Spastik & MS

Die Triggerfaktoren sind auszumachen, so Dr. Dieter Pöhlau am 21.03.06 im AMSEL-ExpertenChat.

Moderator Patricia Fleischmann: Einen schönen guten Abend an alle AMSEL-Chatter und an Dr. Dieter Pöhlau, der heute Ihre Fragen zum Thema Spastik beantwortet! Es kann losgehen...

doren: Guten Abend Herr Dr. Pöhlau, bekomme seit 10 Jahren Spastikmedikamente. Anfänglich Sirdalud tägl. 30 mg. Seit einem Jahr umstieg auf Baclofen abendlich 40 mg. Da die Schmerzen immer unerträglicher wurden verordnete mir mein Hausarzt zusätzlich Tetrazepam 10 mg. Krampfanfäller werden etwas unterdrückt, aber natürlich ist die noch restliche Gehfähigkeit dadurch sehr eingeschränkt. Gibt es evtl. eine andere Therapie gegen diese grausamen Schmerzen? Besten Dank für Ihre Hilfe und freundliche Grüße

Dr. Dieter Pöhlau: Gegen einschießende Spastik helfen oft auch Medikamente, die gegen Krampfanfälle helfen, so z.B. Gabapentin, oder Lyrica, oder auch Carbamazepin. Selbstverständlich soll Krankengymnastik gemacht werden. Wenn es Herde im Rückenmark gibt, kann evtl. auch eine intrathekale Therapie mit einem Depotkortison helfen, das direkt ins Nervenwasser gespritzt wird.

Alias: Sehr geehrte Frau Fleischmann, sehr geehrter Herr Dr. Pöhlau Eine Freundin (39 Jahre) hat seit 10 Jahren MS mit einer schweren Stand- und Gangataxie (Gehstrecke kaum 100 Meter, Schwerbehinderung mit GdB 80%), Spastiken und Schmerzen in den Beinen. Die Symptome haben sich trotz Avonex und Immunsuppressiva verschlechtert. Würde eine intrathekale Therapie helfen, oder was empfehlen Sie?

Dr. Dieter Pöhlau: Spastiken und Schmerzen sollten sich medikamentös bessern lassen. Die Immuntherapie mit Avonex oder auch eine immunsuppressive Therapie hilft gegen die Symptome nicht. Es gibt antispastische Medikamente (z.B. Baclofen, Tizanidin), evtl. kann eine intrathekale Therapie mit einen Depotkortison helfen, dazu sollte Ihre Freundin sich in einem Zentrum vorstellen, das Erfahrung mit dieser Therapie hat. Eigentlich müsste es möglich sein, die Symptome zu bessern.

Inès: Unser Sohn (24 Jahre alt) hatte zu Beginn dieses Jahres einen zweiten MS-Schub. Bei der Gelegenheit wurde in der hiesigen Universitätsklinik überhaupt festgestellt, dass er unter MS leidet. Den ersten Schub hatte er vor ca. zwei Jahren in Dublin, er absolvierte dort ein freiwilliges soziales Jahr. Obwohl er im dortigen Krankenhaus untersucht wurde, erkannte man die MS Erkrankung nicht. Nachdem er wieder in Deutschland war, begann er ein Studium an einer Fachhochschule für soziale Arbeit. Noch vor Beendigung des ersten Semesters fiel er in eine schwere Depression. Eine psychotherapeutische Betreuung brachte nicht den erhofften Erfolg, sodass sich unser Sohn von einem Neurologen ein Medikament verschreiben ließ. Er fühlte sich sehr viel besser, konnte jedoch nur noch schlecht schlafen. Daraufhin verschrieb der Neurologe ein zweites Medikament zur Dämpfung. Diese beiden Medikamente verursachten bei unserem Sohn eine Manie. Er musste stationär in einem psychiatrischen Krankenhaus behandelt werden, blieb dort vier Wochen und wurde auf Seroquell eingestellt. Inzwischen nimmt er Seroquell und Lizium, auf längere Sicht soll er ganz auf Lizium umgestellt werden. *Nun meine Frage:* Besteht die Möglichkeit, dass unser Sohn gar nicht unter einer bipolaren Störung leidet, sondern dass die Depression durch den nicht erkannten ersten schweren MS Schub ausgelöst wurde? Die Manie kam definitiv zum Ausbruch wegen der Unverträglichkeit der beiden Medikamente (die Namen der beiden Mittel habe ich leider vergessen, könnte sie aber erfragen, wenn das wichtig wäre).Das wurde von dem Neurologen bestätigt. Diese Unverträglichkeit sei relativ selten, käme aber vor. Wir sind sehr beunruhigt, dass unser Sohn unter zwei schweren hirnorganischen Erkrankungen leiden soll. Für uns wäre es wichtig, genau Bescheid zu wissen über die eventuellen Zusammenhänge dieser beiden Krankheiten. Davon hängt es auch ab, wie er weiter als MS-Patient behandelt werden kann. Mit einer Folgebehandlung wurde noch nicht begonnen. Falls Sie diese Frage nicht beantworten können, bitte ich Sie darum mir mitzuteilen, an wen wir uns wenden können um eine *gesicherte* Auskunft zu erhalten. bei den beiden Medikamenten, die unser Sohn zur Behandlung seiner Depression in kurzem Abstand von einem Neurologen verschrieben bekam, handelt es sich um: MIRTAZELON 15 mg und CITALOPRAM 20 mg. - Vielen Dank!

