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Bleib unterwegs - Porträt eines jungen MS-Betroffenen

Christian hat seit 30 Jahren Multiple Sklerose. Noch vor 10 Jahren stand er mitten im Berufsleben als Lehrer, bis die Einschränkungen überhand nahmen und ihn zur Rente zwangen. Heute lebt er im Generationenhaus in Stuttgart. Er ist angekommen, aber noch immer unterwegs. (together 03.2018)

Ein Schwabe aus Kiel

HCV sind nicht nur die Initialen des 48-Jährigen, so lautet auch der Spitzname, den ihm seine Schüler einst gaben und der bei seinen Freunden bis heute gebräuchlich ist. HCV wurde bei den Schülern zu einem echten Markennamen: hochmotiviert, charismatisch und versiert. Sie schätzten ihn als Lehrer für die Fächer Mathematik, Gemeinschaftskunde, Physik und Technik. Geboren wurde Hans-Christian, wie er mit vollständigen Namen heißt, 1970 in Kiel, wo seine Familie die ersten Lebensjahre ansässig war. Nach der Versetzung des Vaters ins Schwabenland zogen sie nach Stetten auf die Fildern und nach Wolfschlugen, wo seine Eltern ein Haus bauten. Die Art, wie sie ihr Leben gemeistert haben und immer zu ihm standen, macht ihn stolz. Neben seinen Eltern, die ihn hauptsächlich geprägt haben, waren es auch seine eigenen Lehrer, die ihm Vorbild bei seiner Berufswahl waren.

Studiert hat Christian in Ludwigsburg, Kiel und Flensburg. Nach dem Studium verlegte er seinen Lebensmittelpunkt wieder in den hohen Norden, hatte Lehraufträge an verschiedenen Grund-, Haupt-, Real- und Berufsschulen in Flensburg, Niebüll (Nordfriesland), Westerland auf Sylt und Neuffen. Unterwegs war er eigentlich ständig. Jetzt ist Christian wieder im Süden angekommen: Seit einem Jahr lebt er im Generationenhaus in Stuttgart-Heslach, umtriebig wie eh und je.

Erste Vorboten

1988 verspürte der junge Mann ein Kribbeln im linken Bein, das rechte wurde plötzlich schwächer. Mit dem linken Auge konnte er für einige Zeit nicht mehr sehen. Ob das im Zusammenhang mit einer Verletzung stand oder erste Anzeichen der im gleichen Jahr diagnostizierten MS waren? Mehrere Klinikaufenthalte in Nürtingen, Stuttgart, Tübingen und Berg-Kempfenhausen bestätigten die MS des damals gerade 18-Jährigen. Für die Familie brach mit dieser Gewissheit erstmal eine Welt zusammen.

Christian, ganz „Fels in der Brandung“, arrangierte sich aber ziemlich schnell mit seiner Krankheit. Vor allem auch der Rückhalt seiner Familie und die AMSEL stärkten ihn auf seinem Weg. Der MS hat er sein Lebensmotto zu verdanken: „Bloß nicht aufgeben, weitermachen!“ Nach dem erfolgreichen Studium kam der berufliche Erfolg. Parallel dazu Reisen nach London, Rom, Paris, Afrika oder zum Tauchen ans Rote Meer. Damals konnte der aufgeweckte Mann noch gehen und wollte seine Grenzen austesten.

Christian hat eine schubförmig progrediente Verlaufsform der MS. Sie äußert sich bei ihm mit Sensibilitätsstörungen, Schwäche in den Beinen und Koordinationsproblemen. Anfangs ließ er sich alle drei Monate mit Kortisonspritzen behandeln. Vor etwa einem Jahr bekam er zuletzt stationär Infusionen. Seither ist Ruhe. Und die „Kieler Sprotte“, wie er sich selbst bezeichnet, hat sich gegen weitere medikamentöse Therapien entschieden. So kommt er selber am besten mit seiner Krankheit klar. Ob sich seine Lebenseinstellung verändert hat? „Nö“, lautet seine kurze Antwort, „klarer“ sei sie geworden. „Niemals aufgeben“ wurde ergänzt durch „jetzt will ich’s erst recht wissen“. Die Krankheit lasse sich nicht ändern, gehöre zu ihm wie mittlerweile auch der Rollstuhl. Angst vor der Zukunft habe er keine. Dass er immer versucht, das Beste aus allem zu machen, bewundert seine sechs Jahre jüngere Schwester sehr an ihm.

