Wann ist ein Schub ein Schub?

Je früher man einen Schub behandelt, umso wahrscheinlicher ist eine rasche und vollständige Besserung, so Prof. Ingo Kleiter hier im Multiple Sklerose-Expertenchat:

Patricia Fleischmann: Liebe AMSEL-Chatter, heute geht es hier im Rahmen des AMSEL-Dienstags um Schübe bei Multipler Sklerose. Dazu begrüße ich - zum 1. Mal im MS-Chat - recht herzlich Prof. Ingo Kleiter! Wir freuen uns auf Ihre Fragen😀

Prof. Ingo Kleiter: Liebe Patientinnen und Patienten, liebe Online-Chatter, ich möchte Sie herzlich von der Marianne-Strauß-Klinik am Starnberger See begrüßen. Ich bin heute zum ersten Mal beim AMSEL-Chat dabei und freue mich auf Ihre Fragen und eine rege Diskussion.

Steffi L.: Guten Abend!ich habe einige Fragen betreffend Unterschied zwischen Cortison als Tabletten und Infusion.
Ist die Wirksamkeit gleich?
Ist die Verträglichkeit der Tabletten genaus so gut oder schlecht ist wie bei den Infusionen, vorallem wenn wie bei mir neben der MS noch eine Morbus Crohn Erkrankung besteht?
Im Krankenhaus habe ich bei den Infusionen zusätzlich Heparin gespritzt. Ist das bei den Tabletten auch notwenig zumal ich auch noch eine Blutgerinnungsstörung (Faktor V Typ Leiden) habe?
Prof. Ingo Kleiter: Liebe Steffi L., vielen Dank für die erste Frage, die gleich ein wichtiges Thema betrifft. Meist wird die Kortisonstoßtherapie als Infusion durchgeführt, aber auch eine Tablettentherapie ist möglich. Da eine relativ hohe Dosis für die Stoßtherapie verwendet wird (500-1000 mg Methylprednisolon), müssen allerdings viele Tabletten geschluckt werden, die größte Tablettendosis ist 50 mg. Die Wirkung ist prinzipiell gleich, dazu gibt es Studien. Auch die Begleitmedikation, also z.B.Heparin ist gleich. Die Verträglichkeit kann oral, also als Tablette am Magen etwas schlechter sein. Ich würde in ihrer Konstellation eher i.v. bevorzugen.

Kati_81: Sehr geehrter Prof. Dr. Kleiter, könnten Sie bitte allgemein etwas dazu sagen, ab wann man von einem Schub spricht? Hatte früher mal gelernt, dass ein Schub immer neue Symptome betrifft, die länger als 24 h anhalten. Nun habe ich gehört, dass ein Schub auch bestehen kann, wenn Symptome aus einem früheren Schub wieder auftreten nachdem diese bereits weg waren. Was ist richtig? Wie unterscheide ich dies von z. B. Aufflackern alter Symptome aufgrund Infekt, Hitze oder Streß? Herzlichen Dank
Prof. Ingo Kleiter: Guten Abend Kati 81, auch eine wichtige Frage. Was Sie sagen ist richtig, die Schubdefinition lautet: jede neue oder wieder aufgetretene neurologische Symptomatik, die mindestens 24h anhält und nicht durch eine andere Ursache (z.B. Fieber oder Infekt) erklärbar ist. Außerdem muss ein Abstand von 30 Tagen zum letzten Schub bestehen, sonst spricht weiter von einem (prolongiertem) Schub.

Prof. Ingo Kleiter: So, kämpfe noch etwas mit dem System um die Antworten zu den richtigen Fragen zu bekommen, aber das wird...

Violetta: Sehr geehrter Prof. Kleiter! Gibt es auch die Möglichkeit einen Schub mit anderem Cortison, als Prednisolon zu behandeln?
Prof. Ingo Kleiter: ja, natürlich. Am häufigsten werden Methylprednisolon und Prednisolon eingesetzt, aber auch andere Präparate wie Dexamethason sind möglich.

