Spenden und Helfen

Schub, Pseudoschub - oder was anderes?

Schübe führen nicht automatisch zu Läsionen im MRT - mehr Antworten rund um die MS und MS-Schübe im Chatprotokoll mit dem Experten Dr. med. Christoph Uibel.

Patricia Fleischmann: Liebe Chatterinnen und Chatter, herzlich willkommen, hier im MS-Chat von AMSEL e.V. 👋
Gern dürfen Sie schon jetzt Ihre Fragen rund um Schübe bei Multipler Sklerose stellen. Dr. Uibel antwortet ab 19 Uhr.

Dr. Christoph Uibel: Hallo an Alle- mein Name ist Christoph Uibel und ich arbeite als Oberarzt in der Neurologischen Klinik im Klinikum Würzburg Mitte und werde versuchen in der nächsten Stunde Ihre Fragen zu beantworten

Robert: Warum muss ein „Schub“ zwingend 24h andauern? Unter welchen Gesichtspunkten wurde diese Zeitspanne definiert?
Dr. Christoph Uibel: Ja die Definition sind mindestens 24 h - wobei die Schübe ja meistens länger, über mehrere Tage, andauern. Es gibt doch immer wieder neurologische Störungen die kürzer dauern und eben nicht durch eine entzündliche Aktivität des ZNS ausgelöst sind - da hilft die zeitliche Unterscheidung

Robert: Müssen bei einem „echten“ Schub zwingend neue Symptome auftreten? Neu im Sinne von bisher noch nicht länger als 24h beobachtet.
Dr. Christoph Uibel: Es können auch bisherige bzw zurückliegende Symptome erneut auftreten - aber sie sind dann von einem Uhthoff-Phänomen zu unterscheiden

Robert: Entstehen bei einem Schub zwingend neue Läsionen?
Dr. Christoph Uibel: Nicht zwingend - soweit ich weiß, findet man bei etwa 20 - 25 % der Schübe keine entsprechende Läsion im MRT

Robert: Können auch ausschließlich kognitive (Vergesslichkeit, Arbeitsgedächtnis, Konzentrationsprobleme) oder psychologische Symptome (Depersonalisierung, Angst) auf einen Schub hindeuten?
Dr. Christoph Uibel: diese kognitiven Beschwerden deuten eher auf eine schubunabhängige Aktivität hin, ist natürlich wichtig diese von zugrunde liegenden seelischen Ursachen zu unterscheiden.

Robert: Wie schätzen Sie den Nutzen des Biomarkers sNfL ein? Wenn mal ein Basiswert dokumentiert wurde, ließe sich dann bei eindeutigen Ausschlägen nach oben von einem Schub sprechen bzw. ein Schub antizipieren?
Dr. Christoph Uibel: Gute Frage ! es bleibt sicher bei der klinischen Definition eines Schubs, aber wenn man bei den Patienten die "Ausgangs-NFL" kennt ist eine deutliche Erhöhung sicher ein Signal zu vermehrter Aufmerksamkeit

Patricia Fleischmann: @ alle: Zum Biomarker sNFL, der hilft die MS-Aktivität zu messen und sogar ein Jahr vorher auf Schübe in der Zukunft hinweisen kann, hat amsel.de ein Experteninterview mit Prof. Jens Kuhle veröffentlicht.

Maja: Wo ziehen Sie die Grenze bei länger dauernden Symptomen, Beispiel eine Hand kribbelt. Soll man damit besser gleich zum Neurologe, wenn das länger geht als 24 h?
Dr. Christoph Uibel: Da muss sicher auch genauer untersuchen - da gerade sensible Beschwerden wie ein Kribbeln der Hand auch andere Ursachen haben kann - zum Bsp ein Karpaltunnelsymtom. Wenn die Untersuchung aber auch eine weitere Störung zeigt, zum Bsp eine Feinmotorikstörung dann sollte man an einen erneuten Schub denken

Mirka: Was ist mit Kopfschmerzen, die anders schmerzen als bisher. Ist da s ein neues Symptom der MS und kann ein Schub schuld sein?
Dr. Christoph Uibel: Kopfschmerzen sind kein "typisches " Schubsymptom und bieten ein breites Feld an Ursachen - Migräne-, Spannungskopfschmerzes, Infekt assoziiert bei Nasennebenhöhlenerkrankung - da würde ich eher an solche Ursachen denken

Alexandra: Wann spricht man von einem Pseudoschub?
Dr. Christoph Uibel: Typischerweise bei einer Verschlechterung oder Wiederauftreten von bekannten Beschwerden im Zusammenhang mit einer Körpertemperaturerhöhung - das kann durch einen Saunabesuch, Fieber bei Infektion oder durch ein Sonnenbad ausgelöst werden - wenn man das Fieber senkt, wieder in den Schatten geht bzw kühlt, bilden sich die Symptome auch wieder zurück und dauern nicht > 24 h an

Dr. Christoph Uibel: Vielleicht noch ein Beitrag zu Gedächtnis/KKonzentrationsproblemen, dieuntypisch für einen Schub sind, so gibt es die Fatigue als ein Schubphänomen

Maja: Warum verschlimmert Hitze nur bei manchen ihre Symptome?
Dr. Christoph Uibel: Das kann nicht gut bbeantworten. Ich kenne auch Patienten, die mit Hitze kein Problem haben - es werden 60-80 % beschrieben, die ein Uhthoff Phänomen haben.