Kraftquellen

Der Glaube an Gott ist Christian ein wichtiger Kraftquell. Er nimmt jede Woche am Gottesdienst in der Heslacher Matthäus-Kirche teil. Mit seinem Elektro-Rolli ist er dort bestens bekannt und fühlt sich in der Gemeinde sehr gut aufgehoben. Woraus er noch Kraft schöpft? Aus seinen Erfolgen! Als der Film „Titanic“ beispielsweise in die Kinos kam, baute er mit seinen Neuffener Schülern das Schiff samt Eisberg im Modellmaßstab nach. Diese Kulisse stand im Physiksaal der Schule. Mit leuchtenden Augen berichtet der frühere Pädagoge vom Besuch des Sparkassendirektors, der begeistert davon, die Szenerie direkt in seinen Räumen ausstellen ließ – und gleich noch einen Vortrag von ihm orderte.

Als Lehrer stand Christian immer vorne in der ersten Reihe, war der Macher. Heute muss er sich manchmal selbst ausbremsen, sein Aktionsradius ist kleiner geworden. Er liebt es, von Menschen umgeben zu sein und sich weiterhin aktiv mit vielen Ideen und Anregungen in die Gemeinschaft einzubringen, jetzt im Generationenhaus, nur nicht mehr an vorderster Front.

Der Alltag

Die Nähe zu Familie und alten Freunden hat Christian letzten Endes dazu bewogen, vom hohen Norden wieder zurück in den „wilden Süden“ zu ziehen. Das Zusammenleben im Generationenhaus sei ohnehin alternativlos, in Norddeutschland gebe es keine vergleichbare Wohnform. Bereut hat er seinen Entschluss bisher nicht. Er fühlt sich wohl in seinem neuen Umfeld. Er schätzt den Service des betreuten Wohnens, das Pflegeangebot des Hauses mit eigenen Ergo- und Physiotherapeuten und das Veranstaltungsangebot mit regelmäßigen Fachvorträgen, Filmvorführungen, Kochkursen und Gesprächskreisen. Und wenn gerade kein Programm geboten ist – ein „Klön-Schnack“ (Platt für „Schwätzle“) geht immer, an Kontaktfreude mangelt es ihm nicht.

Pädagogisch ist er übrigens immer noch tätig. Als ehrenamtlicher Trainer gibt er jungen Leuten mit Migrationshintergrund, hauptsächlich Flüchtlingen aus Syrien, Deutsch- und Englischkurse, um sie auf die Sprachprüfungen ihrer Integrationskurse vorzubereiten. Anderen gibt er Matheunterricht, um sie beim Hauptschulabschluss zu unterstützen. Und er hält sich so natürlich auch selbst kognitiv fit. Wie es dazu kam? Es ergab sich zufällig ein Gespräch in der Cafeteria des Generationenhauses zwischen ihm und einer Gruppe junger Leute mit ihren Betreuern. Seither hat er wieder einen „Lehrauftrag“. Die „Trainings“, wie er lieber sagt statt „Nachhilfe“, finden meist in der Cafeteria im Eingangsbereich oder direkt in seinem Zimmer statt.

Die Highlights

„Bombastisch!“, so bezeichnet der lebensfrohe Mann die diesjährigen Ausfahrten des Generationenhauses. Bei der Oldtimerausfahrt hatte er das Glück, in einer Citroën DS mitfahren zu können, die den James-Bond- Fan in seine Jugendjahre zurückversetzt hat. Bei der Motorradausfahrt hatte er zunächst Bedenken, erinnerte sich an gefährliche Fahrten ohne Helm in jungen Jahren. Aber eine Mitbewohnerin des Hauses, die mittlerweile eine gute Freundin von ihm geworden ist, hatte ihn zu diesem Abenteuer überredet. Am Ende wich die Aufregung einem breiten Siegerlächeln.

Überhaupt hat Christian in seinem Kopf ein Engelchen und ein Teufelchen sitzen: Das Engelchen flüstert ihm zu: „Los, pack’s an, du schaffst es, nachlassen kommt nicht in Frage.“ Das Teufelchen hält dagegen und plagt ihn mit Zaudern und Selbstzweifeln. Nach einigem Hin und Her behält meist jedoch das Engelchen die Oberhand. Dass er im Sternzeichen Widder geboren ist, hilft dem Engelchen im Zweifelsfall auf die Sprünge. Davon ist das Nordlicht überzeugt.

Sein nächstes Projekt: Mit seiner Freundin – beide im Rollstuhl – mit der Zahnradbahn nach Degerloch und dann auf den Fernsehturm. Eine logistische Herausforderung, wie er sagt. Doch nur wer unterwegs bleibt, bleibt nicht stehen, so seine Überzeugung.

Quelle: together, 03.2018

Redaktion: AMSEL e.V., 01.11.2018