Keoma: Hallo Herr Professor,
Prof. Ingo Kleiter: Hallo, haben Sie eine Frage?

Blacksister: Guten Abend, wie kann eine Cortison Stosstherapie mit Diabetes II sicher durchgeführt werden ? Welche Alternativen gibt es?
Prof. Ingo Kleiter: Guten Abend Blacksister, bei manchen Begleiterkrankungen wie beispielsweise Diabetes, Thromboseneigung oder ähnlichem müssen besondere Vorsichtsmaßnahmen bei der Steroidtherapie eingehalten werden, beispielsweise bei Diabetes regelmäßge Bestimmungen des Blutzuckers und ggf. eine prophylaktische Therapie mit Metformin oder Insulin (nach einem sog. Insulinschema). Bei anderen Erkrankungen wie z.B. Infektionen oder Magenulkus kann unter Umständen eine Kortisontherapie auch kontraindiziert sein.

Martin: Guten Abend Herr Prof.Kleiter, gibt es ein Zeitfenster in dem man Kortison geben kann, oder macht eine Behandlung nach x-Monaten keinen Sinn mehr? (Sehbehinderung bestehen noch)
Prof. Ingo Kleiter: Guten Abend Martin, auch eine wichtige Frage. Es kommt darauf an. Wenn es um die Behandlung eines akuten Schubs geht, sollte die Kortisontherapie so rasch wie möglich begonnen werden, da generell gilt: je früher die Schubtherapie gestartet wird, umso wahrscheinlicher ist eine rasche und vollständige Besserung. Es kann aber auch noch einige Wochen nach einem Schub sinnvoll sein bei ausbleibender Besserung eine Schubtherapie zu machen. Als Grenze wird im Allgemeinen eine Zeit von 12 Wochen genannt. Gelegentlich wird Kortison aber auch bei chronischer Verschlechterung unabhängig von Schüben gegeben, dann gelten diese Zeitfenster nicht.

Patricia Fleischmann: Liebe Chatter, für den Fall, dass Sie sich gern mit andern Chatteilnehmern austauschen wollen, besuchen Sie doch einfach die "PLauderecke" und stellen dort Ihre Fragen an Mit-Betroffene.

Patricia Fleischmann: @alle: Bei der Suche nach einer MS-spezialisierten Klinik oder Praxis kann das DMSG-Zertifikat helfen. Hier der Link dahin: www.amsel.de/service/kliniken/anerkannte-regionale-ms-zentren/

