Feuer im Kopf

Mit einem Hauptpreisträger, zwei Nachwuchspreisträgern und insgesamt erstmals 120.000 € Preisgeld schlug der Sobek-Forschungspreis 2018 seine eigenen Rekorde als europaweit höchstdotierter MS-Forschungspreis. Mit Bildergalerie.

Da kam schon besonders feierliche Stimmung auf angesichts so vieler hochkarätiger Preisträger beim Sobek-Forschungspreis 2018. Zum zweiten Mal bereits verlieh die Sobek-Stiftung in Zusammenarbeit mit AMSEL und DMSG-Bundesverband den Preis in der Musikhochschule Stuttgart. "Wir hätten den Preisträgern noch ewig gebannt lauschen können," fasste Gernot Kaes, Vorstandsvorsitzender der Sobek-Stiftung, die Stimmung nach zweieinhalb erkenntnisreichen Stunden zusammen.

Der Sobek-Forschungspreis, dotiert mit 100.000 €, ging dieses Jahr vor rund 200 Gästen in der Stuttgarter Musikhochschule an Prof. Dr. med. Josep Dalmau für seine grundlagenbildende Forschungstätigkeit auf dem Gebiet der autoimmunen Enzephalitiden. Ministerialdirektor Ulrich Steinbach hielt die Laudatio auf den katalanischen Neurologen. Professor Dr. med. Klaus V. Toyka sprach als Laudator für die beiden Nachwuchspreisträger Prof. Dr. med. Aiden Haghikia und Prof. Dr. med. Nicholas Schwab, die jeweils 10.000 € Preisgeld für ihre Forschung erhielten.

Vier Dinge benötige ein Forscher, zitierte Prof. Jost Goller, Kuratoriumsvositzender der Roman, Marga und Mareille Sobek-Stiftung in seiner Begrüßung den Medizin-Nobelpreisträger von 1937 Albert von Szent-Györgyi: Erstens einen Kopf zum Denken, zweitens Augen um zu sehen, drittens Geräte um zu messen und viertens - Geld. Für letzteres wolle die Sobek-Stiftung auch 2018 mit Sorge tragen." Die Arbeiten der diesjährigen Preisträger Dalmau, Haghikia und Schwab bedeuteten für weltweit 2,5 Millionen Menschen Lebensqualität, ergänzte Porf. Dr. med. Horst Wiethölter, Vorsitzender der AMSEL, in seinem Grußwort.

Feuer im Kopf

Prof. Dr. med. Josep Dalmau erforscht zwar nicht direkt die Multiple Sklerose. Die Forschungsergebnisse des Katalanen zu autoimmunen Hirnentzündungen lieferten jedoch wertvolle Erkenntnisse auch für die MS als eine von vielen "Enzephalitiden"; sie sind von "großer und unmittelbarer Relevanz für die MS als entzündliche Hirnerkrankung," wie Ministerialdirektor Ulrich Steinbach - der Sobek-Forschungspreis steht unter der Schirmherrschaft des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Baden-Württemberg  - in seiner Laudatio auf Dalmau hervorhob. Insgesamt entdeckte der spanische Biologe und Mediziner zehn von heute 16 bekannten Hirnentzündungen.

Besonders die Entdeckung der Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis machte Dalmaus Forschung über die Medizinwelt hinaus bekannt. Hier greifen körpereigene Antikörper die Rezeptoren an den Synapsen an. Eine geheilte Patientin beschrieb die wirklich schreckliche Krankheit in ihrer Autobiografie „Brain on Fire“, die später unter dem gleichen Titel (deutsch "Feuer im Kopf") verfilmt wurde. In seinem Vortrag zeigte Dalmau anschaulich und anhand von authentischen Patientenvideos, was diese Hirnentzündung mit einem Menschen, in aller Regel junge Frauen und Mädchen, macht: Man sieht zuckende Leiber mit weit geöffneten Augen. Diesen Anfällen vorraus gehen oft psychische Symptome wie Angst, Wahn und Halluzinationen.

Innerhalb weniger Wochen können die Patienten oft nicht mehr selbstständig schlucken, sprechen, atmen. Herzrhythmusstörungen kommen hinzu. Man glaubt es kaum, wenn man die Videos der gleichen Protagonisten wenige Wochen und Monate später sieht. Denn die Krankheit ist, rechtzeitig erkannt, mit Medikamenten inzwischen heilbar. Da sie jedoch psychische Symptome zeigt, wird und wurde sie oft mit einem rein psychischen Leiden verwechselt.

