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MS-Therapie - Was bringt die Zukunft

18.04.07 - Individualisierte MS-Therapie und orale Therapien im AMSEL-Expertenchat mit PD Dr. Andrew Chan

Moderator Jutta Hirscher: Guten Abend, liebe Chatter. Ich begrüße Sie und unseren Experten, Herrn Dr. Chan, sehr herzlich. Der Chatroom ist für Ihre Fragen geöffnet.

Werner: Herr Dr. Chan, sind Sie der Meinung, dass Copaxone langfristig ein Mittel der 1. Wahl bei schubförmig remittierender MS bleiben wird? Weäre es Ihre Meinung nach zu verantworten, und möglicherweise medizinisch auch sinnvoll, zu versuchen copaxone nach etwa zwei Jahren abzusetzen, falls bis dahin kein weitere Schub und somit auch keine ms-bedingten Auffälligkeiten/Behinderungen mehr aufgetreten sind? Wäre copaxone kurz-oder mittelfristig gegen ein neues, wirkungsgleiches, jedoch oral zu verabreichendes Medikament ersetzbar?

PD Dr. Andrew Chan: Hallo Werner, vielen Dank für die Frage, die eigentlich auf den ersten Blick gleich 4-5 Fragen sind. Ja, ich glaube, daß Copaxone weiter und auch in Zukunft ein Basismedikament bleiben wird. Gerade auch beim Copaxone gibt es interessante wissenschaftliche Befunde über verschiedene mögliche Wirkmechanismen, die die Substanz weiter interessant machen. Nächste Frage: es gibt keine guten klaren Daten, die sagen, wie lange die optimale Therapiedauer ist. Was wir wissen ist, daß alle Immuntherapien der ersten Wahl bei der schubförmigen MS auch über lange Zeit verträglich und wohl auch anhaltend wirksam sind. Daher setzen wir nur bei bestimmten Gründen regulär ab, z.B. bei Schwangerschaftswunsch. Natürlich gibt es aber auch mal ruhige Phasen der Erkrankung, und wenn sich klinisch und auch in den Zusatzuntersuchungen kein Fortschritt zeigt, dann kann man so etwas mal individuell diskutieren, das Medikament abzusetzen, v.a. wenn es z.B. Nebenwirkungen gibt. Es gab eine Studie mit oralem Copaxone, die nicht überzeugend war, da wird es weitere Entwicklungen geben. Neue Medikamente, die jetzt in die Studien kommen sind verschiedene orale Substanzen (nur mal ein paar Namen: Laquinimod, Fumarate, FTY720 usw), die sicher die Landschaft in ca. 5 Jahren verändern werden.

 
 
PD Dr. Andrew chan
 
 
 
     
     

    Studium an der Universität Hamburg ;

    • 2006 Habilitation, Venia legendi für Neurologie, Georg-August Universität Göttingen
    • 1995 – 10/04 wissenschaftlicher Mitarbeiter, Assistenzarzt, Neurologische Klinik und Poliklinik, Universitätsklinikum Würzburg; 11/04 – 11/06 Klinischer Neuroimmunologe, Abteilung für klinische und experimentelle Neuroimmunologie (Direktor Prof. Dr. R. Gold), Institut für MS-Forschung, Göttingen, Bereich Humanmedizin Göttingen und Gemeinnützige Hertiestiftung; Oberarzt, Abteilung Neurologie (Direktor Prof. Dr. M. Bähr), Bereich Humanmedizin, Universität Göttingen; seit 11/06 geschäftsführender Oberarzt, Neurologische Klinik der Ruhr Universität Bochum, St. Josef-Hospital (Direktor Prof. Dr. R. Gold)
    • Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes; 2002 Langheinrich Preis für die beste Arbeit auf dem Gebiet der Multiple-Sklerose Forschung der Langheinrich-Stiftung, Freie Universität Berlin; 2005/2006 Habilitationspreis der medizinischen Fakultät der Georg-August Universität für die beste Habilitationsarbeit

    Andrea: Guten Abend, herr Dr. Chan, wird es bald möglich sein, die vrschiedenen Formen dre MS genauer zu typisieren, so dass jeder MS-Patient die für ihn passende Therapie erhalten kann?