Frau G. aus K.: Guten Abend Herr Dr. Kleiter! Zunächst vielen Dank für Ihre Zeit! Zu mir: Vor ca. 4 Wochen wurde ich im Alter von 38 Jahren mit schubförmiger MS diagnostiziert und nach einer 5x1000mg Prednisolon Stoßtherapie entlassen.
Im Nachgang stellen sich mir nun folgende Fragen:
1) Gibt es Hilfen einen Schub besser erkennen zu können? Ich habe nun wirklich Sorge, dass ich zum Hypochonder werde und mir bei jedem Kribbeln gleich den Kopf zerbreche.
2) Durch welche Untersuchungen kann ein Schub medizinisch festgestellt werden? Ist es immer "nur" ein MRT Wirbelsäule mit Kontrastmittel, oder gibt es auch andere Möglichkeiten?
3) Kann eine Schubfeststellung auf Entfernung funktionieren? Die nächste Facharztpraxis meiner Wahl befindet sich 100km von meinem Wohnort entfernt. Könnte zum Beispiel Diagnostik auch vor Ort in einem MVZ gemacht werden?
4) Muss/Sollte kontrolliert werden, ob eine evtl. Stoßtherapie geholfen hat, wenn ja: wann? Konkretes Beispiel: Ich wurde vor 3 Wochen aus dem KH entlassen nach 5x1000mg M-Prednisolon. Erst ging es besser, viele Symptome waren entweder rückläufig oder gänzlich weg. Jetzt kommen einige Symptome leicht zurück. Heißt das, dass es nicht geholfen hat und sollte man dann nochmal zum Arzt oder ist das normal? Macht eine Abschlussuntersuchung Sinn?
5) Was macht Ihrer Meinung nach eine kompetente MS-Praxis aus? Ich habe mit meiner Erkrankung noch keine besonderen Erfahrungen und könnte ein paar Hinweise gebrauchen, die mir zeigen, ob ich gut bei dem Facharzt meiner Wahl aufgehoben bin.
Vielen Herzlichen Dank für die Beantwortung!
Prof. Ingo Kleiter: Guten Abend Frau G.
Viele Fragen, ich versuche sie der Reihe nach zu beantworten. Falls Ihnen noch etwas unklar ist, bitte nachhaken. Das gilt natürlich auch für allen anderen!
1) Prinzipiell kann jedes neue Symptom, das mindestens 24h anhält (oder innerhalb von 24h immer wieder kommt wie beispielsweise einschießende Schmerzen) ein MS-bedingter Schub sein. Sie sollten sich trotzdem nicht "verrückt machen". Bei bestehender MS sind nämlich Fluktuationen oder Verschlechterungen von bestehenden Symptomen, v.a. bei Hitze, Infektionen oder Stress, auch häufig. Dies wird dann "Pseudoschub" genannt. Die Unterscheidung kann entweder ein Neurologie, siehe 2., oder auch ein erfahrener MS-Patient selbst treffen.
2) Die klassische Untersuchung hierzu sind die Anamnese (Befragung des Patienten) und die neurologische Untersuchung, und NICHT die MRT. Als Neurologe kann ich einen Schub ohne MRT diagnostizieren, dieses brauche ich nur wenn ich mir nicht sicher bin. Allerdings wird dennoch häufig ein MRT gemacht, dazu später mehr.
3)Nein, dazu müssen Sie zum Neurologen/zur Neurologin
4)Ja, das wäre sehr sinnvoll, insbesondere um zu überprüfen ob ggf. die Therapie wiederholt oder eskaliert, also verstärkt werden muss.
5) das DMSG-Zertifikat und natürlich, dass Sie sich gut aufgehoben fühlen. Vertrauen ist wichtig!

Patricia Fleischmann: @alle: Unter MS behandeln, der AMSEL-Infoplattform, beschäftigt sich ein ganzes Kapitel mit der Schubtherapie. Inklusive zweier Animationen zu Kortisonschubtherapie und Plasmapherese: https://www.amsel.de/service/kliniken/anerkannte-regionale-ms-zentren/

Keoma: Ich habe immer Schübe, die ich ignoriere, um dann von meiner Neurologin eine Rüge zu bekommen, weil ich spät komme. Woran erkenne ich einen Schub?
Prof. Ingo Kleiter: Die Rüge kommt aus Sicht der Neurologin zurecht, da sie sich Sorgen um Sie macht. Je früher die Schubtherapie begonnen wird, umso erfolgreicher kann sie sein. Woran man einen Schub erkennt, hatte ich bereits beantwortet.

DS: Guten Abend Herr Prof. Kleiter,
kann ein Schub durch eine Hormonumstellung ausgelöst werden?
Beispielsweise wenn die Pille abgesetzt wird oder die Menopause beginnt?
Prof. Ingo Kleiter: Guten Abend DS,

Prof. Ingo Kleiter: Ja, das ist möglich. Grund ist die Hormonabhängigkeit von einigen Prozessen im Immunsystem, was auch der Grund für die Alters- (Jungendzeit bis Menopause) und Geschlechtshäufung (W>M) bei etlichen Autoimmunerkrankungen, wie z.B. der schubförmigen MS, ist

Frau G. aus K.: Vielen herzlichen Dank! Ihre Antworten haben mir sehr geholfen!!
Patricia Fleischmann: Sehr gern geschehen.