Robert: Mir wurde vor kurzem erst G35.10 gesichert diagnostiziert. Ich habe ca. 20 Läsionen im Schädel (McDonald räumlich erfüllt); keine der Läsionen hat Kontrastmittel aufgenommen; keine infratentoriell; mein Liquor ist bis auf einen Albumin-Quotienten von 14,7 gänzlich unauffällig (keine Banden, keine intrathekale Synthese – IgG-Index: 0,48, keine Zellen). Ich bin 49 Jahre alt.
Da mein Lp(a) Wert sehr hoch ist und bereits leichte Plaques in beiden Halsschlagadern festgestellt wurden, bin ich mir mit der MS-Diagnose noch nicht ganz sicher. Hilfreich wäre eine klare Unterscheidung der Läsionen, ob entzündlich oder vaskulär. Klare, eindeutige Schübe in der Vergangenheit könnte ich so konkret nicht beschreiben. Dennoch Sensibilitätsstörungen (vor allem linksseitig) und kognitive Erscheinungen wie Vergesslichkeit und ein schlechtes Arbeitsgedächtnis. Die Sensibilitätsstörungen sind verschieden intensiv.
Gibt es „Schübe“, die auf den ersten Blick an eine MS denken lassen, dann aber doch eine z.B. vaskuläre Ursache haben? Gewissheit wird es nie geben, aber ein wenig mehr bräuchte ich für mich, um mich überzeugt hochwirksam medikamentös gegen MS zu behandeln.
Dr. Christoph Uibel: Das ist auf die Schnelle nicht einfach zu beantworten - sicherlich macht es Sinn, wenn nicht schon durchgeführt, eine spezielle MRT Diagnostik zu ergänzen mit der Frage, ob bei diesen Läsionen auch Läsionen mit einem zentralen Venenzeichen zeigen und ob man auch Läsionen mit einem paramagnetischen Randzeichen findet und ob auch im Rückenmark/ Myelon Läsionen zu finden sind

Mirka: Gibt es Schubsymptome, mit denen man sofort zum Arzt sollte?
Dr. Christoph Uibel: Bei Schüben mit Sehstörungen und/oder bei Schüben, die, wenn man es so vereinfacht sagen will, funktionell bedeutsam sind, wie eine Kraftminderung/Gangstörung, oder auch bei Blasen-/ Mastdarmstörungen -

Caroline: Guten Abend! Welche Schübe erfordern aus Ihrer Sicht keine Therapie?
Dr. Christoph Uibel: Hallo - In der Güteabwägung, wie auch in der Frage von Mirka beantwortet, wenn die Beschwerden "nur" sensibler Art sind und nicht oder wenig einschränken und wenn sie wechselnd ausgeprägt sind, wäre ich sehr zurückhaltend, muss im Einzelfall gut untersuchen und dann nach klinischen Befund entscheiden

Patricia Fleischmann: @ alle: Zum Weiterlesen für nach dem Chat 😀
Hier finden sich Informationen über MS-Schübe und ihre Therapie.

Robert: "Das ist auf die Schnelle nicht einfach zu beantworten - sicherlich macht es Sinn, wenn nicht schon durchgeführt, eine spezielle MRT Diagnostik zu ergänzen mit der Frage, ob bei diesen Läsionen auch Läsionen mit einem zentralen Venenzeichen zeigen und ob man auch Läsionen mit einem paramagnetischen Randzeichen findet und ob auch im Rückenmark/ Myelon Läsionen zu finden sind"...... spinale Läsionen wurden bisher keine gefunden. Lassen sich zentrale Venenzeichen etc. von einem erfahrenen Radiologen/Neurologen auf einem 1,5T MRT erkennen?
Dr. Christoph Uibel: Prinzipiell geht das auch mit 1,5 Tesla, es müssen spezielle Sequenzen durchgeführt werden und der Nachweis ist mit einem 3Tesla MRT besser möglich - sicher eine neuroradiologische Frage :)

Caroline: Kommt es oft vor, dass PPatientenmit SPMS nach Jahren noch Schübe bekommen?
Dr. Christoph Uibel: Das ist möglich - da hilft sicher eine Verlaufsbildgebung (MRT) um auch den Verlauf mit der Frage neue oder größer werdende Läsion zu beantworten

Robert: :) Herzlichen Dank für all Ihre Ausführungen.
Dr. Christoph Uibel: Gerne!

Maja: Auch von mir vielen Dank!

Robert: Da keine offenen Fragen mehr, stelle ich noch schnell eine für mich abschließende: Würden Sie mir eine Zweitmeinung in Würzburg empfehlen? ;)
Dr. Christoph Uibel: Ich denke es sicher in Ordnung eine Zweitmeinung in Abstimmung mit dem behandelnden Neurologen/Neurologin einzuholen - ob in Würzburg oder einem anderen MS-Zentrum -

Mirka: Danke, Herr Professor Uibel

Robert: Prima, vielen lieben Dank Ihnen und noch einen schönen Abend!

Dr. Christoph Uibel: Danke an alle Teilnehmer/Innen: Vielen Dank für Ihre interessanten Fragen ! und noch einen schönen Abend:)

Patricia Fleischmann: Liebe Teilnehmer, hier im Multiple-Sklerose-Chat, haben Sie vielen Dank für Ihre Fragen.
Ein besonders riesiges DANKESCHÖN geht an Dr. Christoph Uibel vom Klinikum Würzburg Mitte für seine Zeit und seine Antworten hier im Expertenchat der AMSEL 💐
Am 19. Mai geht es weiter mit dem nächsten Expertenchat. Darüber informiert ansel.de und natürlich unser Newsletter.
Ich wünsche allen einen schönen restlichen Dienstagabend 👋

Redaktion: AMSEL e.V., 21.04.2026