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"Steck' den Sand nicht in den Kopf": Antonia

Mit einem strahlenden Lächeln schenkte Antonia der AMSEL-­Kampagne zum Welt­-MS­-Tag 2025 ein Gesicht, ihr Gesicht. Antonias Lebens­motto: „Heiter weiter!“ Ihre MS: deutlich sichtbar.

Und auch als Grundschullehrerin steht sie in vorderster Reihe in der Öffentlichkeit. Die Aufgabe, zu informieren und Verständnis zu wecken für MS-­Betroffene, betrachtet sie als erweiterten „Lehrauftrag“ und ihren persönlichen Beitrag an die Gesell­schaft. Ihr Wunsch: eine inklusive Gemeinschaft. 

 

Musik in der DNA

Antonia (36), Kosename Toni, wuchs in Schwäbisch Gmünd mit drei Brüdern in einer Lehrerfamilie auf. Ihr Vater war Musiklehrer, der Weg der Kinder war damit vorgezeichnet: Jedes Kind lernte mindestens ein Instrument, Antonia selbst Flöte und Klavier, zu Hause wurde Kammermusik gespielt. Mit etwa 18 Jahren suchte Toni musikalisch ihren eigenen Weg und begann, eigene Lieder zu texten und zu komponieren. Heute tritt sie mit ihrem Vater und einem der Brüder ab und zu in Lokalen auf. Ihr Repertoire: einige Cover-Songs, aber hauptsächlich ihre eigenen Kompositionen im Singer-Songwriter-Stil. Ihre Songs sind ein Spiegel ihres Lebens, sie thematisieren ihre MS, aber nicht nur. Alltagserlebnisse, Hochzeiten, ein Fußballwochenende oder ihr marodes Fahrrad, das sie aufgrund der MS nicht mehr nutzen kann, dienen ihr als Inspirationsquelle.

Antonias Leben: ein ständiges (Um)lernen und Lehren

In ihrer Jugend wollte Toni Schauspielerin werden, hatte sich nach dem Abitur schon an mehreren Schauspielschulen beworben, vorgesprochen und bereits eine Zusage erhalten. Aber ab der 12. Klasse zeigten sich erste MS-Symptome: Gangunsicherheit, motorische Störungen beim Schreiben und Klavierspielen, zunehmende Artikulationsprobleme. Die Diagnose ließ nicht lange auf sich warten, eine Kortisonstoßtherapie brachte die damaligen Symptome zum Abklingen. Das Leben der 18-Jährigen ging weiter, sie machte sich erstmal keine großen Sorgen, auch ihre Familie machte kein Drama aus der Diagnose. Beruflich orientierte sie sich trotzdem neu, nach einem Sprachaufenthalt in Südfrankreich studierte Toni an der Universität Landau Lehramt mit den Fächern Deutsch und dem Wahlfach Musik. 

Heute unterrichtet die Wahl-Pfälzerin in einer Grundschule in der Region eine 4. Klasse und ist überzeugt, dass sie damals die richtige Entscheidung getroffen hat. Ihr Beruf und das Unterrichten von Kindern sind ihr Leben. Vor allem auch ihr musikalisches Talent kann sie damit verbinden, denn neben dem regulären Unterricht bietet das Energiebündel nachmittags zwei Arbeitsgemeinschaften an: Ukulele und Chorgesang. Ihr Anspruch: den Kindern spielerisch die Freude am Lernen zu vermitteln und, dass man sich aufgrund der MS zwar im Schneckentempo durchs Leben bewegt, aber trotzdem zum Ziel kommt – (fast) wie jeder andere auch. 

Als „Feuerwehrlehrerin“ war sie nach dem Examen ein Jahr lang an verschiedenen Orten im Einsatz. Nach zwei weiteren Lehrproben vor ihrer Rektorin wurde sie auf Lebenszeit verbeamtet – und dies bei einem Behinderungsgrad von 70. Vor allem das Gehen und die Mobilität sind bei der 36-Jährigen heute stark eingeschränkt.