Dr. Dieter Pöhlau: Es ist bekannt, dass die MS eine "Psychose" auslösen kann. Wenn entsprechende Hirnareale geärgert werden (vor allem dann, wenn Herde in der Hirnrinde und nicht im Marklager vorliegen). Die symptomatische Akuttherapie der psychotischen Symptome ist vergleichbar. Wenn allerdings auch noch frische Entzündungen vorliegen, dann wird man wahrscheinlich (im Krankenhaus unter Vorsichtsmaßnahmen) auch eine Kortison-Therapie durchführen. Es ist ganz wichtig, dass die MS gut und konsequent behandelt wird. Dazu benötigen Sie einen MS-erfahrenen Neurologen

quasi: Welche Arten von Spastik gibt es denn überhaupt unter MSlern? - Danke für die Antwort.

Dr. Dieter Pöhlau: Spastik tritt dann auf, wenn gewisse Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark geschädigt werden. Je nach der Lokalisation kann man die Spastik unterscheiden in Paraspastik (beide Beine betroffen), Hemispastik (eine Körperhälftge betroffen) oder auch Tetraspastik (Arme und Beine betroffen), wobei auch die Rumpfmuskulatur etc. "spastisch" sein kann.

auto: wenn niemand fragt, dann frag halt ich: anfang märz erhielt ich nach 11 jahren die diagnose ms, da sich ein hauch der ognidanten banden, oder wie die dinger heißen, in meinem letzten liqour befanden. heute hole ich mir den befund von meinem hausarzt, es steht folgendes drin: spastische hemiparese links.bei E.d. depressives syndrom, wason dieser diagnose zu halten?

Dr. Dieter Pöhlau: Die Diagnose MS stützt sich auf verschiedene Säulen, sog. oligoklonale Banden im Nervenwasser sind eine davon, aber diese beweisen keine MS. Die Diagnose "spastische Hemiparese rechts" beschreibt einen Zustand, nämlich dass die rechte Körperhälfte schwächer ist als die linke und dass die Muskeln eher steif ("spastisch") reagieren. Das ist eine Symptombeschreibung, MS kann eine Ursache dafür sein, aber auch nach Schlaganfällen kann eine "spastische Hemiparese rechts" auftreten. Eine Depression hat man, wenn der Antrieb vermindert ist, die Stimmung schlecht, nichts einem Freude macht, oft kann man mit Depression auch schlecht schlafen. Ca. die Hälfte aller MS Patienten hat depressive Phasen, die man behandeln kann, fragen Sie Ihren Neurologen

BonnieLeo: Hallo Herr Dr. Pö¶hlau. Hier ist die Bonnie Leo aus Sankt Augustin, ich war letzten Sommer bei Ihnen in Asbach! Ich hoffe Sie erinnern sich an mich!?

Dr. Dieter Pöhlau: Natürlich. Wie geht es Ihnen jetzt?


Allgemein - BonnieLeo: Mir geht es gut! Danke, und auch nochmal ein DANKE auch im Namen meiner Eltern! Wir wollen nun mal nach Düsseldorf, was halten Sie denn davon?
Moderator Patricia Fleischmann: Liebe BonnieLeo, bitte stellen Sie die Frage im Fragefenster, sonst kann unser Experte Ihnen nicht antworten. Danke!

BonnieLeo: Ich bin eben sehr durcheinander... mein behandelnder Arzt [Beitrag anonymisiert; Anm. d. Red.] sagt ich hätte MS und der Radiologe, der diese Bilder immer macht, sagt es sä¤he nicht nach einer MS aus! Dann hatte ich ja auch ende November einen Gran-Mal-Anfall! Meinen Sie es wäre sinnvoll mal nach Düsseldorf zu fahren? Ich würde auch gerne einmal zu Ihnen nach Asbach kommen, damit Sie sich vielleicht die Bilder nochmal ansehen!

