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| MS-Porträts

„Der Weg zurück zu mir selbst“

Elena bekam mit 16 Jahren die Diagnose Multiple Sklerose. Eine Diagnose, die ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt hat. Doch statt zu resignieren, hat die lebensbejahende Frau nicht aufgegeben, sondern versucht, die Krankheit für sich anzunehmen und sich auf das zu konzentrieren, was ihr guttut. So fand die 32-Jährige auch den Weg zum Yoga, das seit über 15 Jahren ein zentraler Bestandteil ihres Lebens geworden ist. Durch Yoga hat Elena zurück zu sich selbst gefunden, ist achtsamer geworden.

Achtsamer sich selbst, ihrem Körper und der Umwelt gegenüber. Sie ist überzeugt: „Mit Yoga ist es mir möglich geworden, mich in jeder körperlichen Verfassung ohne Leistungsdruck zu bewegen, meinem Körper, aber vor allem auch meinem Geist, etwas Gutes zu tun.“ 

Elena arbeitet bei einem großen  Energieunternehmen in Karlsruhe im Bereich Gremienorganisation, dort organisiert sie alles rund um Aufsichtsrats- und Vorstandssitzungen von der Agenda bis zum Catering. Das ist weit weg von dem, was sie einst mal werden wollte: Tanzlehrerin. Schon früh hatte sie ihrem Tanzlehrer in seiner Tanzschule assistiert, liebte das Tanzen. Doch mit 16 bekam sie die Diagnose MS. Da beschloss sie, dass ihr Traumberuf Traum bleiben musste. Als Pragmatikerin orientierte sie sich um, bewarb sich gezielt bei großen Unternehmen, die anders als kleinere eine Bandbreite an Integrationsmöglichkeiten bieten können. Bei ihrem heutigen Arbeitgeber bekam sie einen Ausbildungsplatz zur Kauffrau für Bürokommunikation. 

Von karriereorientiert zu „wohlfühlorientiert“

Dass ihre Rechnung aufging, zeigte sich spätestens 2016 nach einem schweren Schub, der die damals 23-Jährige acht Monate außer Gefecht setzte. Ihr Arbeitgeber kam mit dem Vorschlag auf sie zu, vorübergehend in Teilzeit zu arbeiten, bis sie sich wieder fit für einen Vollzeitjob fühlen würde. Anfangs hatte sie sich noch sehr über ihren Job definiert, oft auf die Zähne gebissen und sich ins Büro gequält. Heute ist ihr die Arbeit immer noch wichtig, aber sie ist selbstbewusster im Umgang mit ihrer Krankheit geworden und weniger karriereorientiert, dafür eher „wohlfühlorientiert“.

Elenas Lieblingsort ist ihr Zuhause, ihre gewohnte Wohlfühlumgebung. Das Wohlgefühl teilt sie gerne mit ihrem Partner und seinen beiden Kindern aus einer früheren Verbindung. Neben ihren Eltern sind sie ihre Familie, in der sie sich geborgen fühlt. Ausgewogene Ernährung trägt ebenfalls zu ihrem körperlichen wie psychischen Wohlbefinden bei. Ihr Partner nennt Elena augenzwinkernd auch seinen „Gesundheitsapostel“, denn sie achtet bewusst auf gesundes Essen mit viel Gemüse und Fisch statt Fleisch. Alkohol sieht sie als Nervengift, sie genehmigt sich nur ab und zu ein Gläschen, weil das für sie zum Wohlfühlen manchmal dazugehört.

Schneller erwachsen durch die MS

Ihre wichtigste Verbündete bei der MS ist ihre Mutter, die tragischerweise kurz nach ihrer Tochter selbst die Diagnose MS bekommen hat. Beide vermuten, dass Stress und Kummer durch Elenas Diagnose bei ihr einen Schub auslösten und die wahrscheinlich latent vorhandene MS erst richtig in Gang setzten. Mutter und Tochter sind sich nun Berater auf Augenhöhe, die gemeinsame Krankheit hat sie noch mehr zusammengeschweißt. 