„Transparenz ist alles“

Anfangs hatte Antonia große Probleme, sich zu outen, sie wollte dazugehören und auf keinen Fall einen Sonderstatus haben. Heute sagt sie selbstbewusst: „Ich bin Toni mit MS, ohne MS gibt’s Toni nicht (mehr)“, die MS gehört so selbstverständlich zu ihr wie ihre Gehstöcke, und sie möchte samt ihrer Krankheit als normal wahrgenommen werden. Ihre Scham hat sie abgelegt, sieht in ihrer Krankheit eine Chance und den gesellschaftlichen Auftrag, die Sensibilisierung für Menschen mit Beeinträchtigungen und die Inklusion zu fördern: nicht nur von Schülern mit Einschränkungen, sondern umgekehrt von ihr als Lehrerin mit Handicap als „best practice“ mit Beispielcharakter. 

Da es sicher nicht viele Lehrer in vergleichbarer Situation gibt, sieht sie hier ihr persönliches Alleinstellungsmerkmal. Vor Eltern und Schülern legt die Pädagogin die Karten auf den Tisch, sagt und zeigt deutlich und kindgerecht, was sie kann und was nicht, und erlebt breite Akzeptanz und Unterstützung. Für die Kinder sei es normal, dass ihre Lehrerin mit Gehstöcken unterwegs ist. „Transparenz ist alles“, so ihre Erfahrung. 
Eines hat sich Antonia allerdings aus früheren Zeiten bewahrt: Sie bereitet sich gründlich vor, kommt etwas zeitiger zu Veranstaltungen, ist meist einen Schritt voraus. Damit niemand auf die Idee kommt, sie bräuchte eine Sonderbehandlung oder gar einen Extra-Bonus. Einziges Zugeständnis, das sie zulässt: Ihr Klassenzimmer liegt in der Nähe des Lehrerzimmers und der Toiletten. Als ärgerliche Grenzüberschreitung im Alltag empfindet sie aber beispielsweise ungefragte, spontane Ratschläge von Unbekannten. Da muss die freundliche, zugewandte Lehrerin sehr an sich halten, um die Grenzen nicht allzu unwirsch aufzuzeigen.

MS als „Hausaufgabe“

Die MS sieht Antonia als ihre persönliche „Hausaufgabe“: Mit Baclofen und Fampridin hat sie ihre Spastik und Gleichgewichtsstörungen gut im Griff. Auch mit einer ketogenen Ernährung, Nahrungsergänzungsmitteln und Vitamin D hat sie bislang gute Erfahrungen gemacht. Antonia hat mittlerweile einen sekundär progredienten MS-Verlauf, seit 2021 stagniert die MS aber, neue Entzündungsherde sind seither im MRT nicht aufgetreten. Körperlich aktiv hält sich die Musikerin durch Schwimmen, eine sportbetonte Physiotherapie und neuerdings durch Klettern in einer inklusiven Gruppe mit Teilnehmern mit unterschiedlichen Einschränkungen, in der sie sich sehr wohlfühlt, weil dort Inklusion im besten Sinne gelebt wird.

Ihre großen Vorbilder sind die ebenfalls MS-betroffene Cellistin Jacqueline du Pré und die Malerin Frida Kahlo, die mit gebrochener Wirbelsäule im Bett liegend beeindruckende Gemälde schuf. Beides sehr starke und inspirierende Persönlichkeiten. So lautet denn auch Tonis Botschaft an Neudiagnostizierte: „Sage Ja zu deiner MS, finde zu dir, finde deinen eigenen Weg und vor allem: Vergiss das Leben nicht!“ Oder ebenso treffend wie keck in einem ihrer Lieder ausgedrückt: „Steck den Sand nicht in den Kopf!“

Alle neun Mitwirkenden der AMSEL-Kampagne zum Welt-MS-Tag 2025 „1.000 Gesichter und Deins: Leben mit Multipler Sklerose“ stellen sich und das, was sie alle so einzigartig macht, hier vor.

Quelle: together 2.25

Redaktion: AMSEL e.V., 12.11.2025