Erdschnake: Hallo Prof Kleiter! Ich habe vor ca fünf Wochen einen Schub gehabt, nach vier Jahren schubfrei, evtl durch eine Zahn OP und Antibiotika Gabe getriggert. Leider habe ich mich dann mit Corona infiziert. Nach dem Abklingen der Corona Symptome (milder Verlauf) nach ca sechs Tagen, kamen die Schub Symptome wieder zurück. Mein Neurologe ist der Meinung, es handele sich nicht um einen Schub, sondern eher das aufflackern des vorherigen Schubs aus Anfang Februar. Cortison ist ja eher nicht so sinnvoll nach dem Infekt, aber ist es möglich, das es kein Schub ist sondern "nur" das aufflackern der Symptome? Und würde in so einem Fall generell Cortison was bringen? Die Symptome sind rückläufig, aber noch vorhanden seit ca einer Woche. Vielen Dank schon Mal für Ihre Mühe und Zeit.
Prof. Ingo Kleiter: Hallo Erdschnake,
das ist in Ihrem Fall nicht so einfach zu sagen. Hier wäre tatsächlich eine MRT-Untersuchung inkl. KM-Gabe sinnvoll, um unterscheiden zu können, ob es sich um ein "Wiederaufflackern" oder um eine neue entzündliche Aktivität im Gehirn oder Rückenmark handelt. Eine Coronainfektion kann ein Auslöser für Schübe sein. Falls ein Schub gesichert ist, kann und sollte dieser behandelt werden. Cortison ist nach Abklingen von Infektionen, notfalls auch unter "Antibiotikaschutz" möglich.
Und: die Antibiotikagabe ist kein plausibler Auslöser des Schubs, wohl aber eine mögliche Infektion im Rahmen der Zahn-Op.

Violetta: Ich hatte 2 Monate extreme Schmerzen in der linken Hüfte und Leiste und konnte nicht mehr auf mein linkes Bein auftreten. Nach einigen Spritzen (Triam) und MRT`s von Hüfte und LWS, kam ein Knochenmarködem am Schenkelhals heraus - kann es sein, dass dieses Ödem irgendwie mit MS zusammenhängt?
Prof. Ingo Kleiter: Guten Abend Violetta,
ein Knochenmarksödem gehört nicht zu MS. Indirekt kann es aber doch mit MS zusammenhängen, insbesondere mit einer häufigen oder lang-anhaltenden Steroidtherapie. Auch eine dauerhafte Fehlbelastung wäre eine mögliche Ursache.

Tina: Guten Abend, ich habe meine MS-Diagnose letztes Jahr im Juni erhalten, nachdem ich fast 4 Monate mit Schwindelattacken und zuletzt starken Verspannungen im Nacken/Rücken bis in Kopf (+ "Nebel") bzw. linkes Bein immer wieder zu kämpfen hatte. Vor der Diagnose war der Schwindel fast vorbei, dann kamen Kribbelbeine hinzu und das linke Bein konnte ich zwar bewegen, aber teils unter Kraftanstrengung (Treppensteigen). Eine akute Entzündung im Gehirn lag nicht vor (aber ein alter Herd), eine leichte im Rückenmark. Eine vergangene Sehnerventzündung wurde ebenfalls nachgewiesen, die ich aber gar nicht sehr bemerkt hatte. Eine Schubtherapie (3Tage) erfolgte dann umgehend mit Besserung, aber nicht vollständig. Symptome flammen immer mal wieder auf. Im September dann eine erneute stärkere Sehnerventzündung mit Schubtherapie (5 Tage), die meinem Körper ganz schön zusetzte. Nun die Fragen ;-) : Kann ein Schub in den nächsten übergehen oder gibt es zeitliche Mindestabstände? Waren dies dann theoretisch 3 Schübe nacheinander? Und wann soll man Cortison ausschleichen, wenn der Körper danach schlapp macht? Und die letzte Frage: je schneller bei einem Schub mit Cortison behandelt wird, umso erfolgreicher? Ich bin mir einfach unsicher und versuche, das Ganze irgendwie zu verstehen... Danke für Ihre Antwort
Prof. Ingo Kleiter: Guten Abend Tina,
ich denke, einige der Fragen wurden bereits beantwortet, daher nur kurz: alles innerhalb von 30 Tagen ist EIN Schub, Schübe können ineinander übergehen, insbesondere wenn keine ausreichende Schubtherapie durchgeführt wurde, je früher Kortison begonnen wird, umso wahrscheinlicher eine komplette Erholung.
Jetzt zu neuen Aspekten: die MS-Behandlung beruht auf 3 Säulen, der Schubtherapie, der prophylaktischen Immuntherapie und der symptomatischen Therapie. Alle 3 Säulen müssen beachtet werden (und noch Einiges mehr) um MS erfolgreich zu behandeln. Will heißen: wenn so viele Schübe wie bei Ihnen auftreten, sollte unbedingt eine Prophylaxe betrieben werden, hierzu gibt es mittlerweile 20 verschiedene Medikamente. Auch sollten bestehende Symptome behandelt werden (dies würde einen eigenen Chat-Abend füllen). Schließlich ist es so, dass auch die Schubtherapie so gewählt werden muss, dass keine erheblichen Symptome bestehen bleiben oder "ein Schub in den nächsten übergeht". Neben verschiedenen Kortisonschemata kommen hier weitere Therapien wie Blutwäsche in Betracht.