    PD Dr. Andrew Chan: Guten Abend, Andrea. Das ist in der Tat eines der "heißesten Eisen" der Forschung, Stichwort "individualisierte Therapie". Ich glaube, daß wir da schon einen Schritt weiter sind. Herr Brück, Herr Lassmann und Frau Lucchinetti (alles Neuropathologen) schlagen eine Klassifikation verschiedener Typen der MS vor, die nach dem zugrundeliegenden Schädigungsmechanismus eingeteilt wird. Es gibt erste Hinweise, daß diese verschiedenen sogenannten "immunpathogenetischen Subtypen" tatsächlich auch auf unterschiedliche Medikamente jeweils besser reagieren. In die Richtung geht z.B. auch der Einsatz der Plasmapherese (Blutwäsche) bei Schüben, die auf Kortison nicht ansprechen, sowie zuletzt auch die Erprobung von Rituximab, eines Antikörpers gegen sogenannte B-Zellen

    Karin: Hallo Dr. Chan ! Ich habe SPMS und bekomme Mitox und Intrathekale Volon A Therapie. Nun soll versucht werden das Ganze 1-2 Jahre zu strecken, weil es dann auch Medi`s für die SPMS geben soll. Frage: Was wären das für Medi`s ? LG Karin

    PD Dr. Andrew Chan: Liebe Karin, die Kombination ist ja ein sogenannter individueller Heilversuch. Mitox kann man ja nur bis zu einer bestimmten Gesamtdosis geben. Daher ist das Strecken sinnvoll, indem man z.B. die Dosis reduziert, sobald die Erkrankung das zuläßt. Für die chronisch progredienten Formen ist weniger im Moment in der "pipeline". Sobald die neuen Substanzen (z.B. Tabletten, Antikörper) Ihren Nutzen in der schubförmigen MS gezeigt haben, werden einige auch sicher in die chronisch progredienten Verläufe gehen. Im Moment ist aber nichts so spruchreif, daß man in 1-2 Jahren sicher was neues für die SPMS anbieten kann.

    Marie: Guten Abend, Dr. Chan. Gibt es inzwischen neue Daten zu Tysabri - ist es wirklich so phänomenal wie angekündigt. oder doch eher unberechenbar/gefährlich? Wir schätzen Sie die Chancen ein, dass bald andere, z.B. orale Therpaien zugelassen werden und vor allem auch gleich verschrieben werden? Würde mich sehr freuen, wenn ich blad nicht mehr spritzen müsste (zumal die Erfolgsaussichten ja auch nicht so umwerfend sind).

    PD Dr. Andrew Chan: Guten Abend Marie. Bisher ist Tysabri ja in Deutschland erst seit Juni 2006 wieder auf dem Markt. Bisher gibt es keine Anzeichen, daß die Studiendaten sich vom jetzigen klinischen Alltag unterscheiden würden. D.h. daß wir schon auch die Wirksamkeit sehen, aber auch Nebenwirkungen, die etwa im Bereich der Beschriebenen Nebenwirkungen aus den Studien sind. Neue PML Fälle sind nicht aufgetreten, so daß es auch von der Seite keine Neueinschätzung gibt. Insgesamt muß man aber sagen, daß ja die Studie 2 Jahre lief, und die Wiedereinführung erst knapp 9-10 Monate her ist, so daß es für eine abschließende Beurteilung noch zu früh ist. Orale Substanzen werden meiner persönlichen Meinung nach kommen, und vermutlich auch einige, allerdings würde ich noch mit ca. 3-4 Jahren rechnen.

    Andi: Hallo Dr. Chan, habe auf der Amsel-Seite gelesen, dass neue T-zellen in würzburg identifiziert wurden. Hat das einen konkreten Nutzen oder welchen kann es in welchem Zeitraum haben?

