„Wir alle sind die AMSEL“, bringt es Moderatorin Petra Klein gleich zum Auftakt der 32. Preisverleihung der AMSEL Stiftung Ursula Späth am 21. November auf den Punkt. Und Dr. Daniela Späth-Zöllner, Tochter der Namensgeberin und Vorsitzende des Stiftungsrats, betont, wie beeindruckend und unersetzlich das herausragende Engagement der Preisträger für MS-Betroffene und für die Arbeit der AMSEL ist. Denn MS-Erkrankte brauchen nicht nur optimale medizinische Behandlung, sondern auch das "Wir" im Großen wie im Kleinen, in allen Lebensbereichen.
“Team Andreas”
Nicht Krankheit, sondern Liebe und Verbundenheit bestimmen das Leben von Andreas und Yvonne Brückner. Yvonne durfte den Pflegepreis 2025 der Stiftung aus den Händen von Gordana Marsic, Mitglied des Vorstands der AOK Baden-Württemberg, entgegennehmen. Menschen wie Yvonne nenne man bei der AOK „stille Alltagshelden“, so die Laudatorin. Mit ihrer schier unerschöpflichen Energie umsorgt Yvonne ihren schwerst betroffenen Ehemann seit fast 30 Jahren.
Die MS-Diagnose hatte Andreas 1998 bekommen, die Krankheit schritt rasant voran. Heute ist Andreas von den Schultern an gelähmt, benutzt einen Elektrorollstuhl, den er mit dem Kopf steuert wie auch seinen Computer, mit dem der Produktdesigner bis heute Alltagsgegenstände gestaltet. Mit dem renommierten Red Dot Design Award wurde jüngst seine Wanduhr „Clock in the Box“ prämiert (amsel.de hatte berichtet: “Spitzendesign mit Hindernissen: Andreas”).
Ohne Yvonne wäre das alles nicht denkbar. Eine private Pflegekraft unterstützt sie an den Vormittagen und ermöglicht es ihr so, auch weiterhin als Grundschullehrerin zu arbeiten. Den Rest des Pflegealltags mit Andreas stemmt sie selbst. Ohne eine Vielzahl an technischen Hilfsmitteln und ohne Yvonnes Hingabe und ihre lebensbejahende Tatkraft wäre das nicht zu schaffen. Ohne die Unterstützung ihrer drei erwachsenen Kinder und ihres Freundeskreises noch weniger, wie sie in ihren Dankesworten betont. „Das Team Andreas ist an der Krankheit gewachsen“, so ihre Worte.
Und: Gemeinsam hat das Paar es geschafft, zwischen „Pflegestatus“ und „Paarzeit“ zu unterscheiden, ein hart erarbeitetes, aber großes Geschenk. Mit ihrer Stärke, Hingabe und ihrem Optimismus sei sie nicht nur ein Segen für ihren Mann, so die Laudatorin, sondern eine Mutmacherin für andere pflegende Angehörige und damit zurecht Trägerin des mit 1.500 Euro dotierten Pflegepreises.
„Schön, aber nicht geschönt“
Mehr Einsatz ginge fast nicht, stellte Dr. Daniela Späth-Zöllner fest, die den mit ebenfalls 1.500 Euro dotierten Medienpreis 2025 dem AMSEL-Fotografen Martin Stollberg verlieh. Er liefert seit fast zwei Jahrzehnten hochprofessionelle und emotionale Fotos, überschreitet, wenn nötig, auch die eigene Komfortzone. Für Unterwasseraufnahmen zum Thema Aquasport tauchte er samt Kamera unter. Zum Thema Klettern mit MS erklomm er die Boulder-Wand bis zur Decke hinauf, für Aufnahmen aus der Vogelperspektive.
Das Besondere an seiner Arbeit: Seine Bilder erzählen Geschichten, sie geben der MS ein Gesicht, bauen eine Brücke zwischen der Lebenswirklichkeit von Menschen mit MS, den Besonderheiten der Krankheit, der Arbeit der AMSEL und der Öffentlichkeit. Sie transportieren Normalität, berühren, sensibilisieren, wecken Verständnis, fördern die Integration und wiederum das "Wir". Mit dem Blick für die optimale Nähe und dem Gespür für den richtigen Zeitpunkt lässt Martin Stollberg „schöne, aber nicht geschönte, authentische, nicht mit Models gestellte, großartige Bilder mit viel Aussagekraft entstehen“, so die Laudatorin.