Erdschnake: Vielen Dank für Ihre Antwort auf meine Frage, eine Rückfrage bzw Ergänzung habe ich noch, bei den Symptomen momentan und auch denen im Februar handelt es sich um dieselben, wie vor Jahren bei meinem Schub, der mir die MS Diagnose gebracht hat, ändert das etwas an Ihren Ausführungen?
Prof. Ingo Kleiter: Gerne. Ja, das macht schon einen Unterschied, da Symptome von älteren Schüben bei Infektionen, Fieber, o.ä. wieder "aufflackern" können. Dann spricht man nicht vom Schub, sondern vom "Pseudoschub". Dieser wird nicht mit Kortison behandelt. Eine sichere Unterscheidung kann ich für Ihren Fall hier im Chat nicht treffen, eine MRT könnte wie gesagt helfen...

Frau G. aus K.: Vielen herzlichen Dank! Ihre Antworten haben mir sehr geholfen!!
Prof. Ingo Kleiter: sehr gerne, freut mich 🙂

Violetta: Im letzten Jahr hatte ich komische Symptome, wie Schwindel, Tinnitus, Hörstürze, Schmerzen in der rechten Hand und im Arm - soll ich damit zum Neurologen gehen? Corona hat mich sehr viel aussitzen lassen und jetzt ich bin seit dem Knochenmarködem sehr verunsichert.
Prof. Ingo Kleiter: hm, das sind zunächst einmal alles keine typischen Symptome für MS-Schübe. Ich kann jedoch nicht ausschließen, dass diese zumindest teilweise mit MS, insbesondere mit stattgehabten/früheren Schüben oder einer chronischen Verschlechterung bei MS zusammenhängen. Wenn Sie sich unsicher sind, sollten sie den Neurologen/die Neurologin Ihres Vertrauens aufsuchen. In der Tat haben nicht wenige MS-Patienten während der Coronapandemie und der damit zusammenhängenden Isolation neue Symptome entwickelt und diese "verschleppt", es ist zu einer Verschlechterung der Erkrankung gekommen. Ein großes Problem, dessen Auswirkungen wir so langsam in den Klinken und Praxen zu sehen bekommen...

Erdschnake: Vielen Dank für Ihre Antwort,Sie haben mir sehr geholfen!
Prof. Ingo Kleiter: Sehr gerne geschehen.