    PD Dr. Andrew Chan: Das sind sogenannte regulatorische T-Zellen, also "gute T-Zellen", die die "bösen" sogenannten Effektor-T-Zellen in Schach halten können. Ein Versuch, daß auf Menschen zu übertragen, war ein Antikörper, der solche "guten" T-Zellen bewirkt. Dieser Antikörper ist auch im Menschen angewandt worden, und das haben Sie gehört, denn das war auch in der Presse: das waren die 6 gesunden Probanden in London, die schwere Nebenwirkungen in der entsprechenden Studie bekommen haben (Tegenero Studie, TGN1412). Somit ist dieser Ansatz erst einmal vom Tisch, nicht aber das Prinzip dieser regulatorischen T-Zellen, die ggf. auch anders therapeutisch ausgelenkt werden können. Das wird aber sicher noch längere Zeit (5-10 Jahre?) dauern

    Chris: Guten Tag Herr Dr. Chan! Ich bekomme seit 1 1/2 Jahren Immunglobuline und bin sehr zufrieden damit. Der einzige Nebeneffekt ist eine Gewichtszunahme von ca. 5 Kilos, wohingegen ich die Jahre ohne dieses Medikamt eher zu kämpfen hatte , nicht abzunehmen. Von Seitens der Ärzte konnte mir bisher keiner sagen, ob dies öfters beobachtet wird. Ist Ihnen dazu etwas bekannt?

    PD Dr. Andrew Chan: Hallo Chris. Nein, daß ist nicht typisch für die Immunglobuline, und ich halte das eigentlich auch für keine Folge der Immunglobuline. Gibt es nicht noch andere Gründe bei Ihnen (Schilddrüse etc.)?

    N.: Sehr geehrter Herr PD Dr. Andrew Chan, halten Sie es für wahrscheinlich, dass in naher Zukunft die Stammzelltransplantation aus dem Knochenmark beschädigtes Gewebe auch beim Menschen reparieren kann (Uni Bonn - über ein Erfolg im Tierversuch wurde kürzlich berichtet) Danke für Ihre Antwort im Voraus !

    PD Dr. Andrew Chan: Lieber N., hier bin ich leider für die naher Zukunft etwas skeptischer. Es gibt verschiedene Ansätze mit Stammzellen, die auch im Tierversuch sehr erfolgreich sind (eine italienische Gruppe ist dort sehr weit). Aber wir sind doch leider sehr weit entfernt von der Anwendung im Menschen, da verschiedenste Aspekte noch nicht klar sind. Die bisherigen Daten der Stammzelltherapie bei MS sind eher ernüchternd. Zusammengefaßt ist das aufgrund der Therapie, die vorher durchgeführt wird, um das Immunsystem "auszulöschen" (quasi eine sehr scharfe Chemotherapie) auch ein hohes Nebenwirkungsrisiko bis hin zum Tod. Auch sind die bisherigen klinischen Daten nicht umwerfend, wobei die Befürworter sagen, daß man dann die Therapie eher einsetzen muß. Aber da kommen wir in ein Dilemma, wenn wir hochriskante, mit tw. lebensgefährlichen Nebenwirkungen behaftete Therapien bei gering Betroffenen einsetzen würden, für die andere Medikamente zur Verfügung stünden.

    N.: Herr Dr. Chan, was erwarten Sie von den z.Zt. in Studien getesteten Substanzen MBP und Frampridine? Danke für Ihre Antwort im Voraus !

    PD Dr. Andrew Chan: Hallo N, MBP setzen wir auch in der Studie ein, ist potentiell vom Mechanismus interessant, ebenso das Frampridine. Letzteres greift vermutlich eine der Schlüsselzellen des Immunvorganges, die sogenannten Mikrogliazellen an. Leider sind aber die klinischen Daten noch zu inkomplett und so ist es leider noch viel zu früh, um dort etwas verläßliches draus schließen zu können. Außerdem wissen wir leider noch nicht, ob die Substanzen auch ausreichend sicher im Langzeitverlauf sein werden (v.a. MBP), das ist doch nach den letzten auch Todesfällen in MS-Studien wieder ein kritisches Thema geworden.

    Andi: Dann bringen die Erkenntnisse mit den neuen T-Zellen erst mal nichts?

    PD Dr. Andrew Chan: Na ja, nichts ist nicht ganz richtig. Sie lassen uns die MS besser verstehen, und auch die Mechanismen, die "körpereigen" dagegen arbeiten. Das ist im Moment ein hochaktives Forschungsfeld, allerdings wird es nicht so sein, daß wir in kurzer Zeit dieses Prinzip therapeutisch regulär anwenden können, wie gesagt, das ist eher was für den mittelfristigen Zeitrahmen.

