt, war viel auf kleineren und größeren Bühnen unterwegs. Als seine Kinder zur Welt kamen, wurde er sesshafter, nahm seine Tätigkeit als Bankkaufmann wieder auf. Die Musik wurde zum Hobby mit gelegentlichen Auftritten.
Mit Petticoat und Haartolle
Das war Elas Chance: Nachdem ihr Traumberuf aus der Kindheit, Zirkusartistin, nur ein Traum blieb, wollte sie nun als Sängerin auf die Bühne. Das Duo war geboren. Es folgten erste Erfolge des Duos mit Musikvideos in schwäbischer Mundart. Kleines Rätsel am Rande: Welcher Schlagerrefrain könnte auf schwäbisch denn mit “Kartoffelschnitz' und Spätzle” beginnen? – Auflösung im Link und im Text unten.
Doch beim Duo allein blieb es nicht. Mit Hardy am Bass und Manne am Akkordeon kamen zwei Top-Musiker und Vokalisten hinzu. Die vierstimmige Combo nennt sich „Ela und die Herzenbrecher“, passend zum Repertoire mit Schlagern wie „Schöner fremder Mann“.
2024 feierten „Ela und die Herzensbrecher“ Bühnenpremiere. Ein großer Erfolg mit Petticoat und Haartolle. „Auf der Bühne entfaltet Ela ihre ganze Strahlkraft, reißt ihr Publikum mit ihrer glockenklaren Stimme mit“, berichtet Buddy stolz. Und das, obwohl sie im Sitzen singt, er sie auf dem Weg zu ihrem Sitzplatz auf der Bühne zur Sicherheit stützen muss oder sie an schlechteren Tagen auch im Rollstuhl zum Mikrofon fährt.
Am Welt-MS-Tag 2026 werden Buddy und Ela am Infostand der AMSEL-Ehrenamtlichen auf der Stuttgarter Königstraße die Passanten zum Swingen und Mitsingen bringen, außerdem abends bei der Veranstaltung mit Vorträgen das musikalische Rahmenprogramm liefern. Zudem starten Ela und ihre Herzensbrecher anlässlich des Welt-MS-Tages eine Straßenmusik-Tour durchs Ländle, frei nach dem Motto „Multiple Sklerose: Jetzt erst recht!“
Quelle: together 02.26.
Redaktion: AMSEL e.V., 11.05.2026