DS: Ich habe aktuell einen Schub die Augen betreffend (innerhalb von 20 Jahren der 6.).
Bisher war es immer eine Sehnerventzündung die sich nach einer Cortisonstoßtherapie zurückbildete.
Dieses Mal äußertes es sich so, dass das linke Auge die Nase anschielt und „festzustecken“ schien. Dadurch alles doppelt gesehen. Der Tag davor war mir schwindelig. Diese Form ist mir unbekannt. Ist das auch ein Schub oder eventuell ein HWS-Syndrom?
Ich bekam 5 x 1000 mg Urbason i. V. Nach bereits einer Woche war eine Besserung spürbar, kein Doppelsehen.
Wenn sich dann alles wieder rückgebildet hat ist dann ein MRT noch erforderlich?
Prof. Ingo Kleiter: Guten Abend DS,
Ihr neues Symptom ist keine Sehnerv-Entzündung, sondern bedingt durch eine Lähmung von Augenmuskeln, vermutlich eine sogenannte Abduzensparese. Diese wird durch einen Herd im Hirnstamm verursacht. Das ist ziemlich klar ein Schubsymptom, hat nichts mit einem HWS-Syndrom zu tun. Die Kortisontherapie war also richtig, das Doppeltsehen hat sich hierunter ja auch zurückentwickelt.

Nun zu dem Punkt den ich vorher machen wollte:
eine MRT ist in ihrem Fall nicht mehr notwendig um den Schub zu "beweisen". Dies gelang durch die Anamnese, neurologische Untersuchung und das therapeutische Ansprechen auf Kortison.
Dennoch kann es sinnvoll sein, nun eine MRT zu machen.
Warum?
Dies hängt mit der prophylaktischen Immuntherapie zusammen. Ich gehe davon aus, dass Sie eine Immuntherapie nach 5 Schüben hatten, zumindest wäre diese sehr sinnvoll. Um nun zu entscheiden, ob nach einem Schub ein Wechsel der Immuntherapie zu einem stärken bzw. besser geeigneten Medikament angezeigt ist, können die MRT-Ergebnisse (wie viele neue Herde? Aussehen der Herde? usw.) als weiteres Entscheidungsmerkmal herangezogen werden.

Patricia Fleischmann: Liebe Chatter, nur noch 15 Minuten verbleiben. Zeit, noch eine letzte Frage zu stellen.

Laura: Hallo an alle! Meine Fragen:Was ist der Unterschied zwischen Cortison als Tabletten und Infusion? Mein Neurologe empfiehlt seit 4 Jahren, lieber Tabletten zu nehmen, da ihre Wirkung laut Studien gleich sei, aber einfacher in der Anwendung.
Wohin wende ich mich, wenn mein Neurologe gerade keinen Termin vergeben kann?
Prof. Ingo Kleiter: Hallo Laura,
einfacher ist es nur für den Neurologen, da er sich die Infusion in der Praxis spart. Standardvorgehen und etwas besser verträglich, siehe Antwort oben, ist die Infusion. Wenn Ihr Neurologe gerade keinen Termin hat, kann eine Steroidtherapie entweder bei einem anderen Neurologen, gelegentlich auch beim Hausarzt (dann aber Indikationsstellung beim Neurologen) oder in einer Klinikambulanz durchgeführt werden

Kati_81: Liebes Amsel-Team, zunächst herzlichen Dank für das Angebot des Expertenchat. Bin heute zum ersten mal auf der neuen Benutzeroberfläche mit dabei und ehrlich gesagt finde ich es keine Verbesserung.
Die Abbildung von Fragen, Antworten ist nicht so komfortabel wie zuvor. Sicher auch gewöhnungssache. Persönlich fand ich das altes System einfacher nachzuverfolgen. Nur kleines Feedback von mir.
Patricia Fleischmann: Liebe Kati_81, danke für diesen wichtigen Hinweis. Wir arbeiten daran, das Tool noch komfortabler zu machen. Die alte Software zu wechseln, war leider angezeigt. Setzen Sie sich doch gern direkt mit der Onlineredaktion in Verbindung, was genau Ihnen die Übersicht nimmt.