    Teo: Hallo Dr. Chan, was ist denn kurzfristig, in den kommenden 1-2 Jahren in der Therapie zu erwarten? Wird es in diesem Zeitraum etwas Neues geben?

    PD Dr. Andrew Chan: Das 1 Jahr in der Therapie der MS kurz ist, erst einmal nicht wirklich etwas neues. Bis nach einer erfolgreichen sogenannten Phase III Studie, also einer Zulassungsstudie ein neues Medikament dann auch wirklich durch EMEA etc. (europäischen Zulassungsbehörde) zugelassen ist, vergeht ein bischen Zeit. Die wesentliche Neuerung erwarte ich mir von den oralen Substanzen. Einige sind schon etwas weiter, bei anderen fangen die Zulassungsstudien gerade an, die meistens über 2 Jahre gehen. Dann noch ca. 6-12 Monate Auswertung etc, Zulassung... das dauert alles seine Zeit

    N.: Vor kurzem wurde berichtet, dass rHIgM22 die Myelinbildung im Tierversuch förderte, beseht hier auch die Chance für den Einsatz am Menschen? Danke !

    PD Dr. Andrew Chan: Das war ja immer die große Hoffnung auch von den intravenösen Immunglobulinen, die aber sogenannte IgG (bestimmte Untergruppe) sind. Bei den IgG hat sich das mit der Remyelinisierung nicht bewahrheitet, aber wie gesagt könnte das für die IgM doch anders aussehen. Im Moment ist es leider ein bischen schwierig, da die letzten Immunglobulinstudien so enttäuschend waren. Eine Studie, die IgM Präparationen spezifisch für die Remyelinisierung versucht, steht leider noch aus, wäre aber wirklich spannend.

    Slimou: Hallo Dr. Chan, wenn die Zellstoff-Impfungen Tovaxin oder Neurovax (o. ähnliches) irgendwann mal zugelassen sind, was kann sich davon jemand mit Schubförmiger MS erhoffen? Laut einigen Berichten davon sehr, sehr viel mehr, als bei den jetzigen immunmodularischen Therapien? Vielen Dank im Voraus. Slimou

    PD Dr. Andrew Chan: DAs ist eine Frage, die auch für Andi interessant ist. Auch alles noch in klinischen Studien, und erste Daten sehen interessant aus. Das Neurovax scheint so zu funktionieren, daß es diese bei Andi erwähnten "guten" regulatorischen T-Zellen "stärkt". Auch hier brauchen wir wieder größere Studien. Aber meiner persönlichen Meinung nach ist nicht das "stärker" wichtig, sondern das "spezifischer" also individueller. Wie in der anderen Frage also: individualisierte Therapie, der eine Pt. mag auf Substanz XY besser ansprechen, der andere auf Substanz YZ.

    Andreas: Hallo Herr Dr. Chan, wie stark wird an einer wirklichen heilung der MS geforscht? Gitbt es hierzu konkrete Ansätze oder liegt der Focus eher in der Wirkungssteigerung der Symptomtherapie?Ist eine evtl. lebenslange Symptomtherapie nicht "lukrativer"? Gibt es von den Rahmenbedingungen her überhaupt die Möglichkeit, an der Heilung zu forschen und wenn ja, wie stark sind diese ggü. der Forschung an neuen Symptomtherapien?

