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Handy statt Blindenstock ?

Das Karlsruher Institut für Technologie möchte Smartphones so für Blinde und Sehbehinderte präparieren, dass sie sich auf Fußwegen und an Straßenkreuzungen sicher bewegen können. Sehstörungen gehören bei Multipler Sklerose oft zu den ersten Symptomen.

So ein Smartphone hat seinen Namen nicht von ungefähr: Mit den entsprechenden Apps ausgestattet, kann unser Handy heute gute von Dioxin-belasteten Eiern unterscheiden, als Höhenmesser dienen, passende Rezepte zu einem Produkt im Supermarktregal finden und, und, und.

Manche Funktion ist Spielerei, andere Funktionen bieten dagegen einen echten Service, gerade auch für behinderte Menschen. AMSEL und DMSG Bundesverband zum Beispiel haben das MS-Tagebuch als App entwickelt. Damit lassen sich Symptome zuordnen und erfassen und im Gespräch mit dem Neurologen einfach wieder abrufen.

Karlsruher Forscher entwickeln nun ein Programm für Smartphones, das den Blindenstock ersetzen soll. Gefahren erkennen, per Sprachmodul wie auch per Vibration warnen und leiten - das ist der Ansatz der Techniker.

Bei Multipler Sklerose führen Sehstörungen zum Glück selten zu Blindheit. Unterwegs ist eine Sehhilfe allerdings bei manchen Patienten nötig.

Google Faculty Research Award ging nach Karlsruhe

 

 

So sehen MS-Betroffene mit Gesichtsfeldausfall das Taxi.

Für blinde und sehbehinderte Menschen ist die Bewegung an fremden Orten ein großes Problem. Dabei ist der Blindenstock bis heute das gängigste Werkzeug zur Orientierung. Das Projekt "A Mobility and Navigational Aid for Visually Impaired Persons" will sehgeschädigten Menschen durch computerunterstütztes Sehen helfen, neue Umgebungen zu erkunden. Für die Entwicklung dieses Systems erhält die Forschungsgruppe von Professor Rainer Stiefelhagen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) den mit 83.000 US-Dollar dotierten "Google Faculty Research Award".

Das System soll mit einer Kamera und einem mobilen Computer oder einem Smartphone Hindernisse erkennen, in Echtzeit auswerten und dem Benutzer übermitteln. Dabei soll die Kamera nicht nur die Hindernisse identifizieren, sondern beispielsweise auch Ampelzeichen erfassen oder den Weg zum Eingang eines Gebäudes ermitteln können. Der mobile Computer soll diese Informationen dann mit Hilfe akustischer und haptischer Signale, wie Sprache, Warntönen oder Vibration, übermitteln.

An die konkreten Bedürfnisse der Benutzer angepasst

Ziel ist es, diese Technik später über eine Software-Lösung für Smartphones zu verwirklichen, da diese weit verbreitet und für blinde Nutzer gut bedienbar sind. So beinhalten gängige Betriebssysteme für Smartphones bereits Vorlesesoftware, mit deren Hilfe der Bildschirminhalt via Sprachausgabe vorgelesen werden kann und die Bedienung des Touchscreens mittels spezieller Gesten für blinde Benutzer möglich wird. Zudem verfügen die Geräte über immer höhere Rechenleistung.

Mittelfristig sollen erste Prototypen entstehen, die sehgeschädigte Personen zunächst auf dem Campus des KIT testen werden, bevor das System auf weitere Orte ausgeweitet wird. Möglich macht dies eine enge Kooperation mit dem Studienzentrum für Sehgeschädigte (SZS) am KIT, das sehgeschädigte Studierende am KIT während ihres Studiums unterstützt und an neuen technischen Lösungen zur Unterstützung blinder und sehbehinderter Menschen forscht.

"Unser System soll sich schon in der Entwicklungsphase an die konkreten Bedürfnisse der späteren Benutzer anpassen", erklärt Professor Rainer Stiefelhagen, Inhaber des Lehrstuhls "Informatiksysteme für sehgeschädigte Studierende", der sowohl Leiter des Studienzentrums für Sehgeschädigte als auch einer Forschungsgruppe zum Thema "Computer Vision for Human-Computer Interaction" ist.

KIT - eine der größten Forschungs- und Lehreinrichtungen Europas

Der "Google Faculty Research Award" wird weltweit an ausgewählte universitäre Forschungsprojekte aus der Informatik, den Ingenieurwissenschaften und verwandten Bereichen vergeben und soll die universitäre Forschung sowie den Austausch mit den Universitäten unterstützen. Der Preis ist mit 83.000 US-Dollar dotiert und fördert einen Nachwuchswissenschaftler des Förderprojekts über ein Jahr.

Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts nach den Gesetzen des Landes Baden-Württemberg. Es nimmt sowohl die Mission einer Universität als auch die Mission eines nationalen Forschungszentrums in der Helmholtz-Gemeinschaft wahr. Thematische Schwerpunkte der Forschung sind Energie, natürliche und gebaute Umwelt sowie Gesellschaft und Technik, von fundamentalen Fragen bis zur Anwendung. Mit rund 9000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, darunter knapp 6000 in Wissenschaft und Lehre, sowie 24 000 Studierenden ist das KIT eine der größten Forschungs- und Lehreinrichtungen Europas. Das KIT verfolgt seine Aufgaben im Wissensdreieck Forschung – Lehre – Innovation.

Quelle: Pressemitteilung des Karlsruher Institutes für Technologie, 02.09.2013

Redaktion: AMSEL e.V., 09.09.2013