Karl: Guten Abend, bei NMO soll Plasmapherese oft besser helfen als bei MS. Können Sie etwas zur Ursache sagen?
Prof. Ingo Kleiter: Guten Abend Karl,
dies ist richtig. Die Plasmapherese ist ein komplementäres Verfahren zur Steroidtherapie. Hochdosis-Steroide führen im wesentlichen zu einem Absterben bzw. Funktionsverlust von bestimmten Immunzellen. Die Blutwäsche, hierzu zählt auch die Plasmapherese, wird verwendet um lösliche Bestandteile aus dem Blutplasma zu filtrieren, die Immunzellen bleiben hiervon im Wesentlichen unbeeinträchtigt. Gelegentlich sind beide Verfahren notwendig, um einen MS- (oder NMO-) Schub erfolgreich behandeln zu können.
Warum wirkt die Plasmapherese bei der NMO besser?
Weil die Erkrankung durch einen löslichen Bestandteil im Blutplasma, sogenannte Aquaporin-4-Antikörper, ausgelöst wird. Diese werden durch die Plasmapherse spezifisch entfernt.

Kati_81: Auch von mir vielen herzlichen Dank für Ihre Arbeit und Zeit. 👍️👍️👍️
Prof. Ingo Kleiter: Sehr gern geschehen, Kati_81!

Violetta: Ist es richtig, dass es eine neue Labor-Methode zur Verlaufskontrolle gibt?
Prof. Ingo Kleiter: hierauf gibt es eine einfache ... und sehr viele komplizierte Antworten.
Die einfache Antwort lautet NEIN, es gibt aktuell noch keinen in der klinischen Routine anwendbaren Laborwert der allgemein bei MS den Verlauf und das Ansprechen auf Therapien anzeigt.
Die ausführliche Antwort wäre sehr lang, denn natürlich wird daran von vielen Forschern gearbeitet und es gibt zahlreiche interessante Kandidaten, z.B. NfL, die irgendwann hierfür infrage kommen. Auch gibt es Laborwerte die bei einzelnen Therapien zur Verlaufskontrolle angewendete werden, ein Beispiel wäre der JCV-Index bei Tysabri.

DS: Ich bin nach reichlicher Überlegung mit viel Informationsmaterial (unter anderem Reha und AHB) bis dato ohne medikamentöse Therapie. Was für ein Medikament würden Sie im Fall einer wiederkehrenden Sehnerventzündung bzw. Lähmung des Augenmuskels empfehlen?
Prof. Ingo Kleiter: Diese kann ich leider nicht im Rahmen des Chats beantworten und würde Ihnen empfehlen, das Thema zusammen mit Ihrem Neurogen/Ihrer Neurologin zu besprechen. Auch eine Vorstellung zur Einholung einer "zweiten Meinung" in einem MS-Zentrum (an einer Uniklinik, DMSG-Schwerpunktzentrum oder Fachklinik) könnte sinnvoll sein...

Violetta: Vielen Dank, Prof Kleiter, für Ihre Zeit und Antworten!
Prof. Ingo Kleiter: Sehr gerne.
Danke an alle für die vielen Fragen, ich hoffe ich konnte diese zu Ihrer Zufriedenheit beantworten. Falls Punkte offen bleiben: bitte nutzen Sie die Möglichkeit sich bei der AMSEL oder DMSG online zu informieren. Auch unsere Klinik bietet eine Online-Seminarreihe zu zahlreichen MS-Themen an. Einige dieser Seminare können über unsere Homepage noch abgerufen werden.

DS: Besten Dank für Ihre sehr hilfreichen Antworten.
Ich wünsche Ihnen einen erholsamen Abend.
Prof. Ingo Kleiter: Sehr gerne, das wünschen wir Ihnen auch.

Patricia Fleischmann: Liebe Chatter, haben Sie vielen Dank, dass Sie mit dabei waren, heute im Multiple Sklerose-Chat der AMSEL. Ein besonders großes DANKE geht an Prof. Ingo Kleiter für sein Engagement hier im Rahmen des AMSEL Dienstag. Ich wünsche Ihnen allen einen schubfreien und guten Start in einen möglichst friedlichen Frühling 🌺🌻🌼🌷🍀🐞

Redaktion: AMSEL e.V., 15.03.2022