    PD Dr. Andrew Chan: Lieber Andreas, das ist eine schwierige Frage. Ich glaube nicht, daß unsere bisherige Therapie nur "Symptomtherapie" ist. 95 standen wir mit einer zugelassenen Substanz da, jetzt ist es doch mittlerweile ein ganzes Arsenal, welches in den Krankheitsverlauf eingreift, allerdings -und da haben Sie Recht- nur inkomplett, was natürlich nicht befriedigend ist. Heilung muß zweierlei bedeuten: 1. Beendigung des aktuell schädlichen Immunprozesses 2. Wiederaufbau des geschädigten Nervensystems. Bei 1. denke ich haben wir schon wesentliche Fortschritte wie oben ausgeführt erlebt. 2. steckt noch in den Kinderschuhen, konkret in Tiermodellen und in der experimentellen Forschung. Aber 2. wird nie ohne 1. gehen. Konkret: auch wenn es mir gelingen würde, neue Zellen ins Gehirn zu verpflanzen, könnten diese nur anfangen dort zu arbeiten, wenn sie vom Immunprozess in Ruhe gelassen würden. Rahmenbedingungen: Die Grundlagenforschung an diesen Ansätzen wie Punkt 2. ist ja eine Forschung, die Drittmittelgeber wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder die DMGS und auch die AMSEL hat, von daher gibt es natürlich auch diese Möglichkeit, daran zu forschen. Und wenn dort interessante Ergebnisse kommen, werden entsprechende klinische Studien sicher rasch aufgelegt werden. Letzter Punkt: die Industrie, auf die Sie ja auch ein bischen anspielen ist dann sicher auch sehr schnell an solchen Ansätzen interessiert.

    V: Guten Tag Hr. Dr. Chan. Ich habe in letzter Zeit häufiger etwas zu einer neuen Form der T-Zell-Impfung gelesen. Das entwickelte Präparat bzw. die entwickelte Behandlungsmethode heißt Tovaxin und wird von einer amerikanischen Firma entwickelt. Haben Sie davon schon etwas gehört und wenn ja, was halten Sie davon?

    Markus: Guten Abend, Dr. Chan, woran arbeiten Sie in Bochum zur Zeit?

    PD Dr. Andrew Chan: Zum Glück sind wir ein ganzes Team, das an verschiedenen Dingen arbeitet. Klinische Studien werden v.a. auch mit den neuen oralen (Tabletten) Substanzen durchgeführt. Mich persönlich interessiert, ob ich die Mitoxantrontherapie besser individualisieren kann. Vielleicht könnte es Blutmarker geben, die mir anzeigen, ob jemand schnell Nebenwirkungen auf Mitox kriegt und ob er auch schlecht auf Mitox anspricht. Daneben interessieren mich die Anti-Myelin Antikörper schon in den allerersten Stadien der Erkrankung (eigentlich schon vor Erkrankungsbeginn). Zuguterletzt bearbeiten wir im Moment unterschiedliche Mechanismen, wie eine Entzündungsreaktion im Gehirn beendet werden kann. DAsjenige, was -hoffentlich- in näherer Zukunft mal für die Betroffenen relevant sein könnte, sind die Mitoxantron Studien. Daneben forschen meine Kollegen auch an anderen wesentlichen Aspekten wie die sogenannten regulatorischen T-Zellen "gute T-Zellen" , die ja schon in anderen Fragen kamen, sowie "schützende" Stoffe, "Neurotrophine" etc. (dies auch in Richtung der Frage Forschung an einer Heilung")

    V: Oh Entschuldigung Hr. Dr. Chan. Ich habe gerade gesehen, dass bereits jemand eine Frage zu Tovaxin gestellt hat. Mein Browser war da wohl etwas langsam bzw. ich etwas unaufmerksam.

    PD Dr. Andrew Chan: Kein Problem :)

    N.: Herr Dr. Chan, gibt es neue hoffnungsvolle Ansätze die in absehbarer Zeit eine Verbesserung der Gehfähigkeit bei SPMS bewirken werden?

    PD Dr. Andrew Chan: Superschwierig. Ich bin ja jetzt in Bochum, hier wurde ja lange Zeit die intrathekale Volon A Therapie (Cortison) propagiert. Die Daten lassen aber keine endgültige Schlußfolgerung zu. Aminopyridine sind potentiell interessant, aber auch wegen des Nebenwirkungsprofils schwierig. Also: konkret auf absehbare Zeit und auf Gehfähigkeit fokussiert, und dann noch Verbesserung (also in Richtung Heilung), eher nein

    N.: Mich interessiert ob es, wie z.B bei Krebspatienten, auch bei MS-Patienten (chronischen Verlaufsformen) schon zu Spontanheilungen gekommen ist oder ist dies bei MS grundsätzlich ausgeschlossen?