Eine weitere Gemeinsamkeit: Wie bei der AMSEL stehe auch bei ihrem “Hausfotografen” der Mensch im Mittelpunkt allen Handelns. Die Dynamik zwischen ihm und den Menschen, die er fotografiert, fasziniert ihn. Er hat die Gabe, den Menschen die Kamerascheu zu nehmen, geht mit Geduld und Einfühlungsvermögen auf sie ein. Die Arbeit mit und für Menschen mit MS sei Teil seines Lebens geworden, wie er selbst sagt. Das alles spüren seine „Motive“ und das spürt der Betrachter. Mit seinen Bildern und ihrer besonderen Strahlkraft leistet Martin Stollberg einen unschätzbaren Beitrag für die Öffentlichkeitsarbeit der AMSEL.
„MS = Mehr Selbstvertrauen”
Mit dem Ursula Späth Preis 2025, dotiert mit 5.000 Euro, würdigte die AMSEL Stiftung einen Experten, der Medizin, Wissenschaft und Menschlichkeit mit seinem faszinierenden Charme und feinen Humor auf sehr warmherzige Art verbindet. „Sie haben MS eine Sprache gegeben, die verstanden wird, und MS-Erkrankten Perspektiven, die Hoffnung machen“, fasste Laudator Stefan Teufel MdL, stv. Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion Baden-Württemberg und Mitglied im Stiftungsrat der AMSEL Stiftung, die Lebensleistung von Prof. Dr. med. Jürg Kesselring zusammen: Kesselring – ein Brückenbauer, Pionier und Menschenfreund.
Den Schweizer Neurologen und die AMSEL verbindet seit über drei Jahrzehnten eine fruchtbare, freundschaftliche Zusammenarbeit. Ein wichtiger Aspekt von vielen: auch seine Beratung bei der Gründung des neurologischen Rehabilitationszentrums Quellenhof in Bad Wildbad. Die Rehaklinik Valens, deren Chefarzt Prof. Kesselring von 1988 bis 2017 war, wurde zum Modell für den Quellenhof. Kesselring war schon lange bevor das Thema in den wissenschaftlichen Diskurs gelangte, von der Neuroplastizität des Gehirns überzeugt, von der Fähigkeit unseres Denkapparates, sich selbst zu reorganisieren, wenn etwas schiefläuft, wie eben bei der MS. Und diese Fähigkeit gilt es zu trainieren. Mit geeigneten Rehamaßnahmen in der Klinik und gleichermaßen im täglichen Leben. Mit der Gründung der Rehaklinik Valens wurde er zum Pionier auf dem Gebiet der (Neuro)Rehabilitation.
Kesselrings Devise: „Mach, was du kannst, wo du bist, so gut du es kannst“. MS stehe für ihn für „Mehr Selbstvertrauen“. Und dazu motiviert er Patienten in der Klinik wie Publikum bei Vorträgen gleichermaßen. Weiterer Kernpunkt seiner Philosophie, die den Menschen als Ganzes sieht und ihn nicht auf seine Krankheit reduziert: „Bewahre dir deinen pubertären Trotz“, will heißen: Fokussiere dich auf das, was noch geht. Der MS zum Trotz. Ein Perspektivwechsel, der schon viele MS-Erkrankte geprägt und ihnen eine höhere Lebensqualität geschenkt hat. Seine Dankesrede war ein schöner Beweis seines mitreißenden Charmes. Einmütige Begeisterung bei den Festgästen.
Das Preisgeld in Höhe von 5.000 Euro hat der Preisträger vollumfänglich dem Schweizerischen MS-Register zukommen lassen, ein gemeinschaftliches Forschungsprojekt von MS-Betroffenen und Forschenden, das im Besten Sinne des “Wir” der MS eine gemeinsame Stimme gibt, hilft, Forschung und Betroffene zusammenzubringen, beide Seiten stärkt.
In seinem Schlusswort dankte Adam Michel, Vorsitzender der AMSEL Stiftung Ursula Späth, allen Beteiligten und lobte die sensible Musikauswahl des Jazz-Trios Südsoul sowie die herzliche Moderation von Petra Klein, die das "Wir" als Leitmotiv des Festakts vorgab.
Dieses "Wir" zog sich durch alle Beiträge von der Anmoderation bis zum Schlusswort. Alle Redner waren sich einig: Das "Wir" macht die Einschränkungen durch Multiple Sklerose bei Betroffenen wie auch ihren Angehörigen sehr viel erträglicher.
Redaktion: AMSEL e.V., 26.11.2025