Die Multiple Sklerose zu heilen – dahin ist es noch ein langer Weg, aber es gibt „Wegmarken, die in die richtige Richtung weisen und der Sobek-Forschungspreis trägt dazu bei“, wie Ministerialrat Steinbach vor dem gebannt lauschenden Publikum in der Musikhochschule betonte. Nach 25 Jahren in den USA ist Dalmau, heute 64, wieder in Spanien als Neuroimmunologe und Onkologe tätig.

Biomarker für PML

Prof. Dr. rer. nat. Nicholas Schwabs Erkenntnisse können helfen, das Nutzen-Risiko-Verhältnis von Natalizumab für den einzelnen Patienten genauer einzuschätzen. Er entdeckte, so Laudator Prof. Klaus V. Toyka, Eiweißmoleküle im Blut, die vielleicht einen Risikomarker für die befürchtete schwere und mitunter tödliche Nebenwirkung PML liefern.

Schwab, 37 und derzeit in Münster tätig, zeigte nicht nur anhand von Schaubildern die Aussagekraft des neuen Biomarkers, sondern führte mit der Geschichte von Natalizumab auch vor Augen, wie die Entwicklung dieses Wirkstoffs großen Einfluss auf alle immunologischen Wirkstoffentwicklungen von heute genommen hat. Zehn Jahre dauerte es von der Entdeckung des Stoffes bis zu den ersten Studien, dann ging alles ganz schnell: Noch vor der Phase-3-Studie wurde Natalizumab wegen seines hohen Wirkungsgrades zugelassen. Danach erst kamen die PML-Fälle und der Hersteller nahm Natalizumab vom Markt. Wenige Jahre später wurde es jedoch wieder zugelassen. Wichtigste Aufgabe heute: das PML-Risiko zu verringern.

Das "richtige" Fett

Bei Prof. Dr. med. Aiden Haghikia hob Professor Toyka, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Sobek-Stiftung dessen translationale klinische Forschung hervor. Fragestellungen aus der Klinik übertrage Haghikia auf das wissenschaftliche Modell. Und hier findet er Antworten. Zu ca. 70 % sein Umweltfaktoren an der Multiplen Sklerose schuld. Vergleichsuntersuchungen aus Skandinaviens Küste mit dem Landesinneren lieferten einen Hinweis auf Fette als Ursache für MS. Die Frage sei jedoch gewesen: welches Fett?

Es zeigte sich: Je mehr regulatorische Zellen gebildet werden, desto kürzer sind die Fettsäuren. So stießen Haghikia und sein Team auf die Propionsäure. Tatsächlich haben Menschen mit MS hier eine Mangelerscheinung. Addiert man Propionsäure – in Kombination mit den gewohnten Immuntherapien – erhöhen sich die regulatorischen T-Zellen. Ein positiver Effekt zeige sich auch bei der Hirnatrophie. „Merk' ich was davon?" würden die Patienten den 38-jährigen fragen. Und heute könne er antworten: „Ja.“ tatsächlich habe Propionsäure ergänzend zur Immuntherapie positive Auswirkungen auf den Verlauf. Die Wirkung von Propionat sei zwar nicht besonders spezifisch, aber möglicherweise helfe sie an mehreren Stellen. Weitere Studien sollen dies zeigen.

Big Data und Multiple Sklerose

Big Data hat längst seinen Platz gefunden in der MS-Forschung. Prof. Dr. med. Bernhard Hemmer erhielt für seine Forschungen 2013 den Sobek-Forschungspreis und es ist gute Tradition bei der Preisverleihung, dass die Preisträger von fünf Jahren zuvor berichten, wie sie das Preisgeld eingesetzt haben, welche Erkenntnisse sie gewinnen konnten. Auf die Frage „Was lernen wir durch Datenintegration und Big Data-Ansätze über die Multiple Sklerose?“ konnte Professor Hemmer viele Antworten liefern. Eine Erkenntnis ist die, dass bis 2040 rund ein Drittel mehr MS-Erkrankte in Deutschland leben werden als heute. Die Zahl der neu Erkrankten wird etwa gleich bleiben, jedoch wird es mehr ältere MS-Patienten geben.

Auch hinsichtlich möglicher Vorboten einer Multiplen Sklerose lieferten die Daten Ergebnisse. So kam es im Vorfeld, also in den fünf Jahren vor der Diagnose, bei MS-Patienten häufiger zu Depressionen, Bandscheibenvorfällen, Angststörungen, Schwindel, Sehstörungen und Pfeifferschem Drüsenfieber. Weniger häufig waren im Vorfeld hingegen Impfungen und Infektionen der Atemwege.

Für kurze, luftig-musikalische Abwechslung zwischen den Vorträgen sorgte das Molique-Streichqartett mit zwei Allegretti von Mozart und einem Andantino von Verdi.

Redaktion: AMSEL e.V., 26.11.2018