    PD Dr. Andrew Chan: Nichts ist in der Medizin und Biologie ausgeschlossen! Was wir sehr gut wissen, ist, daß die Erkrankung mal aktive und mal ruhige Phasen hat, ohne daß wir gut verstehen, woran das liegt. Und ich kenne auch viele Verläufe, die schlimm anfangen, sich dann aber im folgenden beruhigen. Was wirklich interessant wäre, wäre die Mechanismen dahinter zu verstehen, und dann vielleicht auch Marker für einen solchen instabilen oder stabilen Verlauf zu haben, dann könnte man darauf auch die Therapie ausrichten. Primär gehen wir davon aus, daß die Immunvorgänge chronisch sind, also immer wieder die Möglichkeit haben, aufzuflammen. Was das aber dann im einzelnen im Schach hält (? regulatoische T-Zellen?) ist wirklich derzeit unklar.

    Markus: Hallo Dr. Chan, zu den Antikörpern. Da heißt es ja, bei Antikörpern soll die therapie abgebrochen werden. Warum?

    PD Dr. Andrew Chan: Es gibt viele Antikörper mit Bedeutung in der MS. Heiß diskutiert: Anti-Myelin Antikörper, die vielleicht schädigend sein könnten, und dann auch gerade in frühen MS-Stadien für eine Verlaufsbeurteilung herangezogen werden könnten. Dann gibt es sogenannten neutralisierende Antikörper, gegen Interferone und auch gegen Tysabri. Diese können die Wirkung soweit abschwächen, daß die Substanzen dann nicht mehr wirksam sind, und dann abgebrochen werden müssen. Das ist das, was Sie meinen. Dann wiederum gibt es Antikörper, die therapeutisch eingesetzt werden. Tysabri ist ein Beispiel, dies ist ein Antikörper gegen ein Molekül, welches die Einwanderung von Entzündungszellen in das Gehirn vermittelt.

    N.: Sind einige noch in der Forschung befindlichen oralen Substanzen auch für die chronischen Verlaufsformen geeignet und ggf. welchen Substanzen geben Sie für diese Formen die besten Chancen? Danke

    PD Dr. Andrew Chan: Potentiell ja, aber noch nicht ausgetestet. FTY ist ein guter Kandidat, Cladribine, Teriflunomide, Laquinimod, vielleicht BG12, aber das sind wirklich nur Spekulationen

    N.: Gibt es seriöse Quellen (weltweit) die in einzelnen Humanversuchen schon eine Heilung beschreiben haben?

    PD Dr. Andrew Chan: Das ist ganz schwer, weil Heilung müßte man dann so definieren, daß es nie wieder zu Ereignissen der MS gekommen ist. Wie Sie wissen, sind die Krebstherapeuten da ja anders mit ihren Definitionen der sogenannten Remission. Also, eigentlich nein, weil man dann wirklich bis zum Lebensende gucken müßte. Es gibt Serien der Stammzelltherapien, die sowas ähnliches behaupten, allerdings auch nur bis zu einem kurzen Zeitraum der Nachbeobachtung und mit den Einschränkungen der teils lebensgefährdenden Nebenwirkungen, die ich schon vorher beschrieben habe.

    N.: Es wurde in letzter Zeit immer wieder von einem positiven Einsatz von Sojaextrakten berichtet, kann man dies ohne große Gefahr mit gängigen Präparaten ausprobieren und wenn ja in welcher Quantität? Danke für Ihre Antwort im Voraus !

    PD Dr. Andrew Chan: Leider gibt es hier keine ganz gute Datenlage, auch keine guten Studien. Ich war früher viel strikter, und habe immer nur das befürwortet, was erwiesen war. Mittlerweile denke ich -und das ist meine ganz persönliche Meinung- , daß jeder das zusätzlich nehmen kann, was ihm nicht schadet, und dazu gehört auch der Geldbeutel. Wenn ich also höre, daß Methoden für viel Geld angeboten werden, die potentiell gefährlich sind und dann auch noch den finanziellen Ruin bedeuten, lehne ich das natürlich ab. Sojapräparate sollten nicht schädlich sein, wenn sie in moderaten Dosierungen eingenommen werden, und sind auch nicht teuer. Ich persönlich glaube nicht, daß das was bringt, glaube aber auch nicht, daß es etwas schadet. Aber wie gesagt, persönliche Meinung.