Dr. Dieter Pöhlau: Da ich Sie inzwischen ja recht gut kenne, können Sie sich gerne nochmal ambulant vorstellen, Sie können aber auch gerne zur Uni Düsseldorf gehen. zu Ihrem Arzt nach Bonn gehen.... [Beitrag gekürzt; Anm. d. Red.]

quasi: welche übungen sind denn bei spastik gut (physiotherapie)? und was kann man akut machen gegen Sp. in armen bzw. beinen?

Dr. Dieter Pöhlau: Es gibt verschiedene Techniken gegen Spastizität, vor allem die Krankengymnastik nach Bobath wirkt oft gut gegen Spastik, auch aktive und passive Muskeldehnungen sind sinnvoll. Wobei auch Verfahren nach Vojta oder PNF bei entsprechenden Problemen nützen können. Wenn Sie einen Krankengymnasten haben, der genügend Erfahrung mit MS-Patienten hat, dann wird der Ihnen weiterhelfen können und Ihnen auch Übungen zeigen, die Sie zuhause alleine machen können.

BonnieLeo: Ich weiss ja, dass ALLE zu denen ich jetzt Kontakt hatte/habe zu den besten gehören! Und ich bin allen sehr dankbar. Aber da ich ja erst 18 bin will ich alle Möglichkeiten ausnutzen, bevor ich eine Therapie mit dem Interferon beta 1a beginne! Ich habe auch Angst vor den ganzen Nebenwirkungen und all das was noch auf mich zu kommt, wenn es dann wirklich MS ist! Ich habe ja Vertrauen meinem Arzt, aber durch dieses hin und her...sagt mir mein Unterbewusstsein etwas anderes, zumal der Radiologe immer etwas anderes sagt und mein Arzt [Beitrag anonymisiert; Anm. d. Red.] auch bis vor ca. 2 Wochen immer von ADEM gesprochen hatte! [Beitrag gekürzt u. anonymisiert]; Anm. d. Red.]

Dr. Dieter Pöhlau: ...am besten kommen Sie mit den aktuellen Kernspinbildern einmal vorbei...

BonnieLeo: Vielen lieben Dank Herr Dr. Pöhlau! Wir rufen dann gleich morgen früh in Ihrem Sekreteriat an! Dann wönsche ich Ihnen noch einen schönen Abend! Danke schön!!!

Dr. Dieter Pöhlau: ..dann bis bald....

auto: dürfte ich mal fragen, wie die behandlung bei bonnie aussah? dachte immer die schübe schwächen nur den körper. täusche ich mich da? [Beitrag gekürzt; Anm. d. Red.]

Dr. Dieter Pöhlau: ... wie gesagt ich kann wegen der Schweigepflicht nicht antworten....

auto: ja stimmt, sorry. könnten sie nicht algemein was drüber sagen?

Dr. Dieter Pöhlau: ...leider nicht....

Moderator Patricia Fleischmann: BonnieLeo ist grade nicht mehr online. Vielleicht schaut sie ja nochmal vorbei...

Moderator Patricia Fleischmann: Noch ein paar Minuten: Die letzte Fragerunde zum Thema "Spastik bei MS" beginnt...

Christian: Hallo, habe schon 16 Jahre MS und in den letzten drei Monaten habe ich eine brutale Spastik in den Beinen, was kann ich dagegen tun?

Dr. Dieter Pöhlau: Wenn Spastik zunimmt, muss man zunächst nach sog. Triggerfaktoren suchen, also: liegt ein Harnwegsinfekt vor, oder chronische Verstopfung, oder Schmerzen z.B. durch Wirbelsäulenprobleme etc. Dann wird man überlegen, ob die Entzündungsaktivitä zugenommen hat und evtl. eine Therapie machen (z.B: Kortison-Puls) und danach Medikamente einsetzen oder auch intrathekales Depotkortison bei Herden im Bereich des Rückenmarkes. Selbstverständlich soll die Krankengymnastik intensiviert werden.

Moderator Patricia Fleischmann: Danke, liebe Chatter, für Ihre Beiträge heute Abend & ganz herzlich Danke! auch an Dr. Dieter Pöhlau für seine Antworten! In zwei Wochen, sind die CahtTore wieder geöffnet, also am 04.04. mit Sabine Lamprecht: "Höher, schneller, weiter?" Alle Fragen zum Sport, zu Gymnastik und anderen Anstrengungen sind dann unser Thema. Wäre nett, wenn Sie wieder dabei sind. - Einen schönen Abend noch an alle!


Allgemein - auto: danke schön, tschüssi

Redaktion: AMSEL e.V., 22.03.2006