„Die MS hat mir zwar die Unbeschwertheit genommen, aber sie hat mich schlagartig erwachsen werden lassen“, resümiert die unverbesserliche Optimistin. Ihr Wahlspruch: „Das Glas ist immer halbvoll.“  Eine bewundernswerte Einstellung, bedenkt man Elenas Symptome: 

Infolge einer Sehnerventzündung schielt die junge Frau – extrem störend in der Kommmunikation, denn für das Gegenüber kann es sehr irritierend sein, wenn ein normaler Blickkontakt nicht möglich ist. Außerdem kann sie seitdem auch nicht mehr räumlich in 3D sehen, was alltägliche Dinge, bspw. das Einschenken von Flüssigkeit in ein Glas, schon zu einer Herausforderung machen kann. Elena ging von Anfang an offen mit ihrer Krankheit um und thematisiert auch das Thema Schielen (Strabismus) im Gespräch offensiv.

Mit 16 kamen Sensibilitätsprobleme im Rumpf hinzu, Kribbeln am ganzen Körper, der sogenannte MS-Hug, bei dem sich der Betroffene unerträglich fest umarmt fühlt, wie im „Schwitz-kasten“, sowie Gangprobleme. Einen Behandlungsversuch mit Natalizumab brach Elena in Absprache mit ihrem Neurologen wegen zu starker Nebenwirkungen ab und setzt seither auf alternative Methoden. Für sie persönlich ist das im Augenblick der richtige Weg, denn seit gut zwei Jahren ist sie schubfrei, fühlt sich stabiler denn je.

Die Yogamatte immer dabei

Ihre tägliche Yoga-Praxis sieht sie als weiteren therapeutischen Baustein für ihr Wohlbefinden. Mit 17 Jahren kam Elena über eine Freundin zum Yoga, das einen Wendepunkt in ihr Leben mit MS brachte, so ihre Überzeugung. Zunächst besuchte sie Kurse, seit der Corona-Zeit übt sie allein zu Hause. Heute beginnt jeder Tag für sie mit einer Yoga-Einheit, oft endet er auch damit. Je nach Tagesform können die Einheiten anstrengend bis schweißtreibend mit dem anspruchsvollen Ashtanga-Yoga oder auch entspannend und meditativ mit Hatha- oder Yin-Yoga ausfallen. Das Training von Gleichgewicht und Koordination, der Tiefenmuskulatur und der Körperwahrnehmung insgesamt stehen im Mittelpunkt. 

Elena hat gelernt, auf ihren Körper zu hören und ihm das zu geben, was er braucht, und das ohne Leistungsdruck. Der Einklang von Atmung und Bewegung bringe sie zur Fokussierung auf sich selbst im Jetzt und zur Entschleunigung nach einem anstrengenden Arbeitstag. Worauf sie im Leben niemals verzichten könnte? Klare Antwort: „Auf meine Familie, meinen Partner und die Yogamatte, die ist überall dabei.“

Fokussieren auf das, was guttut. Die Yogini ist von der positiven Wirkung der Asanas (Yoga-Positionen) auf ihre MS überzeugt. Dass der Körper auf seinem Trainingslevel gehalten wird und Bewegungssequenzen automatisiert ablaufen, mache es auch nach einem Schub leichter, wieder zurück in die Bewegung zu kommen. Und was ist nun mit dem Tanzen? Elena hat sich aufs Zuschauen verlegt, genießt gerne Ballettaufführungen junger Choreografen. Das gute Körpergefühl, das sie durch das eigene Tanzen in früheren Jahren entwickelt hat, kommt ihr heute auch beim Yoga zugute. Ihre Empfehlung an Neudiagnostizierte: „Lass dich nicht unterkriegen, es gibt immer einen Weg. Finde den Weg, der für dich passt, und leg den Fokus auf das, was dir guttut im Leben.“ 

Nur zu gern möchte sie Beispiel und Inspiration sein und die Öffentlichkeit besonders für die unsichtbaren Symptome und ihre Auswirkungen auf das tägliche Leben sensibilisieren. Grund genug für sie, in der Kampagne zum Welt-MS-Tag 2025 „1.000 Gesicht und Deins“ ihr Gesicht und ihre Geschichte zu teilen.

Quelle: together 3.25