    N.: Wird Tysabri auch in absehbarer Zeit für die SPMS zugelassen werden? vielen Dank für Ihre Antwort !

    PD Dr. Andrew Chan: Es gab in der sogenannten Phase IIb Studie, also vor der Zulassungsstudie ca. 30 Patienten mit SPMS und überlagerten Schüben, die behandelt wurden. Zielparameter waren die Schübe, aber nicht die Progression. Es könnte so sein, daß Tysabri auch einen Wirkmechanismus bei chronischen Verläufen entfaltet, der eher im Gehirn /Rückenmark lokalisiert ist (und nicht an der Bluthirnschranke). Das ist aber Hypothese, die derzeit im Tierexperiment geprüft wird. Dann müßten die klinischen Studien (Phase II, mind. 6 Monate, Phase III mehrere Jahre) laufen, d.h. Tysabri wird nicht in den nächsten wenigen Jahren für chronische Verläufe zugelassen werden.

    N.: Gibt es neuere Erkenntnisse aus dem Forschungsspektrum von Prof. Becher (Zürich) der ja einen Weg entdeckt hat das Immunsystem so zu modifizieren, dass die Selbstzerstörung verhindert wird? Danke für Ihre Antwort im Voraus!

    PD Dr. Andrew Chan: Prof Becher hat viele sehr interessante Ansätze, die auch zuletzt exzellent publiziert wurden. Allerdings sind dies rein tierexperimentelle Arbeiten, so daß Ansätze übertragbar auf den Menschen noch dauern werden

    markus01: guten abend Dr. Chan, ich habe letztes jahr an einer studie zu "teriflunomid?!" teilgenommen und leider wegen mehrer schüben abbrechen müssen. gibt es schon information zum verlauf, bzw wirkung von diesem medikament? vielen dank im vorraus

    PD Dr. Andrew Chan: Lieber Markus, also in der Studie, die vor der eigentlichen Zulassungstudie durchgeführt wurde und die auf Kernspintomographische Parameter über einen kurzen Zeitraum ausgerichtet war, war die Substanz erfolgreich. Die längere, große Studie läuft derzeit noch, da gibt es noch keine Ergebnisse, werden aber bald kommen. Die ersten Patienten gehen schon in die sogenannte Verlängerungsstudie (Extension).

    N.: Was wird von BG12 erwartet? Danke !

    PD Dr. Andrew Chan: BG12 hat in der Phase II Studie, vor der eigentlichen Zulassungsstudie, über kurzen Zeitraum gute Ergebnisse gezeigt. Phase III läuft gerade in D an, in den nächsten Monaten werden die patienten eingeschlossen werden. Das interessante an dieser Studie ist das vermutlich gute Sicherheitsprofil. Fumarate werden ja schon lange von den Hautärzten für die Schuppenflechte verwandt. Also haben wir weniger Angst vor unerwünschten Langzeitnebenwirkungen, die ja bei anderen Substanzen zuletzt ins Gerede gekommen sind.

    Moderator Jutta Hirscher: Liebe Chatter, es sind noch einige Fragen offen, die Herr Dr. Chan noch beantworten wird. Bitte keine neuen Fragen mehr einstellen, der Chat wird jetzt geschlossen. Für Ihre Fragen stehen Ihnen auch die Experten im Expertenrat der AMSEL unter expertenrat@amsel-dmsg.de zur Verfügung. Ich danke allen für Ihre Fragen und Herrn Dr. Chan für seine Antworten. Allen noch einen schönen Abend und bis zum nächsten Chat am 15. Mai.

    N.: Herzlichen Dank für Ihre kompetenten Antworten auf hoffentlich nicht allzu nervige Fragen? Einen schönen Abend für Sie und bleiben Sie uns als MS-Forscher treu, Sie werden ja schon oft in wissenschaftliche Stellungnahmen erwähnt !

    PD Dr. Andrew Chan: Vielen Dank für die Blumen! Der Chat war ganz Klasse, Sie waren alle superinformiert und alle Fragen sehr interessant.

    Redaktion: AMSEL e.V., 18.04.2007